Glossiert: Kaiser Karl, der große Säufer — das große Missverständnis

Glossiert: Kaiser Karl, der große Säufer — das große Missverständnis

Karl ist in aller Munde. Natürlich. Man ist ja in der Kaiserstadt zu Hause. Um auch auswärtige Besucher auf den Spuren des großen Karolingers zielgerecht zu Speis und Trank zu leiten, verwenden gastronomische Betriebe gerne seinen Namen. Klingt einfach authentisch.

Sinn macht das im Centre Charlemagne, wo Café-Betreiber Alpha Diallo schon vor Jahren am Katschhof das „Karls“ eröffnete. Ohne Apostroph. Auf der anderen Seite des Rathauses gibt es neuerdings das „Karl’s — Wirtshaus — Bar“ am Markt. Mit Apostroph.

Was natürlich in Sachen Genitiv schon grammatikalisch fragwürdig ist und zudem eine nicht unerhebliche Verwechslungsgefahr birgt. Auf der anderen Seite des Marktplatzes, Richtung Großkölnstraße, kocht „Karl’s Box“. Leicht irreführend. Hier gab’s bis vor kurzem deftige Hausmannskost im Karton; ab heute bietet Chung Pham feine vietnamesische Fastfood-Küche an.

Spezialität des Hauses: „Bun Cha Hanoi“. Von diesem Reisnudelgericht wäre Karl der Große vor 1200 Jahren begeistert gewesen. Garantiert. Ewige Erfolgsgarantie ist der Namensbestandteil „Karl“ in der Gastronomie dennoch nicht: Die „Kaiser-Karl-Stuben — Jeunesse“, ein kleines Weinlokal, haben vor kurzem in der Pontstraße 6 (fast oben am Markt) dichtgemacht. Da knallt kein Korken mehr.

Apropos dicht: Eine Bierkneipe namens „Kaiser Karl“ gibt’s selbstverständlich auch in der Nähe — an der Mefferdatisstraße, unweit der Rotlichtmeile. Wer’s etwas intellektueller mag, ist in der studentischen Kaffeebar des Hörsaalzentrums „C.A.R.L.“ an der Claßenstraße besser aufgehoben. Sie fühlen sich nicht wohl, verehrte Leserinnen und Leser? Kein Problem.

Für total kranke Menschen existiert auch noch eine hochherrschaftliche Adresse: „Karls Café“ im Rhein-Maas-Klinikum in Würselen. Was uns nun zur gesunden Logik bringt: Denn Kaiser Karl — der augenscheinlich ja so beliebte Namensgeber für Trink- und Esslokale — liebte zwar ausschweifende Fressgelage: vornehmlich Wildbret, schön durchgebraten und in Massen (was übrigens enttäuschenderweise auf keiner einzigen Speisekarte der ganzen „Karl“-Lokale auftaucht).

Aber in Sachen Alkoholgenuss, so bestätigt Professor Frank Pohle, der Chef der Route Charlemagne, legte Karl der Große eine bemerkenswerte Zurückhaltung an den Tag. „Karl verabscheute Trunkenheit. Wer etwa besoffen im Heerlager auftauchte, wurde erstmal auf unabsehbare Zeit auf Wasser gesetzt“, unterstreicht Pohle. Und das galt im Mittelalter — im Unterschied zu alkoholischen Getränken — eher als Giftbrühe.

Und damit zurück zu den Aachener Lokalen, die „Karl“ im Titel führen: Wir wünschen uns von Kneipiers doch durchaus Lokalkolorit. Wie wär’s also sinnstiftend mit einer neuen Bar namens „Bahkauv“? Oder mit der Wiederauferstehung des legendären „Lennet Kann“? Wenig überrascht wären wir trotzdem, wenn demnächst noch „Karl’s Diner“, „Karlos Burger“, „Karlas Veganküche“, „Kaiser Karls Lounge“ oder „Karls-Döner“ eröffnet werden. „Karlsgrill“ gibt es natürlich schon — am Karlsgraben, klar.

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