Aachen: In bunten Kisten steckt ein Stück Weihnachten

Aachen: In bunten Kisten steckt ein Stück Weihnachten

Am Eingang zum Ballsaal des Alten Kurhauses hat sich eine lange Schlange von Menschen gebildet. Viele von ihnen haben einen Einkaufstrolley dabei. Es geht geordnet und gesittet zu, viele strahlen.

Der Andrang bei der achten Weihnachtskisten-Aktion von Aachener Tafel, WDR und unserer Zeitung ist wie jedes Jahr groß. „Niemand von den Bedürftigen steht gerne hier an. Das ist kein leichter Gang, aber sie empfinden es dennoch als große Hilfe. Sie reden auch nicht von Kisten, sondern von Geschenken”, erklärt Jutta Schlockermann, Vorsitzende der Aachener Tafel.

Knapp 2000 Gabenpakete hatten die Aachener am Montag ins Alte Kurhaus an der Komphausbadstraße gebracht. Mit dem Inhalt soll weitestgehend die Zubereitung eines Weihnachtsessens ermöglicht werden. „Toll, dass wieder so viele Aachener mitgemacht haben”, freut sich Schlockermann. „An Heiligabend nur vor einem kargen Mahl zu sitzen, ist nicht schön. Und auch die zwischenmenschliche Wärme, die durch die Kisten transportiert wird, kommt bei vielen unserer Kunden sehr gut an.”

Der nächste Kunde in der Schlange ist eine ältere Dame. „Guten Tag, Frau Schlockermann”, sagt sie ganz stolz in gebrochenem Deutsch und zeigt ihre Kundenkarte für die Aachener Tafel vor. Jutta Schlockermann kennt die Dame. „Wie geht es Ihnen? Sie sprechen ja immer besser deutsch”, antwortet die Tafel-Vorsitzende, während sie in die Karte ein Loch stanzt. „Damit stellen wir sicher, dass jeder nur eine Kiste bekommt und sich nicht erneut anstellen kann”, betont die Tafel-Chefin.

Dann folgt die Dame mit ihrem Einkaufstrolley einem ehrenamtlichen Tafel-Mitarbeiter, der sie zu einem der vielen Tische führt, auf denen sich die vielen bunten Weihnachtskisten stapeln. Sie blickt in mehrere Kisten und greift schließlich strahlend nach einer, die mit rotem Weihnachtspapier verpackt ist. „Die Wünsche sind sehr unterschiedlich, und jeder sucht für sich die ideale Kiste. Manche Kunden suchen nach Fleisch, andere eher nach Wein. Die Entscheidungsfindung kann da schon einmal länger dauern”, sagt einer der insgesamt 25 ehrenamtlichen Helfer der Tafel.

In einem Raum am Ende des Ballsaals herrscht reges Treiben. Stimmengewirr, lautes Rascheln. An drei langen Holztischen packen die Bedürftigen die Inhalte ihrer gerade erworbenen Kisten in ihre mitgebrachten Trolleys und Tüten. „Viele Kunden wollen nicht mit den Kisten über die Straße laufen. Das wäre wie ein Stigma”, erläutert Schlockermann.

Einige Tafel-Kunden kommen schon seit vielen Jahren in der Vorweihnachtszeit ins Alte Kurhaus. „Es ist traurig zu sehen, dass Menschen seit sieben, acht Jahren eine Kiste abholen. Vielen sieht man die Armut gar nicht an. Bei fast allen hat es in der Biografie einen Bruch gegeben, der nicht mehr verheilt ist.”

Ein Herr verstaut seine Geschenke in zwei Plastiktüten. Noch im letzten Jahr war der Mann schwer krank. Jetzt sei er wieder gesund, und seine Tochter habe Abitur gemacht, erzählt er mit einem breiten Lächeln. In seiner Weihnachtskiste steckt eine weiß-goldene Grußkarte: „Liebe/r Aachener/in! Wir hoffen, Ihnen mit diesem Paket eine kleine Freude zu bereiten. Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr.” Eine klare Botschaft an den Bedürftigen. Mit viel menschlicher Wärme.

Mehr von Aachener Zeitung