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Granzlandtheater Aachen zeigt "4000 Tage" von Peter Quilter

Grenzlandtheater : 4000 Tage und die Suche nach der Vergangenheit

Als Michael im Krankenhaus nach drei Wochen im Koma aufwacht, sind die vergangenen elf Jahre in Vergessenheit geraten. Was folgt, ist der erbitterte Kampf zwischen seiner Mutter und seinem langjährigen Partner um die Deutungshoheit der Vergangenheit. Zu sehen ist „4000 Tage“ ab 8. März im Grenzlandtheater Aachen.

„Wenn er aufwacht, will er jemanden sehen, der ihn liebt!“ An diesem Satz entzündet sich der erste große Konflikt zwischen Carol (Maria Ammann) und Paul (Thomas Ziesch). Objekt des Streits ist Michael (Patrick Kramer), der wegen eines Blutgerinnsels ins Koma gefallen ist und nun schon seit drei Wochen im Krankenhaus liegt. Carol, Michaels Mutter, ist der festen Überzeugung, dass dies ja nur sie sein kann, Paul hingegen, Michaels langjähriger Lebensgefährte, hält ihr vor, dass sie und ihr Sohn sich kaum noch sehen, weshalb offensichtlich er derjenige sei, den Michael liebt. Beide geben sich nichts: Carol wirft Paul vor, ein Kontrollfreak zu sein, Paul seinerseits glaubt, dass Carol nicht damit einverstanden ist, wie Michael sein Leben lebt. Dann erwacht Michael – und Carol und Paul müssen feststellen, dass er die letzten elf Jahre seines Lebens komplett vergessen hat: 4000 Tage sind ausradiert.

„4000 Tage“, das ist der Titel der neuen Produktion im Grenzlandtheater, die am Freitag, 8. März, um 20 Uhr, Premiere feiert. Das Stück von Erfolgsautor Peter Quilter wurde 2016 erstmals im Park Theatre in London aufgeführt, die deutsche Uraufführung war 2017 in Hamburg. Im Vordergrund stehen für Regisseur Michael Meichßner vor allem die Beziehung zwischen den drei Figuren. Denn neben all den Konflikten, die ausgetragen werden, sind Paul, Carol und Michael in den letzten elf Jahren eine Familie geworden. So gibt es Momente, in denen Paul und Carol zusammenfinden, um Michael machen sie sich gemeinsam Sorgen.

Für Meichßner ist „4000 Tage“ eine Komödie, die bewusst die Akzente auf die ernsten Szenen setzt, auf den großen Konflikt. Schon in der ersten Szene wird deutlich, dass das Stück kein sachter, leichtherziger Vertreter des Genres ist, sondern zwischen Slapstick und tiefgehenden Aussagen zu balancieren vermag. Wenn Carol sagt: „Man plant nicht die Zukunft seiner Kinder“, dann steckt darin viel Weisheit, trotz der anschließenden Aussage: „Wenn man nicht verletzt werden möchte.“

Ob sie nicht doch andere Pläne für ihren Sohn hatte, wird an der Stelle nicht verraten. Klar ist: Nachdem Michael aufgewacht ist, beginnt auch ein Kampf um die Deutungshoheit der Vergangenheit, längst begrabene Konflikte brechen neu auf und Entscheidungen werden neu bewertet. Das ist auch für Paul, der versucht, Michaels Erinnerungen mithilfe von Fotos, Zeitungsartikeln und emotional aufgeladenen Gegenständen auf die Sprünge zu helfen, nicht einfach. Denn er ist derjenige, der die Verantwortung dafür trägt, dass der künstlerisch sehr talentierte Michael seinen Wunsch, Maler zu werden, aufgegeben hat und stattdessen, finanziell sicherer, Versicherungen verkauft.

All diese verschiedenen Aspekte machen „4000 Tage“ zu einem sehr sehenswerten Stück mit vielen Facetten und einem spannenden, für Aachen zum größten Teil neuen Ensemble. Die verschiedenen Aspekte spiegeln sich auch im Bühnenbild wieder. Britta Langanke hat ein zunächst fast steril wirkendes Krankenhauszimmer gestaltet, in dem nur ein Krankenhausbett und ein Nachtschränkchen stehen, dazu jede Menge weißer Wände. Im Laufe des Stückes füllt sich der Raum mit Fragmenten und einzelnen Versatzstücken, die das abbilden sollen, was einmal Michaels Leben war. Und Michael muss sich zum Schluss der schwierigen Frage stellen, wie er mit all dem umgeht und wessen Version der Vergangenheit auch die seine werden kann.