Verkehrswende in Aachen: Hartes Gerangel um den knappen Platz

Verkehrswende in Aachen : Hartes Gerangel um den knappen Platz

Die Folgen der Verkehrswende kommen allmählich im Alltag vieler Aachener an. Für Autofahrer bedeutet das: Sie müssen immer mehr Flächen abgeben. Das hat eine breite Mehrheit der Fraktionen im Mobilitätsausschuss deutlich gemacht.

Der öffentliche Raum in Aachen wird neu verteilt – und dies nicht mehr wie selbstverständlich großflächig zugunsten des sogenannten motorisierten Individualverkehrs. Wenngleich im Detail noch viel gestritten wird, hat eine breite Mehrheit der Fraktionen im Mobilitätsausschuss deutlich gemacht, dass die Schwerpunkte in der Verkehrspolitik klar zugunsten des öffentlichen Nahverkehrs, der Radfahrer und Fußgänger verschoben werden sollen.

Wie in einem Puzzle fügte sich in der Sitzung am Donnerstag eine ansehnliche Zahl an Tagesordnungspunkten zu einem großen Ganzen zusammen. Und stets ging es dabei auch um die Aufteilung des zur Verfügung stehenden Straßenraums. Erst nach mehr als vier Stunden intensiver Diskussion war das stramme Programm mit so wichtigen Themen wie Adalbertsteinweg, Lothringerstraße, Bismarckstraße, Theaterplatz, Ludwigsallee und Campusband abgearbeitet. In allen Fällen werden sich Autofahrer künftig mit weniger Platz begnügen müssen, als sie es lange Zeit gewohnt waren.

Eine erkennbar neue Richtung

Die Debatte um Luftschadstoffe, Lärm und Lebensqualität in der Stadt, zahlreiche Gerichtsurteile, drohende Dieselfahrverbote, der Radentscheid und Klimabewegungen wie Fridays for Future oder Extinction Rebellion schlagen damit nicht mehr nur auf die Ideen von Grünen, Linken und Piraten durch, sondern haben auch den verkehrspolitischen Zielsetzungen von CDU und SPD eine erkennbar neue Richtung gegeben.

Beispiel Theaterplatz: Die dauerhafte Wegnahme der stadteinwärts führenden rechten Fahrspuren ist bereits beschlossene Sache. Denn der Verkehrsversuch im September wird allenthalben als erfolgreich gewertet. Nennenswerte Rückstaus und Verkehrsbehinderungen habe es während der einwöchigen Sperrung nicht gegeben. Stattdessen soll der so gewonnene Platz nun den Fußgängern, Radfahrern und auch den anliegenden Geschäftsleuten zugute kommen. Feldversuche wie diese will die Verwaltung nun häufiger einsetzen, um mehr Erfahrungen in der Praxis zu sammeln.

Beispiel Adalbertsteinweg: Ab Anfang nächsten Jahres soll auf dem Teilstück zwischen Stolberger Straße und Ottostraße stadteinwärts testweise eine Kfz-Spur weggenommen werden, dafür erhalten Radfahrer eine neue gesicherte Spur. Die Baustellenphase habe gezeigt, dass man mit dem Auto dort trotzdem gut durchkommen könne, meint die SPD-Verkehrspolitikerin Ye-One Rhie, die sich gemeinsam mit ihrer Koalitionspartnerin Gaby Breuer (CDU) auch für die Variante „Busspuren in Mittellage“ aus­spricht. Nur so könne man die „Nebenwirkungen“ erkennen, meint auch die Verwaltung. Gibt es Staus? Weichen Autofahrer auf Nebenstrecken aus? Mit welchen Folgen?

Adalbertsteinweg: Ab Anfang nächsten Jahres soll auf dem Teilstück zwischen Stolberger Straße und Ottostraße stadteinwärts testweise eine Kfz-Spur weggenommen werden. Foto: ZVA/Harald Krömer

Glaubt man Peter Blum (FDP), ist die Sache längst geklärt: „Es kommen Dauerstaus auf uns zu, die mit Sicherheit nicht der Luftqualität zugute kommen“, ist er überzeugt. Viele Menschen seien auf ihr Auto angewiesen, sagt er, da sei es falsch, eine Hauptverkehrsader „zuzubauen“, erst müsse man Alternativen schaffen und den öffentlichen Nahverkehr ausbauen, fordert er. Rhie und Jörg Lindemann (CDU) konterten, dass man genau dies dort tun wolle: das Busangebot verbessern und langfristig dort womöglich auch wieder eine Straßenbahn fahren lassen. Matthias Achilles (Piraten) wies zudem Blums Behauptung zurück, am Adalbersteinweg neue Konflikte zu schaffen: „Die Konflikte gibt es heute schon, aber wir wollen anders mit ihnen umgehen.“

Am Ende wurde die neue Flächenaufteilung auf Zeit einstimmig beschlossen. Bis Mitte nächsten Jahres sollen die Erkenntnisse vorliegen, um dann die abschließenden Markierungen aufzubringen.

Auch auf der Ludwigsallee zwischen Bastei und Lousbergstraße werden sich Autofahrer nach Abschluss der Kanalarbeiten einschränken müssen. CDU, SPD und Grüne sprachen sich dort dafür aus, eine Fahrspur wegzunehmen, um dafür einen baulich getrennten Radweg anlegen zu können („Protected Bike Lane“), wie es im Radentscheid gefordert wird, der am kommenden Mittwoch im Stadtrat (ab 17 Uhr, Rathaus) behandelt wird. Beidseitiges Parken soll dort weiterhin möglich sein. Kritisch sehen das vor allem Linke und Piraten, da dies zusätzliche Gefahren für Radfahrer birgt. Auch die FDP hätte lieber auf die Parkflächen am rechten Rand verzichtet, um die zweite Fahrspur zu retten.

Hart gerungen wird derweil auch noch um jeden Parkplatz entlang der Lothringerstraße. Mehr als 50 müssen dort wegen des Umbaus zur Fahrradstraße sowieso schon wegfallen, weitere elf stehen wegen der geplanten Platzverschönerung zwischen Friedrichstraße und Alfonsstraße auf der Kippe. Geopfert werden müssten sie aus Sicht der Verwaltung und auch der Kommission barrierefreies Bauen dem neuen Konzept der Premiumfußwege.

„Der Konflikt zwischen Parkplätzen und qualitätsvollen Aufenthaltsorten ist gelebte Verkehrswende“, sagte Kaj Neumann (Grüne), „das muss man aushalten.“ Gemeinsam mit Linken und Piraten sprach er sich gegen die von CDU, SPD und FDP gewünschte Neuplanung aus, um die elf Parkplätze doch noch zu retten. Eine andere Platzgestaltung sei dort möglich, ist hingegen Gaby Breuer überzeugt und betonte, dass man dort keine Fußgänger „an den Rand drängen“ wolle. „Aber wir sind allen Menschen verpflichtet“ – auch den Anwohnern, die dort unter einem hohen Parkdruck leiden. Die Autos würden sich schließlich nicht einfach in Luft auflösen.

Wie umgehen mit dem öffentlichen Raum? Diese Frage beschäftigte einmal mehr die Politiker im Mobilitätsausschuss. Zur Debatte steht zum Beispiel die Parkplatzsituation am kleinen Platz an der Lothringerstraße. Foto: ZVA/Harald Krömer

Peter Blum erinnerte daran, dass im Viertel schon seit Jahren mehr Anwohnerparkausweise ausgegeben würden als Stellplätze vorhanden sind. „Wir müssen darauf achten, dass nicht zu viele Parkplätze wegfallen.“

Dies gelte auch für die Bismarckstraße. Es sei keine Lösung, den Verkehr „einfach wegzudrängen“ und die Leute die ganze Nacht kreisen zu lassen, um einen Parkplatz zu finden, meint Blum zum dort geplanten Umbau zur Fahrradstraße. Derweil verwies Achilles auf Erfahrungen in anderen Städten, wonach die Autos tatsächlich verschwänden, wenn alternative Verkehrsformen gefördert werden. Umbaubeschlüsse wurden für diesen Bereich noch nicht gefasst, zunächst sollen die Auswirkungen verschiedener Varianten rechnerisch untersucht werden.

Die Bismarckstraße soll zur Radvorrangroute ausgebaut werden. Foto: Andreas Steindl
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