In Schulen in Aachen sind Waschbecken oft Ausgussbecken

Glossiert : Wo ein Waschbecken kein Waschbecken sein darf

Ein Waschbecken ist ein Waschbecken und bleibt ein Waschbecken. Logisch. Oder? Denken Sie! So einfach ist die Sache nicht. Zumindest nicht in den Schulen dieser Stadt. Da darf manches Waschbecken kein Waschbecken sein.

Diese Erkenntnis mag überraschen, ist aber das Ergebnis einer Stellungnahme der Verwaltung. Anlass: Eine Anfrage der Stadtschulpflegschaft ans Schulamt, die wiederum von Eltern kam. Tenor: Warum stellt die Stadt für die Waschbecken in den Klassenräumen keine Seife und Tücher zum Abtrocknen zur Verfügung? Schließlich predigen Erziehungsberechtigte und Lehrpersonal doch gebetsmühlenartig: Kinder, wascht Euch regelmäßig die Hände! Da ist es doch praktisch, dass Waschbecken in den Klassen hängen. Von wegen. Nix Waschbecken! Ausgussbecken! Richtig gelesen: Es sind nur Ausgussbecken in den Klassen. Zumindest heißen sie in der Aachener Verwaltung so. Und selbst die sind in keiner Landesbauverordnung, keiner Schulverordnung vorgeschrieben. Sagt die Stadt. Sie sind also quasi ein netter Zug der städtischen Ämter.

Weil die Ausgussbecken Ausgussbecken und keine Waschbecken sind, dienen sie offiziell auch nur folgendem Zweck: Sie werden „in Schulklassen mit konventionellen Tafelsystemen zur Reinigung der Tafeln von Kreide benötigt und auch genutzt“. Heißt es seitens der Verwaltung auf Nachfrage. Und weiter: „In der Nutzung und Wahrnehmung durch Kinder, Eltern und Lehrern werden die Becken eher als ‚Handwaschbecken’ angesehen. Diese Funktion hatten sie aber nie.“

Hunderttausende Kinder haben also jahrzehntelang funktionswidrig an den Ausgussbecken Handhygiene betrieben. Aber immerhin hat diese Antwort pädagogisch etwas Sinnvolles. Kinder, Lehrer und Eltern lernen: Alles eine Frage der Interpretation. Und interpretieren ist wichtig. Denn, wie sich hier mal wieder beweist: In dieser Welt ist vieles nicht so, wie es scheint.

Ach ja: Der Megatrend ist ja nun, die gute alte Tafel zum alten Eisen zu werfen und stattdessen „Smartboards“ an die Wände zu pappen. Da wird gebeamt und gestreamt, statt mit Kreide zu schreiben. Abwischen muss man die nicht mehr. Und mithin auch nichts ausgießen, weswegen es in Neubauten keine Wasch-, pardon Ausgussbecken mehr gibt. Und die alten sollen beim Einzug der neuen Technik „zurückgebaut“ werden. Samt Leitungen.

Das alles reißt Dieter Cohnen von der Stadtschulpflegschaft zu der Bemerkung hin: „Man muss fassungslos schlucken.“ Sollte man aber auch nicht tun. Zumindest kein Wasser aus den Hähnen an den Ausgussbecken. Denn da kommt der nächste gewichtige Grund ins Spiel: Weil kaum noch etwas in den Ausgussbecken ausgegossen wird (und sie fürs Händewaschen ja sowieso nicht vorgesehen sind), sinkt der Wasserdurchfluss, wodurch auf der anderen Seite die Gefahr steigt, dass sich in den Leitungen gefährliche Legionellen einnisten. Das wäre übel, und da würde auch kein Ausgießen mehr helfen. Die Stadt sagt, sie müsste dann „alle Wasserleitungen in den Schulgebäuden vorsorglich reinigen lassen, um das Hygiene- und Gesundheitsrisiko weitgehend zu minimieren“. Das aber sei „nicht angemessen“. Eine Grundsatzentscheidung, so heißt es weiter, „wie es mit den Ausgussbecken in den Schulklassen weitergehen soll, wird wohl in einiger Zeit zu fällen sein“.

Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: Weil es sich nicht um Waschbecken handelt, stellt die Stadt, hier das Gebäudemanagement, auch keine Hygieneartikel für die Klassen zur Verfügung. Das sei kein „städtischer Standard“. Wenn es dergleichen gebe, sei dies vor allem durch „private Initiative (Eltern, Lehrer, Fördervereine)“ geschehen.

Aber keine Bange: Die Stadt betont, dass sie viel Geld in die Sanierung „größerer Toilettenanlagen (Anm. d. Red.: nach vielen Jahren Sanierungsstau) und OGS-Verpflegungsküchen in den Schulen“ investiere. Diese Anlagen würden auch mit Waschbecken, Handtuch- und Seifenspendern ausgestattet. Immerhin.

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