Aachen: Im vollen Galopp in Richtung Reit-EM

Aachen: Im vollen Galopp in Richtung Reit-EM

Würde es den „Großen Preis“ für die am meisten zurückgelegten Kilometer über das Gelände des Aachen-Laurensberger Rennvereins geben — Vorstandsvorsitzender Frank Kemperman würde ihn konkurrenzlos gewinnen.

Jeden Tag schwingt er sich mindestens einmal auf seinen Drahtesel — oder müsste es hier Drahtpferd heißen? — und kurvt über das Areal, auf dem schon so viel Reitsportgeschichte geschrieben wurde.

Die Zuschauer erleben ihr blaues Wunder: 10 000 neue Sitzschalen wurden auf den Tribünen im Hauptstadion montiert. Foto: Michael Jaspers

Dieses Jahr wird ein weiteres Kapitel in der Aachener Soers aufgeschlagen — am letzten Mai-Wochenende (29. bis 31. Mai) mit einem dreitägigen „Kurz-CHIO“, gefolgt von dem Groß-Event, auf das ganz Aachen und Reitsport-Fans in ganz Europa hinfiebern: Die FEI-Europameisterschaften Aachen 2015 in den fünf Disziplinen Springen, Dressur, Fahren, Voltigieren und Reining vom 11. bis zum 23. August. So viele Disziplinen an einem Ort — das gab’s noch nie. Und Aachen macht’s möglich.

Fünf-Sterne-Hotel für Vierbeiner: ALRV-Vorstandsvorsitzender Frank Kemperman im neu erbauten Stall mit 28 Boxen. Foto: Michael Jaspers

Nicht nur in organisatorischer Hinsicht ist das eine gigantische Herausforderung, auch die Infrastruktur wird anlässlich des nahenden Championats auf Vordermann gebracht. Bereits im vergangenen Jahr startete das acht Millionen Euro umfassende Bauvorhaben, das diverse Um- und Neubauten auf dem Turniergelände in der Soers beinhaltet und vom Land Nordrhein-Westfalen unterstützt wird, mit einem wahren Mammutprojekt: die Erweiterung des im Jahr 1999 fertiggestellten Dressurstadions um die Osttribüne zu einem der größten weltweit.

Dressur im Hauptstadion

„Uns hielten damals beim Bau des Dressurstadions viele für verrückt, mittlerweile sind viele Wettbewerbe ausverkauft, die Nachfrage ist ungebrochen“, so Kemperman. Daher werden sich die Dressurpaarungen während der Reit-EM zu den Springreitern gesellen und im 40.000 Zuschauer fassenden Hauptstadion ihre Traversalen, Passagen und Piaffen zeigen. Im Dressurstadion gehen hingegen die Voltigier- und Reining-Stars auf Medaillenjagd.

Das Dressurviereck im Hauptstadion ist bereits angelegt. Eine knifflige Aufgabe, wie Kemperman erzählt: „Von der AachenMünchener-Tribüne bis zur Mercedes-Benz-Tribüne besteht ein Gefälle von 1,40 Meter. Ein Dressurviereck muss jedoch absolut eben sein. Das haben wir hinbekommen.“ Im vergangenen September wurde bereits der neue Rasen im Hauptstadion eingesät. Nun heißt’s, auf den Frühling zu warten, damit der Boden endlich den saftigen Grünton annimmt, den jeder CHIO-Fan kennt.

Apropos Farbe: Die Zuschauer werden im Hauptstadion ihr blaues Wunder erleben. Auf den beiden großen Tribünen wurden rund 10.000 der blauen Sitzschalen erneuert, teilweise als Klappsitze, sodass dort mehr Platz zwischen den Reihen herrscht. An manchen Stellen wurde auch der darunter liegende Beton erneuert. Und auch Rollstuhlfahrer haben allen Grund zur Freude: am Fuße der AachenMünchener-Tribüne befinden sich nun 60 Rollstuhlplätze mit jeweils einem zusätzlichen Platz für die Begleitperson.

„Wir haben lange getestet, wo wir neue Rollstuhlplätze am besten einrichten. Diese Stelle ist ideal: trocken, nicht windig und natürlich mit bester Sicht auf das Geschehen im Parcours“, erklärt Kemperman. Und während die Plätze schon alle fest montiert sind, wird auf der Rückseite der AachenMünchener-Tribüne zurzeit noch kräftig gewerkelt: Dort entstehen weitere Toiletten und eine Behinderten-Toilette.

Aber nicht nur in den Stadien sprießt und gedeiht es. Auch die umliegenden Plätze werden herausgeputzt, damit der Komfort für Zuschauer, Athleten, Pferde und Aussteller weiter verbessert wird. Allein 10.500 Quadratmeter des Turniergeländes werden bereits im Mai mit neuen, flachen Pflastersteinen bedeckt sein. Der Vorplatz vor der Geschäftsstelle etwa. Rund um das Fahrstadion wird gar ein durchgängig gepflasterter Weg angelegt. Auch auf anderen Wegen entstehen gepflasterte Streifen, die ein Fortkommen ohne Ruckeln garantieren.

Dieser nagelneue Bodenbelag wird nicht nur Damen in High Heels beglücken, sondern vor allem Rollstuhlfahrer, die sich nun wesentlich bequemer über das Turniergelände bewegen können.

430 feste Boxen

Für Kemperman sind die Pferde — und das ist bekannt — die wahren Stars in Aachen. Daher gibt es auch für sie ab diesem Jahr ein zusätzliches Zückerchen. Ein neuer Stall mit 28 Boxen wird zurzeit errichtet. Bislang steht nur der Rohbau, das Dach fehlt noch. Aber schon bald wird hier Stallgeruch wehen. „Wir möchten, dass es den Pferden gut geht. Unsere Ställe sind nicht einfach nur Ställe, sondern wahre Fünf-Sterne-Hotels für die Vierbeiner“, freut sich Kemperman. Der neue Stall wurde bewusst im Stile der anderen bereits existierenden Ställe, die größtenteils aus den Jahren 1937/38 stammen, erbaut. Insgesamt stehen ab Mai somit 430 feste Boxen zur Verfügung.

Aachen macht in diesem Jahr seinem Beinamen „Pferdestadt“ alle Ehre. Bereits im Mai werden zum dreitägigen Weltfest des Pferdesports mit den Disziplinen Springen, Dressur und Fahren 70 Reiter und Fahrer aus 14 Nationen, 180 Pferde und rund 100.000 Besucher erwartet.

Zur Reit-EM im August wird alles eine Nummer größer: Etwa 420 Reiter, Fahrer und Voltigierer aus 40 Nationen werden dann um 13 Gold-, Silber- und Bronzemedaillen kämpfen, angefeuert von erwarteten 450.000 Besuchern. „Diese EM in Aachen wird ein unvergessliches Erlebnis“, ist sich auch Frank Kemperman wenige Monate vor dem Aufgalopp sicher. Und damit meint er nicht nur das ALRV-Gelände, das in neuem Glanz erstrahlen wird, sondern vor allem Weltklassesport und die unverwechselbare Atmosphäre, diedie gesamte Kaiserstadt in ihren Bann ziehen wird.