Aachen: Im Sturm von ganz rechts gewappnet sein

Aachen: Im Sturm von ganz rechts gewappnet sein

Dieser Abend beginnt mit Stühlerücken. Kristina Walter, Leiterin des Aachener Fanprojektes, hat den Mitgliedern der Alemannia-Fangruppe „Karlsbande” gerade mitgeteilt, dass ihre Anwesenheit nicht erwünscht sei.

Sie reagiert damit auf das Drängen einiger Besucher, die Angst gehabt hätten, den Veranstaltungsort zu betreten, heißt es später. Kurz darauf verlässt eine Handvoll junger Männer die „Raststätte” in der Lothringerstraße, Vereinzelte schließen sich ihnen an. Hinterher vermuten manche hinter dem Auftauchen der „Karlsbande”-Mitglieder gar eine gezielte Provokation.

Zu tief ist offenbar mittlerweile der Graben zwischen der „Karlsbande” und den an diesem Abend zahlenmäßig stark vertretenen „Aachen Ultras 99”, die sich offen gegen Rassismus und Diskriminierung aussprechen - im Stadion wie im Alltag. Anders die „Karlsbande”, die sich als unpolitisch definiert, aber offenbar auch Mitglieder mit rechter Gesinnung in ihrem Reihen duldet. Ihr Credo: Politik aus dem Stadion halten. Nicht alle anwesenden Mitglieder der „Aachen Ultras” sind hinterher begeistert vom Ausschluss, einige fürchten Auseinandersetzungen, wie es sie zuletzt des öfteren gegeben hatte.

Der Vorgang wirkt beinahe wie ein Intro zu den Ausführungen von Ronny Blaschke: Der Berliner Journalist berichtet in seinem Buch „Angriff von rechtsaußen” und vor den etwa 100 Gästen auch vom Wegsehen bei der systematischen Unterwanderung des deutschen Fußballs durch organisierte Rechte. Ebenso räumt er mit der Mär vom „Unpolitisch sein” auf, denn „diese Geisteshaltung geht in den allermeisten Fällen mit einer versteckt rechten Einstellung einher”. Blaschkes mitunter nicht ungefährlichen Recherchen haben ihn auf die Spur haarsträubender Vorgänge geführt: Wenn etwa NPD-Mitglieder wichtige Ämter beim ostdeutschen Traditionsverein Lokomotive Leipzig einnehmen. Oder wenn sich anhand von Transparenten und Zaunfahnen in Fanblöcken rechtes Gedankengut in seiner unmissverständlichsten Form präsentiert.

Fast überall im Land fänden sich in Stadien Spuren rechter Gesinnung auf Kleidungsstücken, Fahnen oder Autokennzeichen. Eloquent und mitunter mit feiner Ironie deckt Ronny Blaschke Strukturen auf, gibt Eindrücke in versteckte Codes und erläutert die Instrumentalisierung der Massenbewegung Fußball. Sein Publikum ist bunt gemischt, von jugendlichen Alemannia-Fans bis hin zu Menschen jenseits der Fünfzig, denen das Problem einer gespaltenen Ultra-Szene bis dato wohl kaum allzu viel Kopfzerbrechen bereitet hatte.

Die anschließende Diskussion wird schnell zu einer Bestandsaufnahme lokaler Fan-Befindlichkeiten: Bekannte Nazi-Kader werden im Stadion wie selbstverständlich begrüßt. Offen antifaschistisch gesinnte Fans wie die „Aachen Ultras” fühlen sich mitunter bedroht und zu wenig ernst genommen. „Man sollte auf die jungen Leute achten, die sich noch selbst definieren wollen und müssen”, rät Blaschke dem Aachener Fanprojekt und indirekt auch den Vereinsoffiziellen. „Die 16-, 17-Jährigen muss man erreichen. Und dann: Nicht mit dem Holzhammer erziehen! Mit klaren Argumenten den rechten Einfluss entlarven, ihm den Boden entziehen”.

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