Aachen: Heiße Rededuelle am „NF8U“

Aachen: Heiße Rededuelle am „NF8U“

Wenige Tage bevor der Bürger den Daumen hebt oder senkt, war der große Traum von der Tram mitten auf dem Willy-Brandt-Platz buchstäblich zum Greifen nah. Oder der Alptraum, je nach Betrachtung halt. Am Wochenende hat der NF8U, ein stattliches Exemplar der Niederflur-Stadtbahnwagen der Düsseldorfer Rheinbahn, Station in der City gemacht.

Und zahllose Menschen haben sich vor allem am Samstag die Chance zum Probesitzen nicht entgehen lassen — auch ohne „Fahrfeeling“. Vorerst musste das Großgefährt (das allerdings rund 26 Zentimeter schmaler ist als der potenzielle Prototyp für die geplante Aachener Trasse) von der Rheinschiene naturgemäß per Tieflader Richtung Innenstadt bugsiert werden. Ob‘s dennoch half bei der Entscheidungsfindung?

Alte Parteifreunde als Gegner in neuer Sache: Harald Baal, CDU-Fraktionschef im Rat (links), und Rolf Einmahl, Vorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung (rechts), beim verbalen Schlagabtausch in der Moderation von AZ-Redakteur Stephan Mohne.

Fakt ist: Sechs Mal dürfen die Verantwortlichen, also wir alle, noch mehr oder minder ruhig schlafen, bis klar ist, ob die Aachener das Megaprojekt namens Campusbahn aufs Gleis heben oder ob sie den ambitionierten Verkehrsplänen der Ratsmehrheit einen Strich respektive ein Kreuz durch die Rechnung machen.

Die Initiative Aachen und der Förderverein „Aachen_Fenster“ jedenfalls ließen bei der gut zweieinhalbstündigen Diskussionsrunde am imaginären Gleis die Meinungen einmal mehr mit Hochdruck auf einander prallen — von wegen Erkenntnisgewinn. Mehrere hundert Zuhörer folgten den Ausführungen der Experten sichtlich gebannt. Denn in der Moderation von AZ-Redakteur Stephan Mohne wurden die Argumente in Gestalt von sechs Streitgesprächen abermals mit glühender Leidenschaft ausgetauscht.

Engagierter Schlagabtausch

Auf dem Podium fand sich also reichlich Prominenz zum engagierten Schlagabtausch ein. Auf der Seite der Befürworter: Professor Dr. Günther Schuh, Geschäftsführer des großen RWTH-Coups im Aachener Westen, dem das Bahn-Projekt seinen Namen verdankt, Hans-Dieter Collinet, Vorsitzender des Mitveranstalters „Aachen_Fenster“, AVV-Geschäftsführer Hans Joachim Sistenich, Harald Baal, CDU-Fraktionschef im Rat, Hermann Paetz, Geschäftsführer des Campusbahn GmbH für die Aseag, sowie Ralf Oswald (ADFC) und Walter Ullrich (VCD).

Auf der anderen: deren jeweilige Gesprächspartner (in ebendieser Reihenfolge) Maximilian Slawinski von der Initiative „Campusbahn = Größenwahn“, CDU-Ratsherr Egbert Form, FDP-Ratsfrau Ruth Crumbach-Trommler, Rolf Einmahl, Vorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung, FWG-Ratsherr Hans-Dieter Schaffrath sowie Fotografin Marga Meier aus Forst.

Die personellen Konstellationen ließen an Brisanz folglich nichts zu wünschen übrig — zumal sich mit Baal (pro) und Einmahl (kontra) nicht nur zwei Parteifreunde gegenüberstanden; Baal folgte Einmahl bekanntlich als jüngster Fraktionsvorsitzender der Christdemokraten. Was (unter anderem) den Vorteil mit sich brachte, dass platte Polemiken bei den Rededuellen kaum je die Oberhand gewannen. Und damit unterm Strich freilich keine Seite mehr als gelegentliche Punktsiege erzielen konnte.

So heimsten die Gegner mit ihrer Argumentation auf der Kostenschiene ebenso reichlich Applaus ein wie die Befürworter, die das Projekt als Riesenchance für den Einstieg in den umweltfreundlichen Nahverkehr priesen. Ob die Bahn vor allem die finanzielle Talfahrt der Stadt beschleunigt oder als attraktive Innovation sowohl ökologisches als auch ökonomisches Gebot der Stunde ist, ob sie den ÖPNV-Infarkt nachhaltig verhindert oder das flotte Fortkommen gar konterkariert — am Ende ließ sich einmal mehr feststellen: Die Zukunft könnte es zeigen.

Einmütiger Appell: An die Urnen!

Da halfen den Unentschlossenen auch die zahlreichen Hinweise auf erfolgreiche Modelle in anderen Städten und Ländern, die mit der Tram allemal gut führen, wohl wenig. Auch wenn Helmut Huntgeburth als Vorsitzender des VdK und Professor Dr. Adolf Müller-Hellmann als Geschäftsführer im Förderkreis des Verbands deutscher Verkehrsunternehmen sich am Ende noch einmal mit eindringlichen Plädoyers für die Bahn ins Zeug legten.

Blieb — einmal mehr — die Hoffnung, dass mancher Zweifler in der Abwägung der wichtigsten inhaltlichen Argumente seine ganz persönliche Position gefunden haben mag. Und reichlich Motivation abzustimmen. Denn in einem waren sich die Kontrahenten auf dem Podium allemal einig: Kommenden Sonntag wollen und werden die Aachener selbst entscheiden, wohin die Reise geht.

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