In Aachens Nachbarort Vaals sorgt die neue Baumschutzsatzung für Streit

150 Jahre alte Buchen in Gefahr? : Wie 985 Bäume aus der Satzung flogen

Ein Gemeinwesen zu führen, ist in einer immer komplexer werdenden und sich immer schneller ändernden Welt schwierig. Das gilt auch für Vaals mit seinen rund 10.000 Einwohnern. Die Nachbargemeinde (Eigenwerbung: „Die kleine Schwester von Aachen“) hat seit neuestem ein ohne Not geschaffenes Baumproblem.

Vor ziemlich genau einem Jahr stieß man darauf, dass die „Bomenverordening“, also die Baumschutzsatzung, gar nicht wirksam war, weil ihre Neufassung 2014 nicht veröffentlicht worden war. Eine neue musste folglich her. Und wie schon vier Jahre zuvor waren die Christdemokraten der Meinung, dass Privatleute auf ihrem eigenen Grund und Boden nicht eingeschränkt werden dürften. Es sei unsinnig, dass ein Baum, der etwa anlässlich der Kommunion eines Kindes gepflanzt worden war, nach ungefähr 35 Jahren nicht mehr gefällt werden darf, weil er inzwischen unter Schutz gestellt wurde, argumentierte die Partei. Das sei zu viel Einmischung von oben.

Die CDA gab die Richtung vor, andere Parteien schlossen sich an, und mit Mehrheit wurde eine neue Satzung beschlossen. 985 der rund 1500 als Monumente eingestuften Gewächse flogen folglich aus der Liste. Die können nun ohne Genehmigung umgelegt werden.

Die lokale Partei „Het Alternatief“ wollte sich jedoch nicht damit abfinden, dass ein Großteil der wertvollen Gewächse schutzlos sein sollte und stellte den Antrag, sie wieder in die Satzung aufzunehmen. In einer spontan angesetzten Umfrage im örtlichen Wochenblatt hatte sich nämlich eine Mehrheit für den Erhalt der Bäume ausgesprochen. Doch im 13-köpfigen Gemeinderat fand „die Alternative“ keine Mehrheit, das Ansinnen wurde glatt abgebügelt.

Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Stellungnahme der örtlichen und einstmals ökologisch orientierten Gruppierung V&O, die bei Kommunalwahlen zahlreiche Stimmen der in Vaals lebenden Deutschen erhält. Sie war zwar anfangs gegen den CDA-Plan, stimmte aber beim zweiten Mal gegen dessen Korrektur. Man habe sich halt dem demokratisch gefassten Beschluss gefügt, erklärte Fraktionsvorsitzende Marianne Kayser.

Die Bewohner der Bosstraat (Bos bedeutet Busch oder Wald), die in einem Abschnitt diesen Namen zu Recht führt, wollten sich mit diesem Ergebnis nicht abfinden und starteten deshalb eine Petition. 44 Familien unterschrieben einen Brief, in dem die Gemeinde aufgefordert wird, die 985 Bäume erneut in die Satzung aufzunehmen. Doch auch ein erneuter Anlauf im Gemeinderat blieb ergebnislos.

Immerhin stellte der zuständige Beigeordnete John Coenen bei einem Rundgang durch den Ort fest, dass von einem massenhaften Baumfällen seit Oktober 2018, also dem Inkrafttreten der neuen Bomenverordening, keine Rede sein könne. Nur wenige Bäume seien aus dem Straßenbild verschwunden. Eigentümer hätten nun einen Ermessensspielraum: „Das liegt völlig in der liberalen Denkweise, den Einwohnern weniger Regeln aufzuerlegen.“

Ob das im Zeichen des Klimawandels das richtige Signal ist? Beigeordneter (Wethouder) Coenen erklärt auf Anfrage unserer Zeitung, dass die Bäume an der Bosstraat nicht der Gemeinde gehörten und kein einziger Besitzer der Grundstücke seines Wissens ein Signal abgegeben habe, einen Baum fällen zu wollen. Falls doch, benötigten sie keine Genehmigung. Man könne darüber nachdenken, die Bäume in eine Stiftung zu überführen, um ihren Fortbestand zu sichern, sagt er. Dabei handele es sich jedoch um seine Privatmeinung, die erst von einer Mehrheit des Gemeinderates abgesegnet werden müsse.

Die Anwohner der Bosstraat jedenfalls wollen sich für den Erhalt der rund 150 Jahre alten Buchen einsetzen. Schließlich zögen sie Vögel, Eichhörnchen und Fledermäuse an und gäben der Straße einen besonderen kulturhistorischen und landschaftsprägenden Charakter. Sie haben sogar angeboten, das Totholz, das in alten Bäumen irgendwann zu Problemen führen kann, mit eigenen Mitteln herauszuholen.

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