Aachen: „Hotel zu den zwei Welten“: Theater Tacheles in der Klangbrücke

Aachen: „Hotel zu den zwei Welten“: Theater Tacheles in der Klangbrücke

Zwei Lichtsignale prangen schicksalhaft über dem Aufzug — das eine ist grün und weist nach oben, das andere rot und zeigt gen Boden. Blinkt das Grüne nach Betreten des Aufzuges, fährt dieser direkt in den Himmel.

Leuchtet es rot, bekommt der Reisende eine zweite Chance auf Erden und darf leben. Der Aufzug befindet sich im „Hotel zu den zwei Welten“, das gleichzeitig Titel eines Theaterstückes des französischen Autoren Eric Emmanuel Schmitt ist.

Dieses Hotel beherbergt also keine gewöhnlichen Urlauber, sondern Komapatienten, die auf dem äußerst schmalen Grad zwischen Leben und Tod balancieren: Kaum mehr als das stete Arbeiten der lebensbewahrenden Maschinen und die rettenden Arzthände auf Erden trennt sie vom Tod. Doch noch haben die Hotelgäste eine Chance zu überleben. Und genau deshalb befinden sie sich alle in dem seltsam entrückten Ort, dem Wartezimmer des Schicksals — befreit von allen Gebrechen ihrer irdischer Existenz kam jeder durch die bedeutsame Aufzugtür gestiegen, die Dreh- und Angelpunkt des Theaterstückes ist, mit dem das „Tacheles“-Theater in der Klangbrücke Premiere feierte.

Sarah Bingham, die auch schon mit der Hochschultheatergruppe Actor‘s Nausea zusammenarbeitete, führt in „Hotel zu den zwei Welten“ erstmals Regie bei Tacheles. Themen wie Schicksal oder die Bedeutung des Lebens seien zentral in dem Stück: „Also leichte Kost“, lacht Bingham ironisch.

Mit Beginn des Spiels öffnet sich die Aufzugtür und ein neuer Gast tritt in die Krankenhaus-ähnlich weiße Empfangshalle: Julien Portal blickt recht verwundert drein und kann sich keinen Reim auf seinen Aufenthaltsort machen, war doch seine letzte Erinnerung, am Steuer seines Autos gesessen zu haben. Doktor S. — scheinbare Leiterin des Hotels — erklärt ihm, dass sein Leben am seidenen Faden hängt, und er dort verharren muss, bis sich auf der Erde entscheidet, was mit ihm passieren wird. Außer durch den Fahrstuhl ist aus dem Hotel kein Entkommen: Weder gibt es einen buchstäblichen Notausgang noch ist es möglich, durch ein Fenster das Weite zu suchen.

Die Gäste sind — je nach Ursache für ihren Schwebezustand — in verschiedenen Hotelflügeln untergebracht: Vor dem einen hängt der Buchstabe „U“ für Unfall, bei dem anderen ein großes „F“ für Freitod. Mit Julien warten der selbsternannte Magier Radschapur, die schüchterne Marie Martin und Präsidentin Delbec auf die finale Entscheidung. Radschapur muss schon lange im Hotel ausharren, hat „Patienten“ kommen und gehen sehen. Marie ist erst seit Kurzem dort: Nach einem Leben voll bitterharter Arbeit und ohne die erhoffte Liebe, erlitt sie einen fatalen Herzinfarkt, der sie in die Zwischenwelt katapultierte. Die arrogante Präsidentin Delbec sondert sich von der Gruppe bewusst ab, denn sie hält sich ob ihres Reichtums und gesellschaftlichen Standes für privilegiert und den anderen überlegen.

Alle drei kommen mit Julien ins Gespräch und berichten von ihren Erlebnissen im Hotel und auf Erden. Und nach anfänglicher Verleugnung wird schnell recht deutlich, dass der lebensüberdrüssige Pessimist und Alkoholiker Julien die Autofahrt möglicherweise nutzte, um sich umzubringen, und daher nicht zu Unrecht in Flügel „F“ untergebracht ist. Die Stimmung in dem Hotel ist betrübt und teils angespannt, bis sich die Aufzugtür abermals öffnet und die lebensfrohe Laura das Hotel betritt: Auf der Erde war ihr Dasein von ständigen Krankenhausaufenthalten und schwerer Krankheit gezeichnet: Umso froher ist sie daher, von ihrem körperlichen Leid befreit zu sein, und Laura weiß, so manchem Hotelgast eine ganz neue Sicht aufs Leben zu lehren.

Weitere Vorstellungen gibt es in der Klangbrücke vom 27. bis 30 März jeweils um 20 Uhr, am Sonntag, 30. März gibt es eine Zusatzvorstellung (mit Frühstück) um 11 Uhr. Weitere Informationen sind unter www.theater-tacheles.de erhältlich.

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