Ausstellung „In Aachen beginnt die Nachkriegszeit“: Geschichte wird zur emotionalen Reise

Ausstellung „In Aachen beginnt die Nachkriegszeit“ : Geschichte wird zur emotionalen Reise

„Alles auf Anfang? In Aachen beginnt die Nachkriegszeit“: Die Ausstellung im Centre Charlemagne zeigt eindrucksvoll den Zustand der Stadt nach Ende der Kämpfe.

Am 21. Oktober 1944 kapitulierten in Aachen die deutschen Truppen vor der 1. US-Infanteriedivision. Für die Stadt endete damit vor 75 Jahren der Zweite Weltkrieg. In der Region und dem Rest Deutschlands gingen die Kämpfe jedoch weiter. Die Kriegsjahre, die Nachkriegszeit und die ersten Schritte in Richtung Wiederaufbau und Demokratisierung beschreiben drei Ausstellungen im Couven-Museum, im Centre Charlemagne und im Internationalen Zeitungsmuseum. Am Freitag eröffnet im Centre Charlemagne der zweite Teil der Ausstellungs-Trias, der vor allem den historischen Rahmen dieser Zeit in den Blick nimmt.

„Alles auf Anfang? In Aachen beginnt die Nachkriegszeit“ umfasst den Zeitraum vom Abzug der belgischen Besatzungstruppen am 30. November 1929 bis zu den ersten demokratischen Wahlen, den Kommunalwahlen am 13. Oktober 1946. Dieser Zeitraum wird in mehreren thematischen Blöcken zusammengefasst erzählt. Über 200 Exponate, zum Teil aus Beständen des Stadtarchivs, aber zum großen Teil auch persönliche Leihgaben, sind in der Ausstellung zu sehen.

Für die Ausstellung wurden im Vorfeld auch Zeitzeugen befragt, die ihre persönlichen Erlebnisse schildern. Diese Berichte sind an den insgesamt fünf Medienstationen zu sehen. Ebenso wie Abschnitte aus Tagebüchern, die für die Ausstellung eingelesen wurden, und in denen Aachener schildern, wie sie die Luftangriffe und die Evakuierung erlebt haben.

Evakuierung

Besonders die Evakuierung, die ab dem 12. September 1944 begann, sei ein „Thema, das bis heute sehr emotional erzählt wird“, sagt Anke Asfur, die die Ausstellung gemeinsam mit Lars Neugebauer kuratiert hat. Viele Aachener wollten die Stadt nicht verlassen, weil sie nicht wussten, ob sie jemals in die Heimat zurückkehren konnten. Die Evakuierung ordnete der Stadtkommandant an und sie erfolgte in mehreren Wellen auch zwangsweise. Aachen sollte – zumindest bis zum 21. Oktober 1944 – um jeden Preis militärisch gehalten werden. Die Zivilisten sollten das Kampfgebiet verlassen. Ein Plüschteddy und ein Paar Schuhe erzählen als Ausstellungsstücke die Geschichte eines Aachener Jungen, der mit seiner Mutter diese Zeit miterlebte. Die Schuhe trug er bei seiner Rückkehr in die Stadt.

Redemokratisierung

Nach der Kapitulation begannen die Amerikaner mit der Redemokratisierung. Aachen wird eine Art „Role Model“ für andere deutsche Städte. Gleichzeitig wirft die Zeit die Frage auf, ob es wirklich einen Neuanfang gab, erläutert Lars Neugebauer. Rasch wurde eine Zivilverwaltung installiert, Franz Oppenhoff wurde der erste Aachener Oberbürgermeister der Nachkriegszeit. Die Ermordung Oppenhoffs durch ein von Heinrich Himmler persönlich beauftragtes Kommando hatte darauf keine gravierenden Auswirkungen. Die Zivilverwaltung blieb auch nach seinem Tod bestehen.

Bis heute wirke diese Zeit nach, unterstreicht Frank Pohle, Leiter des Centre Charlemagne. Allein städtebaulich sei dies spürbar. Aachen sei zwar behutsam wieder aufgebaut worden, jedoch sei es eben nicht die barocke Stadt, sondern im Wesentlichen eine Stadt ab 1950. Obwohl diese Zeit in der gesamten Region tiefgreifende Spuren hinterlassen hat, konzentrieren sich die Ausstellungen auf die Aachener Stadtgeschichte. Vorträge und Exkursionen im Rahmenprogramm schlagen einen Bogen in die Euregio. Man habe in der Ausstellung auf diesen Bogen verzichtet, wünsche sich jedoch, mit Besuchern aus der Euregio darüber ins Gespräch zu kommen, wie sie diese Zeit erlebt haben.

Lange verdrängt

In der frühen Phase sei über die Kriegs- und Nachkriegsjahre nicht gesprochen worden. Inzwischen würde die Frage, ob diese Jahre getrennt gesehen werden müssten oder ob es auf der menschlichen Ebene auch eine gemeinsame Geschichte gibt, vor allem von lokalen Geschichtswerkstätten und -vereinen diskutiert, so Pohle. „Die Ausstellung wird viele Aachener bewegen“, ist sich Olaf Müller, Leiter des Aachener Kulturbetriebs, sicher. „Viele werden mit feuchten Augen, manchmal auch mit einem Schmunzeln“ durch die Ausstellung gehen. Bis zum 8. März 2020 gibt es dazu Gelegenheit.

Mehr von Aachener Zeitung