Holocaust-Überlebender Fred Voss aus Aachen mit 99 Jahren gestorben

Nachruf : Kampf gegen Hass war seine Lebensaufgabe

Was Hass und Vorurteile anrichten können, hat Fred Voss, geboren 1920 als Alfred Voss in Aachen, in der Nazizeit leidvoll erfahren. 1939 flüchtete er mit seinen Eltern aus Deutschland, in den USA fand er eine neue Heimat. Nun ist er 99-jährig in Ithaca im US-Bundesstaat New York gestorben.

60 seiner Verwandten wurden im Holocaust ermordet. In zahllosen Vorträgen und Diskussionen in Schulen, Kirchengemeinden und Universitäten berichtete Fred Voss später von seinen Erlebnissen und appellierte an seine Zuhörer, nicht zu hassen und niemanden zu verachten. Der Ur-Aachener, der seine E-Mails gelegentlich mit „Oche Alaaf“ unterzeichnete, starb am 30. August.

„Der älteste US-Abiturient kommt aus Aachen“ titelten die „Aachener Nachrichten“ im Juli 2012. Mit 92 Jahren war Fred Voss der älteste Bürger der Vereinigten Staaten, der je ein Highschool-Diplom erworben hat. Es war für ihn eine ganz besondere Genugtuung, denn er war als 15-Jähriger in Aachen von der Schule gejagt worden, wie alle jüdischen Kinder, und hatte seinen Schulabschluss nie nachholen können. „77 Jahre habe ich darauf gewartet“, kommentierte er damals vor laufenden Fernsehkameras.

In seinen 2004 als Buch erschienenen Erinnerungen „Miracles, Milestones & Memories“ berichtete Voss von Erlebnissen, die er nie vergessen konnte: „Unser Musiklehrer in der Schule an der Sandkaulstraße, ein hoch gebildeter Mann, trug auch im Unterricht die Uniform der Nazis. Er fand ein krankhaftes Vergnügen daran, uns jüdische Schüler stramm stehen zu lassen, während alle anderen Kinder singen mussten: Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht's nochmal so gut.“

In der Kristallnacht im November 1938 musste Fred Voss miterleben, wie sein Vater Julius, ein zuvor erfolgreicher Textil-Großhändler und begeistertes Mitglied der Stadtgarde Öcher Penn, verhaftet und in ein Konzentrationslager gebracht wurde. Die Wohnung in der Burtscheider Straße wurde von NS-Schlägern verwüstet. Nach der Entlassung von Julius Voss aus dem KZ Buchenwald flüchtete die Familie 1939 über Belgien nach London. Dort lernte Fred Voss seine aus Wien stammende spätere Ehefrau Ilse Machauf kennen. Sie ist jetzt 98 Jahre alt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg machte Voss Karriere als Direktor in einem Unternehmen der Textilindustrie. 1986 ging er in den Ruhestand, um fortan als ehrenamtlicher Vortragsredner vom Holocaust zu berichten und sich gegen Hass und gegen Vorurteile überall in der Welt einzusetzen: „Ich habe es zu meiner Mission gemacht, laut und klar gegen allen Hass zu sprechen, so lange ich die Kraft dazu habe.“

Bis weit über das 90. Lebensjahr hinaus sprach Voss in Universitäten und Schulen, in Kirchen und Wohltätigkeitsclubs. Er beantwortete hunderte Briefe von Kindern und Jugendlichen und erreichte viele tausend meist junge Menschen. Dass sein Wirken für Verständigung und Toleranz auch in seiner Heimatstadt Aachen anerkannt und gewürdigt wurde, so sagte er vor einigen Jahre, habe ihn sehr glücklich gemacht.

Als Fred Voss 2012 sein Highschool-Diplom erhielt, widmete er es den Kindern und Jugendlichen, die dem Terror der Nazis zum Opfer gefallen sind, und allen Menschen, denen wie ihm selber das Recht auf Ausbildung verweigert wurde: „Die Welt wird niemals wissen, wie viele hervorragende zukünftige Gelehrte dadurch verloren wurden, und wie vielen Kindern es unmöglich gemacht wurde, zum Glück aller Menschen beizutragen und eine bessere Welt für uns und unsere Kinder und Enkel möglich zu machen.“