Aachen: Gut Hanbruch: Reitlehrerin Melanie Cremer im Interview

Aachen: Gut Hanbruch: Reitlehrerin Melanie Cremer im Interview

Verwunschen liegt das Gut Hanbruch am Stadtrand Aachens. 1409 erstmals urkundlich erwähnt, beheimatete es über Jahrhunderte hinweg verschiedene Familien, ab 1895 die Bauernfamilie Drießen. Auch ein Kloster hatte sich hier zwischenzeitlich niedergelassen. Vor 40 Jahren zog der 1969 gegründete Reitverein Gut Hanbruch in das historische Gebäude ein.

Heute leben in dem Pensions- und Schulbetrieb 40 Pferde. Rund 300 Mitglieder hat der Verein, davon sind die Hälfte Jugendliche. Jugendarbeit ist ein großes Thema, zumal der schulische Ganztagsbetrieb immer weniger Freizeit zulässt. Davon kann Melanie Cremer, Betriebsleiterin und Reitlehrerin in Personalunion, ein Lied singen. Seit zehn Jahren lebt und arbeitet sie auf Gut Hanbruch.

Sie haben schon unzähligen Kindern und Jugendlichen in Aachen das Reiten beigebracht. Ist Reitlehrerin ein Traumjob?

Cremer: Ja! Ich konnte kaum laufen, da hat mein Opa mich das erste Mal aufs Pferd gesetzt. Seitdem dreht sich bei mir alles um Pferde. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und mich gegen den Willen meiner Eltern durchgesetzt. Denn ich bin die einzige Reitsportbegeisterte in meiner Familie. Nachdem ich die zweijährige Hauswirtschaftsschule schön brav abgeschlossen hatte, bin ich unter Protest meiner Eltern von der Eifel nach Aachen gezogen, um dort mit 18 meine Ausbildung zur Pferdewirtin auf dem damaligen Branderhof zu beginnen. Seit 25 Jahren arbeite ich nun als Reitlehrerin.

Nach Ihrer Ausbildung zog es Sie zunächst in die Ferne. Aber irgendwann rief dann doch wieder die Heimat…

Cremer: Ja, nach 15 Jahren wollte ich wieder zurück. In Aachen hatte ich noch ein paar Kontakte, die ich gefragt habe, ob dort überhaupt aktuell eine Reitlehrerin gesucht wird. Und siehe da: Der Reitverein Gut Hanbruch hat just zu der Zeit eine Reitlehrerin gesucht. Ich habe sofort meine Bewerbung verschickt und wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Kurze Zeit später kam die Zusage. Da habe ich nicht lange gefackelt, habe meine Siebensachen in Niedersachsen gepackt, mein Pferd und meinen Hund mitgenommen. Seit dem 15. September 2005 bin ich hier. Das war der schönste Zufall meines Lebens.

Waren Sie von Beginn an Feuer und Flamme für den Hof?

Cremer: Ja. Als ich hier anfing, musste der ganze Betrieb wieder richtig aufgebaut werden. Ein halbes Jahr später war der Stall voll und der Schulbetrieb wieder aufgestockt.

Apropos Schulbetrieb: Mit einigen Projekten war Gut Hanbruch ja Vorreiter.

Cremer: In der Tat. Sehr viele — zum Teil für ganz Deutschland richtungsweisende — Aktivitäten, sind vom Reitverein Gut Hanbruch ausgegangen, z. B. das Kleine und das Große Hufeisen, „Reiten für Späteinsteiger“ und ganz besonders der Deutsche Reitpass, ein Führerschein zu Pferd, den der Reitverein 1975 ins Leben gerufen hat.

Das Angebot ist weiter gewachsen. Was ist hinzugekommen?

Cremer: Longier- und Reitabzeichen, Basispass, der Lehrgang „Umgang mit dem Pferd”, Ferienlehrgänge, Pferdefreunde-Workshops für Kinder, Ausritte und vieles mehr. Wir investieren sehr viel Zeit in die Jugendarbeit und -förderung. Das ist sehr wichtig. Wir unterrichten Dressur, samstagnachmittags gibt es immer eine Springstunde und wir haben eine sehr große Voltigier-Abteilung.

Zudem veranstalten wir zwei Turniere pro Jahr. Im Laufe der Zeit sind wir sehr vielseitig geworden, haben den Schwerpunkt auf den Breitensport gelegt, damit für alle etwas dabei ist. Das große Ganze ist uns wichtig: Der Umgang mit dem Pferd, es verstehen lernen, es pflegen. Wir legen viel Wert darauf, dass von Anfang an ein gutes Fundament geschaffen wird. Unsere Jugendlichen haben auch die Möglichkeit, auf kleinen Turnieren zu starten, damit sie ein bisschen Turnierluft schnuppern können.

Und wie sieht es de facto mit dem Nachwuchs aus? Anders gefragt: Ist Reiten in?

Cremer: Ja. Unsere Wartelisten sind voll, vier bis fünf Monate Wartezeit muss man bei einer Anmeldung schon einkalkulieren. Die Nachfrage ist groß. Irgendwann sind die Kinder so weit, dass sie ihre erste Reitstunde nehmen können. Und da kommen wir direkt zum Thema Offene Ganztagsschulen.

Viele Vereine klagen ja über mangelnden Nachwuchs, gerade wegen des Ganztagsbetriebs in den Schulen.

Cremer: Das spüren wir auch. Die Reitstunden müssen immer weiter nach hinten verschoben werden. Die Kinder haben ja meistens bis 16 Uhr Schule. Und Reitsport ist halt sehr zeitintensiv. Durch den Ganztagsbetrieb fehlt den Schülern jede Menge Freizeit. Das ist ein großes Thema, auch wenn uns der Spagat ganz gut gelingt. Aber wir sind halt nicht nur Reitschule, sondern auch Pensionsbetrieb.

Daher haben wir regelmäßig eine Lücke von 15 bis 17, 18 Uhr und dann kommt es geballt. Viel wird mittlerweile in die Abendstunden oder auf das Wochenende verlegt. Seit einiger Zeit pflegen wir zudem Kooperationen mit den OGS Hanbruch und Am Rödgerbach. An drei Tagen haben wir hier OGS-Gruppen. Es ist sinnvoll, direkt mit den Schulen zusammenzuarbeiten.

Was macht die Faszination des Reitens aus?

Cremer: Der Kontakt zum Pferd, das Putzen, das Pflegen, das Knuffeln, das Liebhaben… so fängt es an. Einige haben auch ein Vorbild wie Isabell Werth, Nadine Capellmann oder Charlotte Dujardin. Für viele ist das Pferd die erste große Liebe. Bei mir war es nicht anders. Die Faszination des Reitsports ist nach wie vor das Zusammensein mit dem Pferd, die Verantwortung und alles, was ein Pferd so mit sich bringt. Es geht ja nicht nur um den puren Reitunterricht. Ebenso wichtig ist der richtige Umgang mit dem „Freund Pferd“. Daher bieten wir auch die Möglichkeit, bei uns ein Pflegepferd zu bekommen.

Gibt es denn auch Kurse für Erwachsene?

Cremer: Natürlich. Auch Erwachsene können bei uns Reitstunden nehmen. Wir bieten zum Beispiel einen Reitabzeichenkurs für Berufstätige an oder einen Kurs für Wiedereinsteiger. Wir haben auch eine Kooperation mit der RWTH, sodass Studenten die Möglichkeit bekommen, das Reiten bei uns zu erlernen.

Was macht Gut Hanbruch aus Ihrer Sicht so besonders?

Cremer: Das Zusammenspiel aus dem Flair des alten historischen Hofes und dem enormen Zusammenhalt aller Mitglieder. Das ist wie eine große Familie. Hier auf dem Hof können sich die Kinder mal frei bewegen, mal Kind sein, mal auf einem Strohballen sitzen. Das ganze Ambiente ist einzigartig. Es ist zwar alles sehr alt, aber es ist gemütlich hier, romantisch. Nach dem Umzug des Branderhofs betreiben wir den einzigen Stall mit Schulbetrieb, der stadtnah liegt. Unsere Reitschüler können mit dem Bus anfahren oder mit dem Fahrrad.

Schon 40 Jahre ist der Reitverein Gut Hanbruch hier. Was prägte den Verein?

Cremer: 1974 wurde der Pachtvertrag unterschrieben, 1975 zog das erste Schulpferd ein und es erfolgte die Anerkennung zum Lehrbetrieb. Bis 1997 lebte „Oma Drießen“ als letztes Familienmitglied der vorher hier lebenden Bauernfamilie noch hier. Daher erinnert noch heute unsere Sitzecke im Hof, die sogenannte „Drießen- Ecke“, an sie. Denn hier saß sie zu Lebzeiten oft auf ihrem Stuhl und hatte die ganze Kontrolle über den Hof. Sie kümmerte sich um vieles, bei ihr gab es auch immer einen Kaffee.

Die Aachener sind ja sowieso reitsportbegeistert: Jährlich findet der CHIO und dieses Jahr sogar die Reit-Europameisterschaften statt. Sind Sie dabei?

Cremer: Na klar. Unser Reitverein nimmt mit 50 Leuten an der Eröffnungsfeier teil, wo wir als Statisten auftreten. Ich selbst bin sehr dressurambitioniert. Daher habe ich mir im August eine Woche Urlaub genommen, um mir alle Dressurprüfungen bei der EM ansehen zu können. Bei der WM im Jahr 2006 war ich auch schon als Zuschauer dabei. Seitdem habe ich keinen CHIO mehr live verpasst. Vorher habe ich das ganze Geschehen aus der Ferne immer vor dem Fernseher erlebt. Das ist aber kein Vergleich. Immer wenn ich woanders war und die CHIO-Zeit losging, wurde ich hibbelig.

Schwingen Sie selbst sich ab und an auch noch in den Sattel?

Cremer: Ja, ich habe zweieinhalb Pferde hier auf Gut Hanbruch: Mein 21-jähriges ehemaliges Turnierpferd Soulman und mein junges Pferd, den sechsjährigen Expert. Dem steht hoffentlich noch die große Dressurkarriere bevor. Denn mein Ziel ist es, noch einmal Turniere zu reiten. Mein Frack hängt schon oben bei mir in der Wohnung bereit.

Sie sprachen aber doch gerade von zweieinhalb…

Cremer: Es fehlt noch Shetty-Pony Molly. Eigentlich sollte das Pony verkauft werden und alle Kinder waren furchtbar traurig. Dann habe ich Molly spontan gekauft. Später soll sie mit Soulman in einer WG auf der Wiese leben. Jetzt geht sie noch im Schulbetrieb für die 4- bis 5-Jährigen. Dieses Pony hat mittlerweile einen Hofstab an Pflegepersonal. Sie ist mit 1,10 m die kleinste im Stall, aber dafür das heißbegehrteste Objekt auf dem ganzen Hof.

Wie sehen Sie die Zukunft von Gut Hanbruch?

Cremer: Vor allem wünsche ich uns allen hier noch eine lange Zukunft. Der Hof gehört ja der Stadt, unser Pachtvertrag läuft noch bis 2024. Ich hoffe, dass wir alles so gut Instandhalten, aber auch Vorantreiben können, sodass wir weiterhin Jugendarbeit machen und unsere Einstaller zufriedenstellen können. Mittlerweile steht das Gut ja auch unter Denkmalschutz. Wir dürfen hier keinen Pflasterstein einfach so entfernen. Da ist manchmal Kreativität gefragt.

Sie leben bereits zehn Jahre in diesem Idyll — welchen Tag vergessen Sie nie?

Cremer: Meinen 40. Geburtstag. Da gab es eine riesige Überraschung. Gegen Mitternacht standen auf einmal alle Einstaller, Reitschüler und Mitarbeiter vor meinem Fenster im Hof und haben mich gerufen. Als ich dann das Fenster verdutzt öffnete, haben alle gleichzeitig „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag“ gerufen. Anschließend gab’s eine große Party!