Aachen: Hospiz-Kunstprojekt: Baum erzählt Lebensgeschichten

Aachen: Hospiz-Kunstprojekt: Baum erzählt Lebensgeschichten

Für Kerstin Thelen ist ein Besuch im Haus Hörn jedes Mal ein bisschen wie Weihnachten. Denn im Hospiz Haus Hörn hat die Künstlerin einen Mosaikbaum erschaffen, an dem Angehörige, Hospizgäste und Mitarbeiter persönliche Erinnerungsstücke befestigen, und in einem Buch die Geschichte dazu erzählen können.

Genau deshalb kann der Baum jede Woche ein bisschen weiter wachsen — eine neue Geschichte erzählen. „Jeder, der sich auf dem Baum verwirklicht, lässt uns an seinem Leben teilhaben“, sagt Hospizleiterin Inge Nadenau, der das Projekt sehr am Herzen liegt. „Der Baum soll ganz bewusst kein Gedenkbaum sein“, sagt Nadenau. Denn er solle keine Abschiedsgeschichte, sondern die Lebensgeschichte erzählen und immer weiter wachsen. Nadenau selbst hat auch eine Erinnerung von ihrer Hochzeitsreise auf Sardinien mitgebracht: „Die Muschel ist mein Bruchstück für unseren Baum des Lebens“.

Der Mosaikbaum, an dem die persönlichen Erinnerungsstücke befestigt werden, besteht aus vielen spiegelnden Bruchstücken: „Manche empfanden die glitzernden Mosaike am Anfang etwas kitschig“, sagt Thelen und schmunzelt. Ihr aber komme es vor allem auf die Bedeutung des Spiegels an: „Ein Spiegel fängt alles ein! In ihm spiegeln sich nicht nur wir selbst, sondern auch das Leben in allen Facetten, Träumen und Erlebnissen“, sagt Thelen.

Doch manche ihrer Freunde konnten anfangs nicht verstehen, warum sie gerade ein Projekt im Hospiz begonnen hat. Viele hätten gefragt: Im Hospiz? Warum tust du dir das an? „Dabei ist die Arbeit hier toll gewesen. Es wurde so viel gelacht, und sich mit dem Sterben zu beschäftigen, ist für mich eine absolut bereichernde Erfahrung gewesen.“

Unter den knapp 50 Erinnerungsstücken sind neben den klassischen Engeln, Teddys und Herzen auch außergewöhnliche Gegenstände mit von der Partie. „Wir haben hier zum Beispiel eine Impfmarke von einem Hund, der von einem Hospizgast sehr geliebt wurde“, sagt Nadenau. Aber auch ein Schnuller oder die Brille für die Sonnenfinsternis 2000 und — das wahrscheinlich ungewöhnlichste Andenken — eine Rasenmäherklinge, sind auch auf dem glitzernden Baum befestigt. „Es geht hier nicht um das Symbol, welches das Leben einer Person am meisten beschreibt, sondern vielmehr darum, dass es eine persönliche Note einbringt“, erklärt Thelen.

Das schönste Erlebnis hatte die Mosaikkünstlerin mit einer Frau, die das Projekt zunächst kritisch beäugt hatte: „Sie war am Anfang skeptisch und meinte, sie hätte nicht genug Kreativität“, erinnert sich Thelen. Doch dann ist alles ganz anders gekommen: An einem Nachmittag saßen Thelen und die Dame zusammen und plötzlich entschied sie sich, doch selbst etwas für den Baum zu erschaffen und malte ein Bild. Eine Erklärung hat sie nicht in das Buch geschrieben, denn bereits zwei Tage später starb sie. Ihr Werk wird jedoch immer ein Teil des Baums des Lebens bleiben.

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