Aachen: Hilfe für Gefangene und Ex-Häftlinge: Ehrenamtler gesucht

Aachen: Hilfe für Gefangene und Ex-Häftlinge: Ehrenamtler gesucht

Was früher die Straffälligenhilfe war, heißt heute ABK Neustart. Nach finanziellen Schwierigkeiten und Insolvenz durch Nachforderungen der Rentenversicherung (wir berichteten), firmiert die Hilfe für Gefangene und Haftentlassene seit 1. Januar unter diesem Namen.

Abgesehen davon: Alles bleibt wie bisher! „Alle Bereiche werden fortgeführt“, bestätigte Martin Czarnojan, der die Fachbereichsleitung für ABK Neustart innehat.

Dazu gehören auch die über 100 Ehrenamtlichen — davon ungefähr 40 Prozent Männer —, die Inhaftierte besuchen und möglicherweise bei der Vorbereitung auf die Entlassung unterstützen. „Für viele Langzeitinhaftierte, von denen in der Justizvollzugsanstalt Aachen viele sitzen, ist es der einzige Kontakt nach draußen. Er ist aber notwendig, um irgendwann den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden“, sagte Czarnojan.

Für einen regelmäßigen Kontakt mit Gefangenen werden Ehrenamtliche wie früher bei der Straffälligenhilfe, heute auch bei ABK Neustart durch einen Vorbereitungskurs geschult (siehe Info-Kasten). In neun Einheiten à anderthalb Stunden werden Dinge wie eigene Motivation, Toleranzgrenzen sowie Nähe und Distanz thematisiert. Ein Referent aus der JVA gibt Einblicke in den Knast-Alltag. „Von dieser Schulung profitieren wir sehr, weil die Vorstellung vieler Menschen vom Gefängnis doch sehr vom Fernsehen geprägt ist“, meinte Gisela Egerding, Ehrenamt-Beauftragte der JVA Aachen.

Wie die Kontakte verlaufen, gestalten Ehrenamtliche und Gefangene gemeinsam. „Mancher Gefangene ist an philosophischen oder politischen Themen interessiert. Andere wollen sich darin üben, mit Menschen, manchmal auch speziell mit Frauen zu kommunizieren. Andere brauchen Sprachförderung“, listet Egerding einige Interessen und Bedürfnisse der Inhaftierten auf. Ebenso bunt sieht es auf der ehrenamtlichen Seite aus. „Mancher schließt bestimmte Inhaftierungsgründe oder Belastungen wie Sucht aus.

Andere bringen spezifische Interessen mit, bevorzugen eine Einzelbetreuung oder im Gegenteil lieber die Leitung einer Gruppe für Alphabetisierung oder für Diskussionen zu politischen oder geschichtlichen Themen“, beschreibt Catrin Brust, Ehrenamt-Beauftragte bei ABK Neustart, die Vorstellungen bei den Ehrenamtlichen. Grundsätzlich gilt aber: „Sicherheit und Ordnung haben oberste Priorität, der Haftgrund des Betreuten ist nicht wichtig und die Thematisierung von Privatem muss gut überlegt werden“, so Brust.

Ganz wichtig: „Der Ehrenamtliche sollte nicht versuchen, mit seinem Engagement eine eigene Problematik abzuarbeiten. Wir brauchen vorurteilsfreie Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen“, sagte Brust. Aus den verschiedenen Interessen und Voraussetzungen versuchen sie und Egerding schließlich gut harmonierende Paare oder Gruppen zu bilden. „Die Chemie muss stimmen.“

Im Moment gibt es gut 100 Häftlinge, die regelmäßig Besuch von Ehrenamtlichen in der JVA bekommen. Die Voraussetzung für sie: keine Sicherheitsbedenken. „Niemand wird im Besuchsbereich mit einem Ehrenamtlichen allein gelassen, der schon durch Übergriffe oder aggressives Verhalten auffällig geworden ist“, versicherte Egerding.

Auch sonst stellt die Anbindung der Ehrenamtlichen an ABK Neustart einen Schutzraum dar. „Bei heiklen Fragen können sie sich an uns wenden. Das verschafft ihnen Zeit und sie können die Schuld für eine Absage auf uns schieben. Die Ehrenamtlichen sollen sich bei ihrer Arbeit wohl fühlen“, erläuterte Brust. Geboten werden außerdem interessante Fortbildungen.

Wichtig ist aber, dass die Betreuung der Inhaftierten regelmäßig und vor allem verlässlich erfolgt. Das gilt für Besuche ebenso wie für den in der Draußen-Welt fast gänzlich aus der Mode gekommenen Briefkontakt. „Das ist hier vielleicht noch wichtiger als ohnehin im Ehrenamt“, fand Brust.

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