Immer mehr Tätowierungen mit kaiserstädtischen Motiven

Tattoos mit Kaiserstadt-Motiven boomen : Wenn Aachen unter die Haut geht

Dass Aachen unter die Haut geht, wissen eingefleischte Öcher natürlich längst. Manchmal darf das auch ein wenig weh tun. Zum Beispiel beim Tätowierer.

Es gibt Aachener, die lassen sich den kompletten Dom auf den Rücken malen – wohlgemerkt in 80 bis 100 Stichen pro Sekunde mit Maschine, Nadel, Tinte und zuweilen etwas Blut.

Stunden kann das dauern. Jeder vierte Deutsche trägt aktuellen Erhebungen zufolge ein Tattoo. Zumeist am Arm oder auf dem Rücken. In der Kaiserstadt dürften darunter einige Tausend mit Aachener Bildern, Zeichnungen und Schriftzügen sein. Mindestens.

Über 300 dieser Motive gehen schon auf das Konto des renommierten Tätowierers Andreas Coenen. Sein Geschäft „The Sinner & The Saint“ betreibt der gebürtige Viersener hier seit 1997. Einmal pro Jahr lädt er die internationale Szene zur Leistungsschau und zum informellen Austausch.

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Allein in Aachen gibt es mittlerweile dutzende Tattoo-Studios – Tendenz steigend. Die nächste „Kaiserstadt Tattoo Expo“ geht vom 20. bis 22. September über die Bühne. Bis dahin dürften auch einige neue kreative Motive, die kaiserstädtisches Flair versprühen, auf denkbar individuellen, oft behaarten menschlichen Leinwänden verewigt sein.

Immer mehr meist junge Menschen entscheiden sich angesichts unendlich vieler Möglichkeiten vom düsteren Totenkopfschädel bis zur kunterbunten Blume für Aachen-typische Tätowierungen. Als Meisterstück gilt dabei das Münster Karls des Großen. Anspruchsvolle Architektur, filigrane Details, authentische Herkunft. „Viele Kunden kommen mit sehr konkreten und speziellen Vorstellungen. Und der Aachener Dom mit seiner unverwechselbaren Silhouette ist natürlich ein enorm beliebtes, wenn auch aufwendiges Motiv“, erklärt Coenen.

Ob Kaiser Karl, Klenkes, der Aachener Dom, Stadtpatron und Alemannia Aachen oder das krönende Münster: Der Kreativität sind bei Aachen-Tätowierungen kaum Grenzen gesetzt. Foto: zva/sinner & saint

Das Rathaus hingegen wird kaum nachgefragt – dessen Bild hat nicht den höchsten Wiedererkennungswert. Berühmte Bauten sind trotzdem populär. Es gibt Kunden, die tragen auf dem Rücken den alten und auf der Brust den neuen Tivoli – als Großaufnahme.

Apropos: Fußballfans und auch prominente Profispieler standen bei Tätowierern schon vor Jahren hoch im Kurs. „Als Alemannia Aachen in die 1. Liga aufgestiegen ist, gab es einen regelrechten Boom“, erinnert sich Coenen. Alles schwarz-gelb: Vereinswappen, Fahnen, Trikots. Seit dem Absturz in die 4. Liga ist das Interesse spürbar erlahmt. „Aber Aachen hat ja historisch so unglaublich viel zu bieten, das ist wirklich fantastisch“, schwärmt der Tätowierer. „Da würde man sich in Mönchengladbach schon schwerer tun...“, sagt er.

Everything goes. Erst recht der Klenkes, hier als laufender Schädel. Foto: zva/sinner & saint

Die Kaiserstadt mit ihrem Patron Kaiser Karl dem Großen von freundlich bis grimmig, mit dem Karlssiegel, dem Stadtwappen mit Adler, mit ihrem Fabelwesen Bahkauv, mit ihren eindrucksvollen Brunnen, mit ihren reichen Reliquien, mit dem Lousberg und nicht zuletzt dem Klenkes eröffnet da schier endlose Möglichkeiten.

Wobei es beim Tätowieren gleichermaßen auf Handwerk und Kunst ankommt. „Diese Art Kunsthandwerk hat mich schon als junger Punkrocker fasziniert“, erzählt Coenen. Damals hatte Tätowieren noch etwas Verruchtes. „Aber man ist natürlich schon lange aus der Schmuddelecke heraus und in der Mitte der Gesellschaft angekommen.“

kaiserstadt tattoo. Foto: zva/sinner & saint

Deshalb sieht er zwar eher jüngere und etwas mehr männliche als weibliche Kunden, diese aber aus allen Schichten. „Vom Chefarzt und Staatsanwalt bis zum Verbrecher und Zuhälter ist eigentlich alles dabei“, sagt der Tätowierer. Ästhetisch, hygienisch und professionell vertieft man sich buchstäblich in die Sache.

Das hat kaum noch etwas mit den Tattoos früherer Zeiten zu tun. Die Gletschermumie Ötzi, 5300 Jahre alt, weist exakt 61 Tätowierungen auf. Figuren, Linien und Punkte, die in den Körper geritzt und mit Kohlepulver markiert wurden. Heutzutage piekst der Tattoo-Experte mit seiner Nadelmaschine millimetergenau unter die oberste Hautschicht (Epidermis). Denn diese erneuert sich fortwährend, das oberflächliche Tattoo würde mit der Zeit verschwinden.

Kaiser Karl und Alemannia Aachen: Gleich zwei Wahrzeichen in einem Motiv. Foto: zva/sinner & saint

Zu tief zu stechen, ist ebenfalls nicht empfehlenswert: Dann kommt es durch Bluten zu einer Verwaschung der Farbmittel. Die perfekte Lage ist dazwischen – in der sogenannten Dermis, der mittleren Hautschicht. „Aber die Tiefe variiert natürlich von Person zu Person, schon hier kommt es auf die Erfahrung des Tätowierers an“, sagt Coenen.

Übrigens ist nicht ausgeschlossen, dass über Tätowierungen in 1000 Jahren wieder Geschichte erzählt wird. Vor Kurzem hat Coenen einem Lokalpatrioten sogar eine Öcher Printe in die Wade gestochen. Natürlich auf Wunsch. Wie gesagt: Manchmal darf es etwas weh tun...

Das Aachener Münster als Krone – auch das geht. Foto: zva/sinner & saint
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