Aachen: Grundstein für „Genezareth“-Kirche ist gelegt

Aachen: Grundstein für „Genezareth“-Kirche ist gelegt

Als Oberbürgermeister der Stadt Aachen spricht Marcel Philipp (CDU) jährlich bei so mancher Grundsteinlegung — ob es neue Unigebäude, Firmenkomplexe oder große Wohnanlagen sind. Gebaut wird immer. Am Mittwoch allerdings erlebten Philipp und einige Gäste, wie der Grundstein für einen Neubau gelegt wurde, der in unserer Zeit selten geworden ist: eine Kirche. „Das ist etwas ganz Besonderes“, sagte Philipp.

An der Vaalser Straße etwa in Höhe des Pariser Rings wird seit Anfang des Jahres für 4,5 Millionen Euro die evangelische „Genezareth“-Kirche gebaut — der derzeit einzige Neubau der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sie soll ab Anfang 2018 den knapp 4700 Protestanten der Häuser „Arche“ und „Bonhoeffer-Haus“ eine neue religiöse Heimat bieten. Der besonderen Zeremonie wohnten am Mittwoch circa 80 Schaulustige bei: Darunter nicht nur Gemeindemitglieder, sondern auch Anwohner, Ratsherren, Architekten sowie Vertreter der Evangelischen Kirche und der Diakonie.

Pfarrerin Bettina Donath-Kreß und Pfarrer Mario Meyer bei der Grundsteinlegung der Kirche „Genezareth“ an der Vaalser Straße. Foto: Schmitter

So eine Grundsteinlegung sei für Architekten eine schwierige Sache, gestand Michael Großmann vom Berliner Architektenbüro Weinmiller: „Denn man sieht noch nicht so viel von dem, was entstehen soll. Sie müssen uns also vertrauen“, sagte Großmann und wies auf die insgesamt 6000 Quadratmeter große Fläche, die zu etwas mehr als der Hälfte bebaut werden soll: So mussten sich die Gäste eben den Turm vorstellen, der als Symbol in die Stadt strahlen soll. Genauso mussten sie sich das Kirchenschiff ausmalen, ebenso das zukünftige Café und auch die Räume für das Atrium und die Diakonie, die in dem Gebäude unterkommen wird.

Während im Hintergrund die Bauarbeiter Beton mischten, erinnerten die Verantwortlichen an die Entwicklung des Vorhabens, das nicht ganz unumstritten war. „Es ist schön, dass das Projekt nun umgesetzt wird. Ich hoffe, dass dieses Gebäude auch ein Stück Versöhnung nach den Diskussionen sein wird, die es vorab gab“, sagte Oberbürgermeister Philipp.

Denn so positiv die Fest-Stimmung an der Vaalser Straße war — vor einem Jahr war das noch ganz anders. Da protestierten Naturschützer mit Plakaten wie „Rettet Gottes Schöpfung“ an der Vaalser Straße. Kritik an dem Bau gab es schon wegen der Wahl des Grundstücks, das eigentlich als Ausgleichsfläche für den JVA-Neubau ausgewiesen war. Dass nun ausgerechnet dort gebaut werden sollte, rief Grüne, Linke und Naturschutzverbände auf den Plan.

Ausgleich für den Kirchenneubau will man auf einer Grünfläche in Verlautenheide leisten. Redmer Studemund, Vorsitzender des Gesamtpresbyteriums, verteidigte die Wahl des Grundstücks am Mittwoch erneut: „In der ökologischen Bilanz steht Aachen besser da als vor dem Neubau.“ So heftig die Kritik damals war, heute höre er persönlich nichts mehr davon. Vielleicht auch, weil mit dem Baubeginn Tatsachen geschaffen wurden.

Kritik gab es vor Baubeginn zum anderen aber auch am Neubau an sich. Unkenrufe wurden laut, die fragten, warum man in Zeiten von Kirchenschließungen überhaupt noch neu baut. Diese spezielle Kritik empfand Pfarrer Mario Meyer damals mitunter als sehr „übergriffig“. Er wird bald gemeinsam mit Pfarrerin Bettina Donath-Kreß in der neuen Kirche tätig sein.

Dass man im Aachener Westen eine solch große Investition in Angriff nimmt, habe man aus der Überzeugung heraus entschieden, dass die Evangelische Kirche dort weiterhin eine große Bedeutung habe, sagte er. Gleichzeitig bedeute der Neubau viel Arbeit. Und zwar nicht nur, um die neue Kirche mit Leben zu füllen und damit die Kritiker eines Besseren zu belehren.

Sondern auch, weil man „gewissermaßen Trauerarbeit leisten muss“, erklärt Redmer Studemund. Denn für die Gemeindemitglieder bedeutet der Neubau den Abschied von zwei Kirchen, die sie nicht nur mit Gottesdiensten, sondern auch mit großen persönlichen Momenten wie Konfirmationen, Taufen oder Hochzeiten verbinden. Die zwei Gebäude „Arche“ und „Bonhoeffer-Haus“ sollen nächstes Jahr verkauft werden.

So verwundert es nicht, dass der Neubau und die damit verbundene Zusammenführung der Gemeinden auch intern zunächst für Schwierigkeiten gesorgt hat, wie Pfarrer Meyer bestätigt: „Die Leute müssen etwas aufgeben und sich auch mit neuen Menschen arrangieren“, erklärt er. Dabei wächst zusammen, was längst zusammen gehört: Beispielsweise gibt es bereits einen Gemeindechor, und man feiert gemeinsame Feste, auf denen sich die Gläubigen kennenlernen konnten, erklärt Pfarrer Meyer.

Und entgegen anfänglicher Zweifel werden auch keine Stellen in der Gemeinde gestrichen: Pfarrerin Donath-Kreß und Pfarrer Meyer werden sich die Aufgaben teilen. Er kümmert sich eher um die Arbeit mit Jugendlichen, wie den Konfirmandenunterricht, sie widmet sich vermehrt Themen von älteren Leuten, wie Sterbebegleitung und Trauerarbeit.

Symbolisch haben die Geistlichen schon am Mittwoch gemeinsam den Grundstein für das neue Kirchenleben gelegt: In einer Zeitkapsel verstauten sie nicht nur einen Bibelvers, ihre Leitmotive und eine Aachener Zeitung, sondern auch einen kleinen USB-Stick, auf dem die Bibel gespeichert ist. „Irgendwann wird diese Kapsel geöffnet und die Leute werden sich fragen, wozu dieser kleine Stick uns mal diente“, sagte Pfarrer Meyer, „Aber für uns heute ist es die moderne Technik. Und wir als Kirche wollen mit der Zeit gehen.“