Aachen: Gewerbeflächen fehlen: „Wir müssen Gas geben“

Aachen: Gewerbeflächen fehlen: „Wir müssen Gas geben“

Der Ball muss ins Rollen kommen. Doch der Stadt fehlt Platz, und zwar erheblich. Deswegen droht, so fürchten Kritiker, wirtschaftlicher Abstieg. Nach einer aktuellen Studie der Aachener Gesellschaft für Innovation und Technologietransfer (Agit) benötigt Aachen für Unternehmensansiedlungen und Firmenerweiterungen in den nächsten 20 Jahren 222 Hektar. Verfügbar wären aber nur 90 Hektar. Das heißt: 132 Hektar fehlen.

Ein Hektar sind 10.000 Quadratmeter. Das Defizit beträgt also 1,3 Millionen Quadratmeter, eine Fläche so groß wie knapp 200 Fußballfelder. Es geht um viel Geld und um tausende neue Arbeitsplätze. Ein Steilpass Richtung Zukunft wäre somit der neue Flächennutzungsplan (FNP), dessen Entwurf seit 2014 diskutiert wird.

Die Wirtschaftsregion Aachen erlebt eine gute Zeit. Das weiß der Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Aachen, Michael F. Bayer. Denn die IHK Aachen fragt die Stimmung in den Betrieben regelmäßig ab. Ausruhen auf der zuletzt positiven

Darin würden — unter anderem — neue Wohn- und Gewerbeflächen sowie Flächen für Natur, Grün und Landwirtschaft auf Aachener Stadtgebiet sortiert. Investoren warten, Bürger warnen. Es gibt tausende Einwände — meist von Nachbarn, die Bebauung auf nahen Grünflächen ablehnen —, die von der Verwaltung abgearbeitet werden müssen.

Weil der neue FNP frühestens 2020/21 erwartet wird, will die Stadt mit Oberbürgermeister Marcel Philipp und Dieter Begaß, Leiter des Fachbereichs Wirtschaft, Wissenschaft und Europa, nun ein Papier namens „Aachener Wachstumsstrategie“ in die politische Debatte einbringen.

Damit sollen — unter anderem — innerhalb des geltenden Flächennutzungsplans reihenweise Grundstücke für Gewerbeansiedlungen fitgemacht werden. „Die IT-, die Wissenswirtschaft und erfreulicherweise die Industrie sind die Wachstumstreiber in Aachen.

Gerade am Beispiel des Elektrofahrzeugbaus wird deutlich, dass wir neue und zusätzliche Antworten für den Flächen-, aber auch den Fachkräftebedarf benötigen. Die wollen wir mit einem Strategiepapier in die Diskussion bringen“, betont OB Philipp. Und Professor Manfred Sicking, Beigeordneter für Wirtschaftsförderung, ergänzt: „Durch die Wachstumsbranchen ergeben sich einzigartige Chancen, auf die wir schnell reagieren müssen, damit sie nicht an uns vorbeiziehen.“

Flächenpool mit Nachbarstädten

Zum Beispiel in Rothe Erde Süd, hinter dem ehemaligen Philips-Areal am Madrider Ring. „Wir dürfen nicht nur auf den neuen FNP warten, auch die derzeit verfügbaren Flächen sind zu entwickeln. Wir müssen jetzt Gas geben“, sagt Begaß. Kommende Woche berät dazu die Politik. Eher zurückhaltend reagiert Aachen hingegen bei einem anderen Plan: Die Agit schlägt vor, die Gewerbeflächen mit den Nachbarstädten aus der Städteregion zu poolen, „um ansiedlungswilligen Unternehmen so flächensparend wie möglich ein trotzdem maßgeschneidertes Angebot machen zu können“, so Agit-Geschäftsführer Lothar Mahnke.

Acht der zehn regionsangehörigen Kommunen können laut Prognose ihren Gewerbeflächenbedarf bis 2035 nicht decken. Alle außer Alsdorf und Eschweiler. 503 Hektar werden benötigt, zur Verfügung stehen 425 Hektar — davon ein Bruchteil in Aachen. Dennoch favorisiert die Kaiserstadt — sozusagen — bilaterale Lösungen: etwa ein Gewerbegebiet an der Grenze zu Eschweiler. Man will die Fäden in der Hand halten.

Namhafte Vertreter der Wirtschaft beklagen, dass der aktuelle Flächennutzungsplanentwurf von Anfang an deutlich hinter den Bedarfsermittlungen lag. Der Entwurf werde seinem Anspruch, die perspektivischen Entwicklungsmöglichkeiten und -räume für die nächsten 15 bis 20 Jahren darzustellen, nicht gerecht. Der Präsident der Industrie- und Handelskammer (IHK) Aachen, Wolfgang Mainz, kritisiert den fehlenden politischen Willen zur strategischen Gestaltung.

„Mir scheint manchmal, dass in Aachen nicht alle die Notwendigkeit für einen dynamischen Aufbruch sehen oder sie nicht akzeptieren“, sagt er. Ein Beispiel dafür sei die Neuaufstellung des Flächennutzungsplans. Mainz betont: „Mit den Impulsen aus den Hochschulen in Verbindung mit dem ,Digital Hub Aachen‘ und anderen hat unsere Region beste Voraussetzungen, zu den Gewinnern zu gehören. Dafür muss sie genügend Raum zum Arbeiten und Wohnen bieten. Dringend! Mit dem Dialog wollen wir Politik und Verwaltung motivieren, die strategische Entwicklung der Stadt voranzutreiben.“

Apropos Dialog: Am Dienstag, 10. April, 18 Uhr, bietet unsere Zeitung in Zusammenarbeit mit der IHK im großen Foyer der Kammer, Theaterstraße 6-10, ein öffentliches Forum mit dem Titel „Ideen der Zukunft brauchen Fläche“ an.

IHK-Hauptgeschäftsführer Michael F. Bayer stellt fest: „Wir vergeben viele Chancen, die sich aus der Elektromobilität ergeben. Zusätzlich müssen immer wieder Firmen ihrem Wunschstandort Aachen den Rücken kehren“ sagt Bayer. Wenn Aachen die ehrgeizigen Ziele nutzen will, die mit dem RWTH Campus und dem weiteren Ausbau der Hochschuleinrichtungen verbunden sind, muss die Stadt ausreichende und marktfähige Gewerbe- und Wohnbauflächen zur Verfügung stellen können.“

Nur einige Beispiele: In den 70er Jahren ging Neuman & Esser nach Übach-Palenberg und ist dort heute als weltweit agierender Maschinenbauer erfolgreich. Kürzlich ging die API Computerhandels GmbH ins Industriegebiet Baesweiler und segelt auf Erfolgskurs. Dort sollen im nächsten Jahr 70 bis 80 neue Stellen eingerichtet werden. Der Jahresumsatz des Unternehmens ist in den letzten acht Jahren von 200 auf 750 Millionen Euro gestiegen, wie Firmenchef Achim Heyne unserer Zeitung sagt. Das Großhandelsunternehmen für EDV, Hardware, Software sowie PC-Zubehör beschäftigt am Baesweiler Standort 500 Mitarbeiter. Mit den Firmen verliert Aachen hochwertige Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen. „Das schwächt den Standort Aachen, denn der Wohlstand Aachens kommt nicht von den Studenten, sondern von der arbeitenden Bevölkerung“, mahnt Bayer.

Deutliche Worte findet Günther Schuh von der e.GO Mobile AG. Er will in Aachen bis zu 20 000 Fahrzeuge pro Jahr produzieren. „Wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen für unsere Planung. Politik und Verwaltung müssen sich auf ein Konzept für die Zukunft des Standortes verständigen“, sagt er. Die Expansionspläne sind gewaltig, teils werden schon jetzt Produktionsstraßen gebaut, weitere sollen folgen. Rund 200 Arbeitsplätze zählt e.GO derzeit. Ende des Jahres sollen weitere 140 Mitarbeiter hinzukommen. Bis Ende 2019 weitere 400 Menschen, die Jahre danach bis 2022 jeweils weitere 700 Angestellte, die Elektroautos bauen. Bloß wo? Verhandlungen über die verfügbaren Filetstücke in Aachener Gewerbegebieten laufen auf Hochtouren.

Andere Weltmarktführer aus der Region sind zufrieden — wie die Schwartz GmbH. Sie kam nach Aachen und bezog Flächen im ehemaligen Schumag-Bereich in Oberforstbach. Alleininhaber Alexander Wilden erläutert: „Bei der vorgesehenen Produktionssteigerung und Entwicklung unserer Produkte war die Hochschulnähe ein wichtiges Entscheidungskriterium.“ Hier engagiert sich die Schwartz-Gruppe intensiv als Partner und Finanzier der FH Aachen.

Und natürlich denkt man auch immer über Expansion nach. Sollte deswegen — für die Schwartz-Gruppe und andere hiesige Industrieunternehmen — die Ausweisung nötiger Gewerbeflächen von der Stadt Aachen forciert werden? „Ich denke, es geht weniger um die Masse als um die Qualität der Gewerbeflächen“, gibt Wilden zu bedenken.

„Im Gewebegebiet Pascalstraße, das ja direkt um die Ecke zur Hütte GmbH liegt, gibt es noch Mietflächen für neue Firmen. Nur sind die Gewerbesteuern und die Grundstückspreise viel höher als im Umland.“ Man müsse immer abwägen, worauf man seinen Fokus legt: entweder mehr Platz und geringere Kosten und dafür weiter entfernt von Aachen — oder man braucht die Nähe zur Stadt, weil der Geschäftszweck das mit sich bringt, und nimmt dafür die Kosten in Kauf.

Hochschulen klagen

FH-Rektor Professor Marcus Baumann sieht neben fehlenden Gewerbeflächen auch Defizite bei der Ausweisung neuer Wohnflächen. Auch dies hemme die Entwicklung der Stadt — natürlich auch wirtschaftlich. „Mit gut ausgebildeten Absolventinnen und Absolventen können wir unseren Beitrag zur positiven Entwicklung der Wirtschaftsregion leisten“, sagt er. Aber: Klagen hört der FH-Rektor auch von der RWTH, wenn es darum geht, Wohnraum für neu berufene Professoren und deren Familien zu finden. Extrem sei der Mangel bei Einfamilienhäusern.

Laut der städtischen Erklärung zum Vorentwurf des Flächennutzungsplanes haben die Experten für Wohnungsbau einen Wohnflächenbedarf in der Größenordnung zwischen 130 und 200 Hektar festgestellt. Auch hier bleibt die Ausweisung entsprechender Flächen im FNP allerdings deutlich dahinter zurück. „Dabei sind schon heute die Folgen einer zurückhaltenden Bodenbevorratungspolitik der Stadt Aachen zu sehen“, heißt es seitens der IHK. Bezahlbarer Wohnraum ist in Aachen — sowohl für Studenten als auch für Geringverdiener — kaum noch zu finden. Gleichzeitig besteht ein hoher Bedarf an Wohnbauflächen, damit zuziehende Fach- und Führungskräfte aus Wirtschaft und Hochschulen mit ihren Familien Wohnraum in Aachen finden.

Der Ball liegt also im Feld von Verwaltung und Politik. Gleichzeitig stehen die Firmen schon Schlange bei den hiesigen Wirtschaftsförderern. „Der Campus entwickelt die Anziehungskraft, die wir immer vorhergesagt haben“, weiß Mahnke. Nur leider fehlen die Flächen.

Es müssen ja nicht gleich 200 Fußballfelder sein, um Aachen in die Champions League der Industriemetropolen zu schießen. Aber 4. Liga reicht hier niemandem.

Mehr von Aachener Zeitung