Hospizgespräche Aachen: Hilfe in verzweifelten Situationen verbessern

109. Aachener Hospizgespräche : Die Hilfe in verzweifelten Situationen verbessern

Zu den 109. Aachener Hospizgesprächen haben sich am vergangenen Wochenende rund 300 Teilnehmer der Hospiz- und Palliativnetzwerke sowie Vertreter aus Politik und Wissenschaft im Museum Zinkhütter Hof in Stolberg getroffen. Im Mittelpunkt stand dabei die durch den Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD formulierte Absicht, demnächst die Kosten der Koordination von Hospiz- und Palliativversorgungsnetzwerken zu übernehmen.

Es sind nur fünf Textzeilen im Entwurf des Koalitionsvertrages der Bundesregierung, den 2018 CDU/CSU und SPD formuliert haben – und doch enthalten sie die große Chance, die regionalen Hospiz- und Palliativnetze zu stärken, besonders dort, wo es „Löcher“, also schmerzliche Versorgungslücken, gibt, denn sie versprechen die Kostenübernahme für die Koordination von Hospiz- und Palliativnetzwerken sowie deren Verbesserung.

Grund genug für Veronika Schönhofer-Nellessen, Leiterin der Servicestelle Hospiz für die Städteregion Aachen, als Veranstalterin der 109. Aachener Hospizgespräche im Museum Zinkhütter Hof in Stolberg die sich daraus ergebenden Hoffnungen sowie den steigenden Unterstützungsbedarf im Bereich der Hospiz- und Palliativversorgung zu thematisieren.

Als bundesweiter Kongress mit rund 300 Teilnehmern aus dem In- und Ausland haben sich die Hospizgespräche längst als Podium für alle qualifiziert, die mit der Betreuung von schwerstkranken sterbenden Menschen zu tun haben – Vertreter aller Fachrichtungen, Gesundheitspolitiker, interessierte Laien und engagierte Ehrenamtler, auf die man in diesem Bereich nicht mehr verzichten kann.

„Jetzt kommt es auf die Interpretation dieser Zusage an“, betont Waldemar Radtke, Regionaldirektor der AOK Rheinland/Hamburg und Mitglied der Arbeitsgemeinschaft der Sozialdemokraten im Gesundheitswesen. Eine der wichtigsten Aufgaben der Netzwerker sei die Weiterbildung und der Informationsaustausch. „Die Sektorengrenzen müssen überwunden werden, bei der medizinischen und pflegerischen Versorgung sollte die seelsorgerische Begleitung nicht vernachlässigt werden.“ Wie könnte die Kostenübernahme finanziert werden? Radtke schlägt eine Umlage für alle gesetzlich Versicherten vor. Zu erwarten wäre damit immerhin, so der Krankenkassenexperte, eine Summe in zweistelliger Millionenhöhe.

Birgit Weihrauch, Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbandes, erinnert in diesem Zusammenhang an die vor zehn Jahren veröffentlichte Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen. „Netzwerke sind Basis und Voraussetzung dafür, dass vernetztes Arbeiten aller Beteiligten gelingt“, sagt sie in Stolberg.

Und auch Veronika Schönhofer-Nellessen knüpft hier an. Obwohl eine gute Kooperation auf multidisziplinärer Ebene bereits stattfinde, sei eine noch bessere Zusammenarbeit wünschenswert. Anlaufstellen für Ratsuchende, Institutionen, Anbieter: „Eine moderierende, barrierefreie Vernetzung beugt Verwirrung vor“, sagt sie und erinnert daran, dass häufig schwerkranke alte Menschen an einem Wochenende per Rettungswagen in ein Krankenhaus transportiert werden, weil sich die Pflegenden nicht mehr zu helfen wissen. „Und montags geht es dann wieder zurück in die Pflegeeinrichtung, das ist ein großer und vielfach völlig unnötiger Stress für alle Betroffenen“, betont sie.

Hier hat auch Claudia Moll, als Mitglied des Deutschen Bundestages Sprecherin des interfraktionellen Gesprächskreises Hospiz, ein Beispiel: „Eine Familie hat mit mir an einem Wochenende Kontakt aufgenommen, weil ein sterbender Verwandter vom Krankenhaus nach Hause entlassen wurde. Sie waren völlig überfordert“, berichtet sie. „Gerade in so einer Situation muss Hilfe möglich sein, da zeigt sich die Qualität eines Netzwerkes.“ Sie fordert in Stolberg den verstärkten Blick auf regionale Probleme. „Die Eifel ist ein Riesenproblem, wir hatten sogar bereits Anfragen, ob Menschen einen Betreuungsdienst aus Eupen engagieren dürfen“, berichtet sie. „Wir haben damals zugestimmt.“ Die Stärkung des Ehrenamtes sowie die Sensibilisierung der Krankenhäuser sieht sie als wichtige Aufgaben. „Der Fachkräftemangel darf uns nicht daran hindern“, sagt sie.

Hier setzt Professor Dr. Roman Rolke, Direktor der Klinik für Palliativmedizin an der Uniklinik Aachen, auf intensive Teampflege. „Bei uns gibt es lediglich eine flache Hierarchie und meine Mobilnummer hängt für jeden sichtbar an der Wand“, berichtet Rolke. Es gebe bei ihm so gut wie keine Fluktuation und eine hohe Akzeptanz der Ehrenamtler. Im Rahmen der Hospizgespräche fordert er eine verstärkte psychosoziale Begleitung von Patienten und Angehörigen, die Vertiefung ethischer Fragen und mehr Information zu Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. Rolke: „Ich wünsche mir eine Bürgerbewegung im Krankenhaus.“

War bereits die Charta eine Länder übergreifende Willensäußerung, die man nicht ignorieren konnte, sieht Lothar Kratz von der Krankenhausgesellschaft NRW den Koalitionsvertrag als Signal dafür, die Kommunalpolitik stärker in die Verantwortung zu nehmen. „Da geht es um das konkrete regionale Versorgungsnetzwerk“, meint Kratz. „Ob nun das Case-Management für den Einzelfall im Krankenhaus oder die Verknüpfung von Hilfen bei der anschließenden Pflege.“ Hier habe man die Aufgabe, ambulante Versorger mit multikulturellen Qualitäten mit den Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern zu vernetzen. „Wir brauchen eine Versorgungslogistik und gute Öffentlichkeitsarbeit, die gesellschaftliche Akzeptanz. Wir müssen die spezialisierte Pflege in die Fläche bringen!“

Genau das ist ein Ziel der Aachener Hospizgespräche, die alle Akteure an einen Tisch holen. Unterstützung geben hierfür die Caritas-Gemeinschaftsstiftung, das Bistum Aachen die Städteregion Aachen und die Firma Grünenthal.

Kurzinterview mit Veronika Schönhofer-Nellessen, Leiterin der Servicestelle Hospiz für die Städteregion Aachen

Veronika Schönhofer-Nellssen führt die Menschen zusammen – zum Beispiel bei den Aachener Hospizgesprächen. Die 109. Ausgabe fand am letzten Wochenende im Museum Zinkhütter Hof Stolberg statt. Im Vordergrund standen die regionalen Hospiz- und Palliativnetze und der Koalitionsvertrag.

Das ist das 109. Aachener Hospizgespräch zum Thema Hospiz- und Palliativfürsorge. Was hat sich in den letzten 108 Gesprächen getan?

Veronika Schönhofer-Nellessen: Es hat eine große Entwicklung gegeben, die zum Teil von unserer Region ausgegangen ist, zum Beispiel das Hospiz und der universitäre Lehrstuhl. Viele Hilfsangebote gab es vor zehn, zwanzig Jahren tatsächlich noch nicht in Deutschland. Die Politik wurde auf uns aufmerksam. Vielfach hat Aachen als Vorbild gedient, zum Beispiel bei der Entwicklung des Hilfsdienstes Home Care.

Warum ist diese Tagung noch immer so wichtig?

Schönhofer-Nellessen: Es gibt weiterhin große Unterschiede zwischen Stadt und Land. In manchen Regionen und Bundesländern ist die Versorgung nicht gut, etwa in den neuen Bundesländern, darum muss man sich kümmern.

Ist es wichtig, dass man sich persönlich trifft und nicht nur bei virtuellen Konferenzen oder per Mail austauscht?

Schönhofer-Nellessen: Ja, das ist schon eine besondere Situation, die durch nichts zu ersetzen ist. Hier treffen Leute aus der Politik, Wissenschaft mit Akteuren aus der Praxis zusammen, das ist etwas Besonderes. Es gibt neue Entwicklungen, die hier diskutiert werden. Daraus ergaben sich immer wieder Impulse, die in der Bundespolitik umgesetzt wurden.

Was denn zum Beispiel?

Schönhofer-Nellessen: Wir haben ein wettbewerbsbasiertes Gesundheitssystem. Kooperationen sind daher in der Begleitung am Lebensende eine Herausforderung. Palliative Netzwerke in der Deutschland, nehmen die Vernetzung in der Städteregion häufig zum Modell, am dem sie sich orientieren. Die gemeinsame Sorge um die Schwerkranken und ihre Angehörigen bleibt eine große Herausforderung.

Was erhoffen Sie vom Koalitionsvertrag der Bundesregierung, der sich zur Hospiz- und Palliativversorgung äußert?

Schönhofer-Nellessen: Konkret steht darin, dass regionale palliative Hospiznetzwerke und deren Koordination finanziert werden soll, das ist ein riesiger Fortschritt, das betrifft Informationen für die Bevölkerung und für Einrichtungen des Gesundheitswesens, aber auch die moderierende Funktion zwischen allen Angeboten, damit die Hilfen am Bett gut vernetzt als gemeinsame Sorge zum Lebensende hin funktionieren.

Gibt es etwas Vergleichbares zu den Aachner Hospizgesprächen in Deutschland?

Schönhofer-Nellessen: Es gibt mittlerweile viele Palliativkongresse Für diese waren wir zum Teil sicher Ideengeber. Die Begegnung zwischen Akteuren aus Politik und Wissenschaft mit professionellen Aktiven und Ehrenamtlern zusammenzutreffen, ist sicher immer noch einmalig. Wir pflegen sehr diese Dialogkultur, dass Politik die Möglichkeit hat aus der Praxis zu lernen.

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