In Aachen werden vor Weihnachten 11.000 Päckchen pro Tag ausgeliefert

Paketzusteller vor den Feiertagen : Warum der Paketbote nur dreimal klingelt

Weihnachtszeit bedeutet Ruhe und Besinnlichkeit? Nicht, wenn man als Paketzusteller arbeitet. Für die Mitarbeiter der Branche sind die Wochen vor Weihnachten Großkampftage.

Marcel Krings drückt den Klingelknopf an einem Mehrfamilienhaus an der Sophienstraße im Frankenberger Viertel in Aachen. Es dauert einige Sekunden, dann summt die Tür. Krings drückt auf und steht im Flur. „Pakete!“, ruft der junge Mann und nimmt bereits die ersten Stufen des Treppenhauses im Laufschritt, drei große Pakete unterm Arm.

Marcel Krings arbeitet als Zusteller bei DHL. Wie die anderen Lieferdienste auch hat das Unternehmen vor Weihnachten alle Hände voll zu tun. Rund 11.000 Pakete sind es, die dieser Tage allein von der DHL in Aachen verteilt werden. Jeden Tag. Hinzu kommen die Lieferungen von UPS, DPD, Hermes und den anderen Lieferdiensten.

Marcel Krings ist mittlerweile im vierten Stock des Wohnhauses angekommen. Eine junge Frau im Jogginganzug steht in der Wohnungstür. „Ist das für mich?“, fragt sie hoffnungsvoll. Krings bejaht, zumindest zwei von drei Paketen sind für sie. „Würden Sie auch für Ihren Nachbarn ein Paket annehmen?“, fragt der Bote. Sie zuckt mit den Schultern, klar, warum nicht. Marcel Krings ist erleichtert, bedankt sich, wünscht einen schönen Tag und ist schon wieder auf dem Weg zurück zum Lieferwagen. Dass er mit leeren Händen zum Wagen zurückkommt, ist keine Selbstverständlichkeit. „Viele Leute sind tagsüber nicht zu Hause“, sagt der Kohlscheider, der bereits seit 2014 als Zusteller arbeitet. Öffnet ein Paketempfänger nicht die Tür, probiert man es eben noch bei bis zu drei Nachbarn. Bei wie vielen Leuten man schellt, hängt ganz davon ab, wie voll der Lieferwagen noch ist. „Wir können nicht zu viel Zeit darauf verwenden, an den Haustüren zu warten“, sagt Marcel Krings. Im Notfall wird einer der berühmten Zettelchen ausgefüllt, der den Adressaten darauf hinweist, dass er sein Paket in einer Filiale abholen kann.

Marcel Krings in seinem Streetscooter: Bis zu 300 Pakete verteilt der Zulieferer pro Tag in Aachen. Foto: Andreas Herrmann

Ob er dafür Verständnis hat, dass Leute viel bestellen, obwohl sie gar nicht zu Hause sind? „Es gibt ja viele Möglichkeiten für die Kunden, ihre Pakete liefern zu lassen“, sagt er. Auf der einen Seite bieten die meisten Dienste an, die Päckchen gleich in eine Filiale zu bringen. Es gibt Packstationen. Und die Zustellung am Wochenende. „Wenn jemand will, sammeln wir alle Pakete über eine Woche und bringen sie samstags vorbei.“

Marcel Krings steuert seinen Streetscooter, den in Aachen produzierten Elektrowagen, aus der einen Parklücke in die nächste. Heute hat er Glück, es stehen nur wenige Autos am Rand der viel befahrenen Wohnstraße. Das bedeutet, er muss nicht in zweiter Reihe parken. Tut er das doch, muss er mit einem Knöllchen rechnen – das Ordnungsamt macht keine Ausnahme für Lieferdienste. Doch je nachdem, wo ein Paket hin muss, hat der jeweilige Lieferant fast keine andere Wahl als eben dieses Parken in zweiter Reihe: Die Zeit ist knapp. Das führt zu Stress, auch bei anderen Autofahrern. Es ist diese berühmte „letzte Meile“, die für die Zusteller das größte Problem darstellt. In Aachen soll sich daran bald schon etwas ändern (siehe Infobox).

Unterwegs begegnet ihm ein Kollege in einem kleineren Fahrzeug. „Das ist die Expresszustellung“, sagt Krings. Auch der startet in der Regel von der Debyestraße in Aachen-Forst. Von hier werden nicht nur Aachener Kunden beliefert, sondern auch Stolberger bekommen hierher ihre Pakete. In dem DHL-Bau rattern unzählige Kartons, Kisten und Tüten über die Rollbänder, nachdem sie vom Paketzentrum Köln-Eifeltor in die Kaiserstadt gekommen sind. „Die Anzahl der Sendungen nimmt immer weiter zu“, weiß Post-Pressesprecher Dieter Pietruck, jährlich seien es etwa sechs bis neun Prozent mehr.

Darum macht sich Marcel Krings auch keine Sorgen um seinen Job: „Wir haben genug zu tun“, sagt der Zulieferer, Kollegen werden eigentlich immer gesucht. Kolleginnen auch, aber die sind rar. Von den 80 DHL-Mitarbeitern, die derzeit in Aachen arbeiten, sind nur zwei weiblich. „Dass sich nur wenige Frauen für diesen Beruf entscheiden, hat auch mit der körperlichen Belastung zu tun“, erklärt Pressesprecher Pietruck. Ein Paket darf bis zu 31,5 Kilogramm wiegen. Und anders als bei der Briefzustellung wird das Paket bis an die Wohnungstür geliefert, wie beispielsweise in dem Altbau im Frankenberger Viertel.

Ob es nach den Weihnachtstagen etwas ruhiger wird? Marcel Krings lacht. „Nein, dann beginnen der Umtausch und der Rückversand. Andere kaufen dann die Sachen, die sie nicht geschenkt bekommen haben“, vermutet er. Dann ist er aber schon wieder unterwegs zum nächsten Wohnhaus, unter dem Arm drei Pakete, die noch vor Weihnachten sehnlich erwartet werden.

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