Projekt Sodis in Bolivien: Hier lernen Eltern von Kindern

Projekt Sodis in Bolivien : Hier lernen Eltern von Kindern

Die RWTH Aachen unterstützt das Projekt Sodis in Bolivien. Die Hilfe zur Selbsthilfe funktioniert offensichtlich. Mit einfachen Mittel kann die Gesundheitsvorsorge verbessert werden.

Gemeinsam mit 40 weiteren Aktiven setzt sich Christoph Netsch von Aktion Sodis ehrenamtlich für bessere Lebensbedingungen in der Region Micani in Bolivien ein. Der eingetragene Verein unter Schirmherrschaft der RWTH-Prorektorin für Internationales, Professorin Ute Habel, ist aus einer studentischen Initiative entstanden und heute offen für alle Interessierten.

An der RWTH studiert

Netsch studiert an der RWTH im fünften Semester Maschinenbau im Masterstudiengang und ist seit sieben Jahren für rund 400 Familien aktiv. Sie leben verstreut im Andenhochland in kleinen, meist sehr abgelegenen Dörfern in Lehmhütten oder vereinzelt an Berghängen. Verunreinigtes Trinkwasser, Mangelernährung, niedriger Bildungsstand, Armut und kaum vorhandene Infrastruktur prägen dort den Alltag. Aktion Sodis hat mit mehreren Projekten nach dem Leitsatz der Pädagogin Maria Montessori „Hilf mir, es selbst zu tun“ bereits erste Erfolge erzielt.

Im Rahmen der Projekt­evaluation war Netsch vor Ort und berichtet: „Die Verständigung ist in der Regel in spanischer Sprache möglich. Die Menschen dort beeindrucken. Sie sind motiviert, etwas zu verändern – diesen Gestaltungsdrang wollen wir unterstützen.“

Konkrete Hilfe: Johanna Bracke (links) und Lisa Vossmann (rechts) mit Dorfbewohnerinnen bei der traditionellen Herstellung von Ziegeln. Foto: Aktion Sodis

Ein starkes Netzwerk sichert die Umsetzung der Projekte in Bolivien: Rund 20 Yachaqkuna – das heißt übersetzt aus der lokalen Sprache Quechua „diejenigen, die Bescheid wissen“ – kommen aus den Dörfern und wurden von Aktion Sodis ausgebildet. Vermittelt werden nicht nur Wissen und Umsetzungskompetenz, sondern auch Selbstvertrauen, der neuen Aufgaben gewachsen zu sein, und die Überzeugung, mit der eigenen Arbeit eine Veränderung herbeiführen zu können.

Fünf hauptamtlich Beschäftigte – ein technischer Ausbilder, eine Agronomin, eine Sozialarbeiterin, eine Buchhalterin und eine Projektkoordinatorin – übernehmen die Ausbildung der Yachaqkuna und übergeordnete Aufgaben. Finanziert werden die Kräfte – drei sind im selben kulturellen Umfeld aufgewachsen und zwei kommen direkt aus der Region – und weitere Aufgaben durch Spenden von Stiftungen und Unternehmen sowie Projektgelder der öffentlichen Hand. Netsch hat auch das Amt des Kassenwarts inne und verwaltet den jährlichen Etat von rund 100.000 Euro. „Wir würden gerne den bolivianischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Besuch in Aachen ermöglichen. Die Reisekosten sind allerdings derzeit nicht finanzierbar“, so Netsch.

Schulen wichtige Funktion

Die 14 kleinen Dorfschulen der Region übernehmen eine wichtige Rolle bei der Projektarbeit: So lernen die Kinder die Nutzung von Sanitäranlagen, das Filtern des Trinkwassers und die Bedeutung der Handhygiene. In Schulgärten arbeiten sie bei Pflanzenauswahl und Bewässerung mit. Mit dem geernteten Obst und Gemüse werden dann nicht nur die Schulmahlzeiten verbessert, sondern die Kinder vermitteln ihre hier erworbenen Kenntnisse an Eltern und Geschwister.

Die Mütter, die abwechselnd in den Dorfschulen das Essen zubereiten, sind eine Zielgruppe von Aktion Sodis. Traditionell wird das Essen an offenen Feuerstellen in den Hütten zubereitet, die Rauchbelastung ist sehr hoch und verursacht lebensgefährliche Atemwegserkrankungen. Der Verein hat daher in den Dorfschulen Kochstellen ermöglicht, die rauchfrei sind und zudem wenig Holz benötigen. Die Frauen lernen diese in der Schule kennen und können anschließend mit Unterstützung durch die Yachaqkuna solche Kochstellen in ihren Hütten einrichten.

Unternehmertum fördern

In den nächsten drei Jahren soll das Unternehmertum gefördert werden: Im Mittelpunkt steht dabei der Tara-Baum – eine heimische, stachelige und für das Klima geeignete Pflanze, die bei der Verarbeitung von Leder und zur Nahrungsergänzung eingesetzt wird. „Bereits nach vier Jahren können erste Früchte geerntet und gut verkauft werden. Gemeinsam mit einem strategischen Partner Socodevi wird das Projekt ganzheitlich betrachtet: Der Tara-Baum reichert den Boden mit Stickstoff an, Dünger wird über­flüssig und eine nachhaltige Landwirtschaft möglich. Wichtig ist bei diesem Projekt auch, dass Männer und Frauen gemeinsam arbeiten. Im stark patriarchalisch geprägten Mincai ist die Stärkung der Frauen hin zu einer Geschlechtergerechtigkeit sehr wichtig. Der Verein informiert bei Veranstaltungen in der Universität und in Aachen über seine Arbeit, etwa beim CHIO, bei den Blutspende-Terminen der Uniklinik in der Couven-Halle oder beim Aktionstag „Ehrenwert“.

Stephanie Mäurer, stellvertretende Leiterin der RWTH-Abteilung Baumanagement, wurde im Januar 2019 im Rahmen des Jahresrückblickes „RWTH transparent“ auf die Aktion Sodis aufmerksam. Die Diplom-Ingenieurin erstellt jetzt für den Verein technische Zeichnungen, fotografiert und textet. Im September reiste sie nach Bolivien. „Ich habe meinen Jahresurlaub genutzt, um die aktuellen Projekte zu unterstützen. Hierbei stand die Evaluation des Ernährungsprojekts im Vordergrund. Gemeinsam mit Maria Lütticke, die Umweltingenieurwesen studiert, war ich mit Schlafsack und Isomatte unterwegs, wir haben in den Schulen oder Hütten auf dem Boden geschlafen. Die Wege zwischen den Dörfern waren abenteuerlich. Ich bin sehr beeindruckt, wie die Projekte das Leben der Menschen verbessern“, so Mäurer.

Spendenkonto: Aktion Sodis e.V., IBAN: DE16430609674048257700; BIC: GENODEM1GLS