Aachen: Herr Eller, warum feiern wir eigentlich Weihnachten?

Aachen: Herr Eller, warum feiern wir eigentlich Weihnachten?

In der Kirche St. Nikolaus in der Aachener Innenstadt zündet Timotheus Eller die Kerzen am Adventskranz an. Das seit vielen Jahren als ökumenische Citykirche betriebene Gotteshaus liegt nicht weit vom Aachener Weihnachtsmarkt entfernt. „Viele Besucher sind beglückt von dem Ruhepol, den sie hier in der Adventszeit finden“, hat der katholische Pfarrer festgestellt.

Mit Eller hat Rauke Xenia Bornefeld über die Frage gesprochen, warum wir eigentlich Weihnachten feiern.

Viele, die von Weihnachten sprechen, denken an Glühwein, Spekulatius und Geschenke. Wie viel biblische Weihnacht steckt heute noch in unserem Weihnachtsfest?

Timotheus Eller: Ich sehe das Problem unseres Weihnachtsfestes eher darin, dass wir keinen Advent mehr haben. Der Advent ist eigentlich eine Zeit der Vorbereitung. Sie ist schlicht, ruhig, aufbauend. Es beginnt mit einer Kerze, erst die vierte Kerze kündigt Weihnachten mit ganz viel Licht an. Diese Dramaturgie vom Schlichten hin zum Glanz ist völlig abhandengekommen. Heute haben wir eine Vorweihnachtszeit, die Ende Oktober/Anfang November beginnt und am 27. Dezember endet. Dabei beginnt die Weihnachtszeit erst am 24. Dezember abends und endet erst am Sonntag nach dem 6. Januar. Sie verknüpft die Jahre miteinander. Wer den Advent nicht begeht, kommt nicht zum Kern des Weihnachtsfestes.

Was ist denn der Kern?

Eller: Der jenseitige Gott kommt ganz konkret in unser Leben. Und zwar als richtiger Mensch von Anfang an, geboren von einer Frau. Er ist göttlichen Ursprungs, aber er wird richtig Mensch. Mit Windeln, in die er auch hinein gemacht hat. Er ist heimatlos, verfolgt, im Visier der Obrigkeit von Beginn an. Daran können wir uns halten: „Mach’s wie Gott, werde Mensch!“

Den ersten Christen waren die Umstände der Geburt Christi gänzlich egal. Warum legen wir heute so einen großen Wert darauf?

Eller: Die Geburt ist ein Kernstück von Familie. Jeder kennt es. Kinder werden geboren — früher noch stärker im Schoß der Familie als heute. Aber auch heute hat jeder einen Bezug zu diesem Lebensbeginn.

Die Geburt ist ohne Ostern theologisch nicht zu denken. Dennoch läuft Weihnachten dem Osterfest in der wahrgenommenen Wichtigkeit doch sehr den Rang ab . . .

Eller: . . . das ist so. Weihnachten ist greifbarer. Die Auferstehung ist doch irgendwie sehr abstrakt. Viele können noch mitgehen, dass ein Kind zur Welt kommt, das eine außergewöhnliche Strahlkraft hat. Den Zauber der Schwangerschaft und Geburt haben viele erlebt. Auch die erste Zeit mit Kindern — wenn sie zum Beispiel beim Weihnachtsfest das erste Mal mit leuchtenden Augen vor dem Christbaum stehen — verbindet Menschen. Selbst Menschen anderer Glaubensrichtungen können dem Geburtsfest unseres Gottes viel Schönes abgewinnen. Damit kann Weihnachten auch eine Brücke sein zu anderen Religionen.

Sehen Sie die Werteverschiebung von Ostern zu Weihnachten gar nicht so kritisch?

Eller: Kritischer sehe ich die allgemeine Verflachung aller unserer christlichen Feste. Weihnachten als Konsumfest sehe ich kritisch.

Wie können Advent und Weihnachten wieder den Stellenwert bekommen, den das Kirchenjahr vorsieht?

Eller: Advent könnte die Zeit sein, in der man auch innerhalb von Familien mehr ins Gespräch kommt über das, was sich verändert hat. Was sind wohltuende Konstanten, was sind leblose Traditionen, die man nur noch macht, weil es immer schon so war? Auch Kirche sollte der trubeligen Vorweihnachtszeit einen gestalteten Advent entgegensetzen. Wir machen das in den Aachener Innenstadtkirchen mit einem eigenen Programm. Hier in der Citykirche freuen sich die Menschen, wenn wir ihnen zum Beispiel am Samowar eine Tasse Tee und ein Gespräch anbieten. Sie nehmen diesen Ruhepol gern wahr.