Aachen: Handgestoppt: 23 Minuten schweigend am Rednerpult

Aachen: Handgestoppt: 23 Minuten schweigend am Rednerpult

Damit später alles seine Ordnung hat, wenn der hohe Gast kommt, erklimmt Olaf Müller gegen 16.45 Uhr am Fronleichnamstag die große Bühne auf dem Katschhof, stellt sich ans Mikrofon, legt beide Hände aufs Rednerpult und spricht: „Meine Damen und Herren, bitte nehmen Sie Ihre Plätze ein.“

Die Damen und Herren gehorchen sofort. Alles setzt sich. Nur Olaf Müller, der Leiter des städtischen Kulturbetriebs, bleibt stehen, da oben auf der Bühne, am Mikro, die Hände auf dem Rednerpult. Und irgendwann in den folgenden 23 Minuten wird er wahrscheinlich denken, dass das ein Fehler war.

Denn Olaf Müller soll den Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Joachim Gauck, ankündigen, sobald dieser das Katschhofpflaster betritt. Neben den Präsidenten Frankreichs und Italiens, Francois Hollande und Giorgio Napolitano, ist Gauck Schirmherr der Ausstellungs-Trias „Karl der Große. Macht. Kunst. Schätze.“ und soll diese außergewöhnliche Schau an diesem Nachmittag in Aachen eröffnen. Auf dem Katschhof soll er wie auch NRW-Ministerin Ute Schäfer ein Grußwort sprechen, vor 900 geladenen Gästen, die ja auch alle schon brav sitzen. Nur Olaf Müller steht, und wer nicht kommt, das ist der Bundespräsident.

Natürlich ist Gauck zu diesem Zeitpunkt längst schon da. Um 16 Uhr ist er auf dem Markt aus einer dunklen Limousine gestiegen, hat Oberbürgermeister Marcel Philipp nebst Gattin Gabriele begrüßt, für den warmen Applaus einiger hundert Bürger winkend gedankt und die Schmährufe einiger Demons-tranten mit einer ironischen Kusshand beantwortet. Danach ist der Präsident hinauf in den Krönungssaal geeilt zur Privatführung durch die „Orte der Macht“, den größten Part der Ausstellungs-Trias.

Und da oben ist Gauck wohl auch jetzt noch um kurz vor 17 Uhr, während Olaf Müller immer noch unten am Rednerpult steht. Und schweigt. Aber was soll er auch sonst tun? Nach einer knappen Viertelstunde schweigendem Herumstehen kann er ja schlecht einfach wieder abhauen. Den Zeitpunkt hat er verpasst. Und bloß ein bisschen was daherreden, wäre wohl unpassend. Blöd ist auch, dass ihn 900 Menschen fortwährend beobachten, da kann er natürlich keine Miene verziehen — zumal die Regie sein Bild überlebensgroß auf die Leinwand wirft. Aber wo sollen die Leute auch sonst hinschauen? Es passiert ja nichts.

Mancher der Festgäste denkt da unwillkürlich an diesen Müller in Brasilien. Der schießt wenigstens Tore. Und man entwickelt Ideen, wie man diese Eröffnung etwas flotter hätte gestalten können. Etwa mit Musik statt Schweigen. Das Blechbläserensemble des Sinfonieorchesters steht schließlich in den Startlöchern. Nach 23-minütigem Schweigen kommt dann endlich der Bundespräsident, und Olaf Müller spricht: „Bitte erheben Sie sich von Ihren Plätzen.“ Danach setzt er sich, und es reden die anderen. Glücklicherweise schaffen sie viel mehr Wörter in viel kürzerer Zeit. Und es gibt auch Musik.

Erst ganz am Ende, als alles vorbei ist, erklimmt Olaf Müller wieder die Bühne. „Die Ausstellungen sind eröffnet“, sagt er. Damit alles seine Ordnung hat.