Weihnachtszirkus: In der Kuppel wirbelt eine Akademikerin

Weihnachtszirkus : In der Kuppel wirbelt eine Akademikerin

„Fallen“ ist ihre große Kunst, sagte Trapez-Artistin Lisa Rinne. Das hat sie auf der Zirkusakademie in Tilburg gelernt. In Dieter Bohlens TV-Format „Supertalent“ flog sie trotz eines spektakulären Auftritts raus. Doch das Spiel mit der Schwerelosigkeit, das beherrscht Lisa Rinne wie keine andere, sie ist schlicht Weltklasse.

Im Aachener Weihnachtszirkus auf dem Bendplatz legte sie eine gelungene Premiere am Trapez und an ihrer bis in neun Meter Höhe reichenden Strickleiter hin. „Das war toll für uns alle, wir hatten Standing Ovations“, berichtete die Wahlkölnerin im vorweihnachtlichen Gespräch mit unserer Zeitung vom Eröffnungsabend am vergangenen Freitag (wir berichteten).

Bachelor in der Kunst des Fallens

Die Trapezartistin ist sozusagen brandneu im Aachener Programm – und die zierliche junge Frau kommt nicht nur mit diversen zirzensischen Auszeichnungen wie der Silbermedaille des Pariser „Festival Mondial du Cirque de Demain“ und dem Silbernen Elefanten des internationalem Moskauer Zirkusfestivals nach Aachen. Sie glänzt dazu noch mit einer von ihr kreierten extrem schwierigen Nummer in der Zirkuskuppel, einem „Salto vorwärts aus dem Fersenhang zurück in den Stand“, wie ihr Lebensgefährte und Akrobat am „Chinesischen Mast“, Andreas Bartl, stolz erzählt. Fallen darf man dabei natürlich nicht, obwohl die junge Frau in dieser „Disziplin“ an der Strickleiter sogar einen Bachelor, also einen Hochschulabschluss, vorweisen kann.

Da reibt sich der „Normalo“ die Augen. Die heute 30-Jährige absolvierte bereits vor Jahren die Akademie für „Circus and Performance Art (AcapA) im niederländischen Tilburg mit dem Bachelor und ist seither quasi studierte Zirkusfrau. Überhaupt: Sie und ihr Partner geben ein hochmodernes Zirkuspaar ab, das neben den großen, europaweiten Engagements übers komplette Jahr hin seine eigenen zirzensischen Projekte mit diversen, auf der gleichen Linie tickenden Artistenkollegen verfolgt.

Andreas Bartl (41), der seinerseits über zwei Uniabschlüsse in Ethnologie und Erziehungswissenschaften sowie über ein Diplom der Brüsseler Hochschule für Zirkuskünste verfügt, ist der logistische Motor bei artistischen und akrobatischen Basisprojekten mit illustren Namen wie „Circus unartiQ“ oder der „commenground.show“, mit letzterem werden die beiden mit weiteren vier Artisten und Artistinnen im kommenden Jahr an den Start gehen.

Der aus der Umgebung von München stammende Akrobat Bartl versucht etwas von der neuen, am Genre Performancekunst angelehnten Philosophie eines Zirkus-Ambientes zu vermitteln. Dies sei im Ausland „schon seit langem“ gang und gäbe, nur Deutschland hinke da Lichtjahre hinterher, bedauert er die Lage. „Bei uns hat sich noch nicht so herumgesprochen, dass dies Kunst ist wie im Theater und dass Zirkus eben viel mehr ausmacht als Manege, Zirkuszelt, rote Clownsnase und Sägespäne“, sagt Bartl. Dann schildert er, wie förderlich und offen internationale Festivals für die Fortentwicklung der zirzensischen Künste generell seien, und berichtet, dass es inzwischen sogar öffentliche Fördergelder für solche Projekte mit artistischen Performance-Kompanien gebe.

Doch von der großen Kulturpolitik zurück in die zirzensische Realität unter der Kuppel auf dem Bendplatz, in der Lisa Rinne im Schlussbild den weißen Engel hoch in der Luft gibt. Und einmal mehr stellt sich die Frage: Was tun die Artisten, und wie gestalten sie ihr Fest, wenn – wie am heutigen Heiligen Abend – ausnahmsweise spielfrei ist? Zwar sei es nicht weit nach Köln, lacht Lisa Rinne sympathisch locker, aber frei sei eben nur ein Tag. Da zögen sie beide es vor, sich einfach in ihrem Wohnwagen direkt neben dem Zirkuszelt einen gemütlichen Abend zu machen, und gemeinsam zu kochen. „Das machen wir so richtig gemeinsam“, schmunzelt die Fee der Lüfte, die vermeintlich mühelos Meter für Meter in die Höhe klettert, um sodann mit waghalsigen Manövern am schwingenden Trapez das Publikum zu begeistern.

Die Familie von Lisa Rinne stammt aus der Nähe von Oldenburg – zu weit, für einen kurzen Tagesbesuch, wie eben auch München. Doch das Familienleben der Rinnes wird sich ändern. Köln liege zentral und sei eine lebendige Stadt, sie aber ziehe es zurück in den Norden in die Nähe von Oldenburg, bekennt Lisa Rinne, da muss der Bajuware an ihrer Seite einfach mit.

„Mega-Auftritt“ bei Bohlen und Co.

Eines soll am Ende noch erwähnt werden. Selbst bei der im November ausgestrahlten Folge von Bohlens „Supertalent“ heimste Lisa Rinne mit ihrem „Mega-Auftritt“ (Express) unmittelbar über den Köpfen des Publikums stürmischen Beifall ein. Doch dem Maestro am Buzzer war das wohl nicht genug, Trapez sei etwas völlig Normales, also raus mit ihr, hieß es.

Bohlen katapultierte lieber Sänger Lorenzo Sposatos ins Finale. Ärgerlich? Nein: „Das Publikum war für uns“, lachte Lisa Rinne, das Thema ist erledigt.

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