Immobilien GmbH bietet der Stadt Erwerb sämtlicher Grundstücke an

Altstadtviertel zwischen Rotlicht und Wohnquartier : Die Investoren werfen am Büchel das Handtuch

Außer Spesen nichts gewesen? Von wegen. Unterm Strich stehen erstmal rote Zahlen – und viele Nullen. Für viele Millionen Euro soll die Stadt nun das Parkhaus Büchel und umliegende Immobilien auf- und zurückkaufen, um ihrerseits das Altstadtquartier Büchel weiträumig abzureißen und komplett neu zu bebauen.

Das wird – bestenfalls – etliche Jahre dauern. Nach jahrelangen Querelen haben die Geschäftsführer der „Büchel Immobilien GmbH“, Gerd Sauren und Norbert Hermanns, am Dienstagmorgen Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp mitgeteilt, dass sie sich aus dem Projekt „Altstadtquartier Büchel“ zurückziehen werden. Seit Monaten hatten Insider mit diesem finalen Schritt gerechnet. Die privaten Investoren werfen das Handtuch. Dabei spielt der Streit um die Konzentrierung beziehungsweise Auslagerung der Rotlichtmeile nicht einmal die Hauptrolle.

„Die Entwicklung des Altstadtquartiers Büchel ist eines der anspruchsvollsten Vorhaben der Stadtentwicklung in Deutschland. Das Projekt ist mit einer Vielzahl von Erwartungen verbunden, die eine Realisierung für private Bauherren faktisch unmöglich machen“, erklärten Hermanns und Sauren nach dem Gespräch im Rathaus.

Neben der von Beginn an bekannten besonderen Struktur des Altstadtquartiers mit seiner Kleinteiligkeit, verwinkelten Baukörpern, Höhenversätzen, geringer Flächeneffizienz sowie zu erwartenden Archäologiefunden und heißen Quellen seien es vor allem „die weiteren Anforderungen der unterschiedlichen Beteiligten, die kein anderes Ergebnis zulassen“, so die Investoren. Das Projekt sei „überfrachtet mit Anforderungen und Erwartungen zwischen Bordellnutzung und bürgerlichem Wohnquartier“, die nicht miteinander in Einklang zu bringen seien.

Chance auf einen Neuanfang? Die privaten Investoren ziehen sich aus dem Projekt Büchel zurück und bieten die Grundstücke der Stadt Aachen zum Kauf an. Foto: Andreas Steindl

Nach Meinung der beiden Geschäftsführer der Büchel Immobilien GmbH sei „eine wirtschaftlich tragfähige Lösung“ unter den gegebenen Umständen ausgeschlossen. Will sagen: Die politischen Rahmenbedingungen – etwa wegen des hohen Anteils sozialen Wohnungsbaus – waren letztlich so eng, dass die privaten Investoren ein veritables Minus-Geschäft befürchten mussten.

Oberbürgermeister Philipp nahm diese Entscheidung mit Bedauern zur Kenntnis. „Wir werden nun mit der Ratspolitik die neue Lage beraten und den neuen Status quo definieren“, so Philipp in einer ersten Stellungnahme. „Wir sehen damit keinesfalls das Ende des Gesamtprojekts, die Entscheidung der Investoren schafft auch neue Handlungsmöglichkeiten.“ Die Stadt werde sich nun wieder stärker als „handelnder Akteur“ im Altstadtquartier einbringen, so der OB. Über den Kauf des von der „Büchel Immobilien GmbH“ angebotenen Immobilienpakets – inklusive Parkhaus – müsse nun in Politik und Verwaltung beraten werden.

Soll zuerst fallen: Das Parkhaus Büchel will die Stadt abreißen, um hier den ersten Neubau für das Quartier zu realisieren. Foto: ZVA/Harald Krömer

Es geht um mindestens 14 Millionen Euro – eher etwas mehr. Insgesamt liegen die Investitionskosten für die neue Bebauung deutlich über 100 Millionen Euro – ein Mammutprojekt. Das wird nun zerstückelt, soll in kleinen Schritten angegangen werden. Philipp: „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir als mögliche Eigentümer des heutigen Parkhausgrundstückes von dort aus das Viertel erschließen können.“ Philipp blickt auf eine neue Grundkonstellation, „in der auch die Chance liegt, den Neustart in diesem ausgesprochen ambitionierten Altstadtprojekt anzugehen“. Maßgeblich, so der Oberbürgermeister, seien aber nun die Reaktion und folglich der Gestaltungswille der Ratspolitik.

Für die Politik kommt die Nachricht alles andere als überraschend. „Wir haben ja alle mitbekommen, dass es Realisierungsschwierigkeiten gibt“, sagte CDU-Fraktionsvorsitzender Harald Baal auf Anfrage. Er hätte sich einen deutlich zügigeren Fortschritt im Altstadtquartier gewünscht, zu dem es in all den Jahren der Planungen und Gespräche mit den Investoren nie gekommen ist. „Im letzten halben Jahr war die Lage etwas festgefahren“, stellt er fest. Nun liege der Ball wieder bei der Stadt. „Das ist jetzt aber auch die Chance, neuen Schwung reinzubringen“, findet er.

Ziehen die Reißleine: Die Investoren Gerd Sauren und Norbert Hermanns kehren dem Büchelprojekt den Rücken – unwirtschaftlich. Foto: ZVA/Michael Jaspers

Da ist er sich einig mit dem Koalitionspartner, mit dem man offenbar schon seit längerem über einen Plan B nachgedacht hat. „Das trifft uns nicht unvorbereitet“, betonte am Dienstag auch SPD-Fraktionsvorsitzender Michael Servos. Gemeinsam bringen Baal und Servos daher nun die Gründung einer stadteigenen Entwicklungsgesellschaft ins Gespräch, die in die Bresche springen und das Büchelprojekt in städtischer Regie anpacken sollte.

Hauptziel müsse es aus Sicht von Servos sein, möglichst viele der Grundstücke im Plangebiet unter städtische Kontrolle zu bringen. Bei Baal klingt das so: „Wir haben jetzt die Option, in die Eigentümerposition zu gehen.“ Zu klären sei noch, welche Grundstücke überhaupt im Angebot sind. Die rechtliche Position der Stadt sei stark, so Baal, da sich die Stadt für viele Grundstücke das Vorkaufsrecht gesichert habe.

Auch Michael Rau, planungspolitischer Sprecher der Grünen, sieht den Zeitpunkt gekommen, die seit langem geforderte Stadtentwicklungsgesellschaft zu gründen. „Wir müssen aus der Hängepartie am Büchel lernen, dass die Stadt selbst als Erwerberin von Grundstücken und als gestaltende Akteurin im Bereich der Stadtentwicklung und -planung aktiver werden muss.“

Verständnis für die Entscheidung der Investoren zeigt indes FDP-Politiker Peter Blum. Aus seiner Sicht konnten sie mit den von Politik und Verwaltung gesetzten Bedingungen für die Altstadtsanierung wirtschaftlich nicht zurechtkommen. „Was jetzt aus der Sache wird, wage ich nicht vorauszusehen.“

Als wichtigste Schlüsselimmobilie im gesamten Quartier sehen sowohl Baal als auch Servos das Parkhaus Büchel an. „Es hat den größten Störgrad für die städtische Entwicklung“, meint Baal. Es sollte daher als erstes zügig abgerissen werden, um das Grundstück dann neu zu bebauen – und zwar angelehnt an den Entwurf des Büros Chapman-Taylor, das Ende 2015 einen städtebaulichen Wettbewerb gewonnen hat und bislang die Basis für die geplante Altstadtsanierung geliefert hat.

Was davon am Ende tatsächlich noch verwirklicht wird, ist mit der neuen Wendung offener denn je. In der Vergangenheit deuteten die Planungspolitiker mehrfach an, dass man sich mit der Größe des Vorhabens womöglich übernommen habe. Künftig könnte man die Bauprojekte wieder in kleineren Einheiten vorantreiben – was durchaus Jahrzehnte dauern könnte.