In Aachen wird über die künftigen Oberbürgermeister diskutiert

Nach der Europawahl : Für die Grünen heißt es „Auf dem Teppich bleiben“

Gibt es nächstes Jahr einen grünen Oberbürgermeisterkandidaten oder eine -kandidatin? An Machtspielchen wollen sich die Wahlsieger nach der Europawahl nicht beteiligen. Die SPD setzt weiter auf einen gemeinsamen OB-Kandidaten.

Und plötzlich sehen die politischen Verhältnisse ganz anders aus: Eben nur größte Oppositionspartei, jetzt die mit Abstand stärkste Kraft in der Stadt – mit dieser Rolle müssen sich seit Sonntag die Grünen in Aachen auseinandersetzen. „Das Ergebnis ist ein bisschen unheimlich“, sagt Fraktionsgeschäftsführer Helmut Ludwig, der am Tag nach der Europawahl seinen Parteifreunden dringend empfahl: „Auf dem Teppich bleiben. Jetzt bloß keine Machtspielchen.“

Dass die Grünen der CDU nahe kommen, war vor dem Wahltag seine Hoffnung. Dass sie die Christdemokraten jedoch weit hinter sich lassen und zusätzlich die SPD deklassieren würden, hätte er nicht zu träumen gewagt. Für ihn ist die Botschaft klar: „Die Bürger wollen, dass die drängenden Themen endlich angepackt werden.“

Insofern sagt das Europawahlergebnis auch etwas über die politische Stimmungslage in Aachen aus. Ob Klimaschutz, Luftreinhaltung oder Innenstadtentwicklung – „die Leute wollen, dass sich endlich etwas bewegt“, ist Ludwig überzeugt. Und den Grünen trauen viele Wähler offenbar am ehesten zu, die drängenden Probleme nicht nur anzusprechen, sondern auch zu lösen.

Will mit der SPD den „Dornröschenschlaf beenden“: Mathias Dopatka (SPD). Foto: Harald Krömer

In allen Fraktionen wurde am Montag diskutiert, was das Ergebnis der Europawahl für die Kommunalwahl und die Oberbürgermeisterwahl im Herbst 2020 bedeutet. Und vor allem für die Grünen stellt sich die Frage: Muss man jetzt nicht ernsthafter denn je über einen Kandidaten nachdenken, um Amtsinhaber Marcel Philipp (CDU) den Posten streitig zu machen?

Das sei bisher kein Thema gewesen und sei es auch jetzt noch nicht, versicherte Ludwig umgehend. Man denke nicht über Posten nach, sondern versuche, weiterhin aus der Opposition heraus, mehr Bewegung in die Politik zu bringen. „Wir beschäftigen uns mit Inhalten. Die OB-Wahl ist noch weit weg.“

Auf Anregung von SPD-Parteichef Mathias Dopatka hat es im Hintergrund allerdings längst erste fraktionsübergreifende Gespräche zur OB-Wahl gegeben. Die geplante Abschaffung der Stichwahl mache es nötig, sich über einen möglichen gemeinsamen Kandidaten abzustimmen, ist Dopatka überzeugt. „Es gibt berechtigte Kritik daran, wie das Rathaus gemanagt wird, da möchten wir eine neue personelle Lösung finden“, sagt er. „Wir wollen den Dornröschenschlaf beenden.“

Verlorene Stammwählerschaft

Bis Sonntag, 17.59 Uhr, konnte er das noch als Parteichef der zweitgrößten Aachener Partei sagen, inzwischen aber spricht er nur noch für die drittstärkste. Die klassische Stammwählerschaft gibt es nicht mehr, lautet Dopatkas Erkenntnis nach einer weiteren herben Wahlniederlage für die Genossen. Vorbei seien damit allerdings auch die Zeiten, in denen die CDU im traditionell katholisch-konservativen Aachen automatisch starke Mehrheiten einfährt. Aktuell haben seiner Rechnung nach mehr als 60 Prozent der Aachener für ein „fortschrittliches Mitte-Links-Lager“ gestimmt. „Das zeigt, dass die Kommunalwahl sehr spannend wird. Es ist alles offen.“

Es ist kein Geheimnis, dass er selbst gerne als OB-Kandidat antreten würde und dafür Unterstützer sucht. Weder die Grünen, noch Liberalen, Linken oder Piraten haben sich dazu bislang zustimmend geäußert. Dopatkas Chancen dürften seit Sonntag weiter gesunken sein, zumal es bei den Grünen starke Stimmen gibt, auch „etwas abseits der Parteien“ nach geeigneten Kandidaten zu suchen.

Philipp noch nicht festgelegt

Offen ist freilich auch noch, wie sich die CDU dann aufstellen wird. Immer wieder werden von Unbekannt Gerüchte verbreitet, dass Philipp amtsmüde sei und womöglich kein Interesse mehr an einer weiteren Kandidatur habe. Eine Stellungnahme dazu lehnt er seit längerem ab. Er wolle sich nicht an der „Strategiefindung“ seiner Mitbewerber beteiligen, teilte er  schon vor Wochen mit. „Ein Jahr vor Ende der Wahlperiode macht es Sinn, sich festzulegen, bis dahin konzentriere ich mich allein auf die Umsetzung des bisherigen Wählerauftrags.“

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