Aachen: „Großer Ratschlag“ auf der Suche nach Alternativen für Campusbahn

Aachen: „Großer Ratschlag“ auf der Suche nach Alternativen für Campusbahn

„Großer Ratschlag“ — das ist sicher relativ: Wohlwollend betrachtet waren es knapp 90 Teilnehmer — inklusive der Genossen selbst —, die zum Auftakt einer Veranstaltungsserie der Aachener SPD ins Eurogress kamen, um die — aus Parteisicht — Pleite beim Ratsbürgerentscheid zur Campusbahn aufzuarbeiten.

Ausdrücklich waren „die Bürger“ aufgefordert, Gedanken und Wünsche zur Ausgestaltung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) nach der schroffen Absage an ein schienengebundenes System einzubringen.

Mobilität für Aachen

Karl Schultheis (MdL) umriss in seiner Begrüßung den Rahmen: Es gehe um „Mobilität für Aachen“, sagte der SPD-Vorsitzende. Man wolle die an der Campusbahn entzündete Debatte „nicht abreißen lassen“. Denn es müsse weiter über die nicht gelösten „Probleme und Herausforderungen“ der Mobilität gesprochen werden — etwa über die Formen des Antriebs, die Kapazitäten, aber auch über die Preise.

Für die nun aus dem SPD-Blickwinkel zwingend gebotene neue Debatte sorgten gleich drei Fachleute für „Input“. Den Start in diese Gesprächsrunde besorgte die umweltpolitische Sprecherin der Aachener SPD, Dr. Heike Wolf. Sie verwies auf den Anspruch, möglichst „umweltschonend“ durch die Stadt zu kommen, machte sie insbesondere mit Blick auf die Luftschadstoffe, aber auch auf den Verkehrslärm, auf den Gesundheitsschutz aufmerksam. Das „große Ziel“ müsse lauten, „eine Umweltzone zu verhindern“ — was nur durch wirksame Reduzierung der Belastungen gelingen könne. „Die Stadt muss sauberer und ruhiger werden“, lautet ihr Credo.

„Es muss weitergehen“, bekräftigte AVV-Chef Hans-Joachim Sistenich, der zunächst Komplimente verteilte: Aachen sei die Stadt „mit einem der leistungsfähigsten Bussysteme in Deutschland“. Doch dies müsse künftigen Anforderungen gerecht werden. Dazu formulierte er seinen „dringenden Appell“, in dem dafür notwendigen „strukturellen Prozess sehr schnell erste Lösungsansätze“ zu benennen und ein „gestuftes Konzept“ zu erstellen, das bis 2025 abzuarbeiten sei.

Zum Start in die Debatte gelte es, zu prüfen, wo es heute etwa Erschließungsdefizite gebe, wo die Verzahnung zwischen den Buslinien und der Bahn verbessert werden müsse, wo es Kapazitätsengpässe gebe. Zudem sei zu klären, „wo der Bus im Stau steht, wo er behindert wird, wo das Tempo verbessert werden“ könnte. Auf diesen Erkenntnisse gelte es aufzubauen. Und gerade in dieser Phase seien „die Bürger stark gefragt“.

Ziel müsse es sein, dass „möglichst viele ohne Umsteigen ans Ziel“ gelangen, bekräftigte Sistenich. Ferner seien der demografische Wandel und die Entwicklung der Schüler- und Studentenzahlen zu berücksichtigen. „Die Barrierefreiheit erhält eine immer größere Bedeutung“ — die laut Gesetz ohnehin bis 2022 zu gewährleisten sei.

Zu berücksichtigen sei ebenso, dass junge Leute zunehmend ihr Mobilitätsverhalten änderten, oft keinen Führerschein und kein eigenes Auto mehr wollten. Auch dieser Aspekt müsse stärker zu einem „ganzheitlichen Leistungspaket“ inklusive Carsharing und E-Bikes führen, sagte Sistenich. Auf den Hauptverkehrsachsen könnten „schnelle Produkte“ gefragt sein. Zudem sei ein für die Nutzer „leicht zu merkendes Liniennetz“ vonnöten. Bei der Klärung der Frage, welche „Größe die Gefäße“ haben sollten, lenkte er auch den Blick auf die „Autotram“, jenen Riesenbus, der in Dresden getestet werden soll, mit knapp 260 Plätzen. Damit sollte man sich auseinandersetzen, die „Verträglichkeit für die Stadt“ klären, etwa bezüglich der Haltestellen. Gleichfalls müsse die Frage sein, ob mehr „Long Wajongs“ eine bessere Alternative sein könnten.

Ebenso verwies Sistenich auf die Frage des Antriebs: „In zehn bis 15 Jahren ist der Diesel in der City nicht mehr vorstellbar“, machte er deutlich. Elektrobusse, batteriegetriebene ober Oberleitungsbusse seien Varianten, die zusätzliche Investitionen in die Infrastruktur erforderlich machten. „Wir müssen neue Leistungen bringen, die Bürger erwarten das“, so Sistenich.

Professor Dirk Vallée, Leiter des RWTH-Instituts für Stadt- und Verkehrsplanung, lenkte das Augenmerk auf die Anbindung der Campi Melaten und West an die Innenstadt. „Dafür brauchen wir Lösungen“, verwies er auf einen „Mobilitätsverbund“. Vallée: „Wir sollten den Schneid haben, im Campus-Areal eine Bustrasse zu sichern.“

Dann hatten die Bürger das Wort: An drei Stellwände konnten sie blaue, rote und gelbe Zettel mit ihren persönlichen Vorstellungen bezüglich Umwelt, ÖPNV und Campus heften — wobei auch Kurioses rauskam, etwa ein „überdachter Radschnellweg“. Wie schwierig die Aufgabe ist, machte der Diskussionsbeitrag des früheren Aseag-Vorstands Hans-Peter Appel deutlich: Er erinnerte daran, dass es 1999 die Politik gewesen sei, die eine Senkung des ÖPNV-Defizits verlangt habe. Der seien Angebote wie der „Marktliner“, aber auch Ring- und direkte Querverbindungen etwa zu benachbarten Stadtteilen zum Opfer gefallen. Appel: „Es liegt am Geld.“ Zu klären sei, welche Betriebskosten jährlich akzeptiert würden.

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