Aachen: Girls‘ und Boys‘ Day: Mädchen feilen Metall, Jungen Fingernägel

Aachen : Girls‘ und Boys‘ Day: Mädchen feilen Metall, Jungen Fingernägel

Völlig vertieft in ihre Arbeit stehen elf Mädchen an einem Werkzeugtisch in der Fachhochschule Aachen. Sie fräsen Löcher in ihre Aluminiumplatte, feilen und planen — um am Ende ein selbst gemachtes Solitaire-Brettspiel in den Händen zu halten.

Natürlich unter Aufsicht, denn die Mädchen sind nicht etwa Studentinnen oder Mitarbeiter, sondern Schülerinnen, die am Donnerstag beim Girls‘ Day in typische „Männertätigkeiten“ reinschnuppern.

200 Plätze in 16 Workshops

Dafür gab es an der FH in Aachen und in Jülich 200 Plätze und rund 16 Workshops aus verschiedenen Fachbereichen — von Chemie- und Biotechnologie über Bauingenieurwesen bis hin zu Luft- und Raumfahrttechnik und eben Maschinenbau und Mechatronik. Die Mädchen, die ihr eigenes Brettspiel gebaut haben, haben sich für ein Tagespraktikum im Fachbereich Maschinenbau und Mechatronik entschieden, fünf verschiedene Workshops hatte die FH aus diesem Bereich im Angebot.

Zum Beispiel gab es da noch zwei Kurse, in denen die Mädchen ihren eigenen Roboter programmieren konnten, oder etwa einen Mechatronik-Kurs, in dem die Nachwuchswissenschaftlerinnen der Frage auf den Grund gingen, wie das iPhone als Wasserwaage benutzt werden kann und dabei sogar noch eine graphische Programmiersprache benutzten.

Und dann gab es da noch das Stimmungsbarometer: Zwölf Mädchen stanzten, schweißten und schmirgelten sorgfältig an ihrem ganz persönlichen Türanhänger aus Blech. Darauf ein Bild von jedem — grimmig und lächelnd — und in der Mitte der Stimmungspfeil, der angibt, ob das Kinderzimmer gerade Sperrzone ist oder nicht — selbst angeschweißt, versteht sich.

Seit 2001 gibt es den Mädchenzukunftstag „Girls‘ Day“ schon, seitdem haben bundesweit in Unternehmen, Betrieben und Hochschulen rund 1,5 Millionen Mädchen teilgenommen. Ziel ist es, Mädchen ab der 5. Klasse in Ausbildungsberufe und Studiengänge schnuppern zu lassen, in denen Frauen bisher eher selten vertreten sind. Seit 2011 gibt es dazu das passende Pendant: Den Boys‘ Day. Das Konzept ist dasselbe, auch hier sollen sich Jungen vor allem im sozialen, erzieherischen oder pflegerischen Bereich versuchen.

Genau dieses Konzept unterstützt auch die Handwerkskammer in Aachen, und zwar für Mädchen und für Jungen. „Mittlerweile hatten wir schon die Situation, dass es mehr Studienanfänger als neue Azubi in Deutschland gab“, betonte Peter Deckers, Hauptgeschäftsführer der Kammer. „Wir wollen daher auf die Chancen hinweisen, die eine duale Ausbildung bietet und die Mädchen und Jungen möglichst früh mit der Arbeitswelt vertraut machen.“

Dafür hat die Handwerkskammer in Aachen 30 Schülerinnen und Schüler, die Kammer in Simmerath 23 Jungen und Mädchen eingeladen, um ihnen einen praktischen Einblick in nicht geschlechtstypische Berufe zu ermöglichen. Konkret heißt das: In Aachen feilten zehn Jungen kein Metall, sondern Fingernägel, als sie in das Handwerk eines Kosmetikers reinschnupperten, zehn Mädchen arbeiteten dafür mit Metall und weitere zehn Schülerinnen hatten sich für die Elektrowerkstatt entschieden.

Und da war viel Feinmotorik gefragt: Die Schülerinnen mussten vorsichtig Drähte verlöten und Kabel isolieren, damit sie am Ende das funktionierende Ergebnis in den Händen halten konnten: Ein Radio.

Auch bei den anderen Nachwuchshandwerkerinnen gab es am Ende ein handfestes Ergebnis zum Mitnehmen, nämlich eine selbst gebaute Uhr. Dafür bohrten sie unter den Augen der Ausbildungsmeister Löcher ins Metall, feilten, schliffen und bürsteten.

Eine andere Art von Fingerspitzengefühl war bei den Jungen gefragt: Sie lernten, wie die Haut richtig gereinigt und gepeelt bzw. gefeilt wird, erst an den Händen und Armen, später im Gesicht. „Die Gesichtsmaske muss erst aufgetragen und einmassiert werden, dann wirkt sie ein“, erklärte Milan, der in Aachen eine 8. Klasse besucht, während er genau diese Behandlung von „seinem“ Nachwuchskosmetiker bekommen hat.

Interessant: Rund 70 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Handwerkskammer gehen aufs Gymnasium. „Natürlich wollen wir auch Jugendliche für das Handwerk gewinnen, die einen höheren Schulabschluss anstreben“, sagte Deckers dazu. „In unseren Berufen gibt es nämlich sehr viele Karrieremöglichkeiten, die über den Meisterbrief bis zur Selbstständigkeit oder zur Leitung eines Betriebs reichen.“

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