Geschäftsführerin des Welthauses Aachen Lea Heuser im Interview

Nicht mehr still und genügsam : Geschäftsführerin des Welthauses Aachen im Interview

Viele Menschen in der Region kennen Lea Heuser von ihrer ehrenamtlichen Arbeit beim Aachener Friedenspreis. Seit Januar ist die 38-Jährige hauptamtliche Geschäftsführerin des Welthaus Aachen e.V. Sie hat vor, den Trägerverein der ehemaligen Gehörlosenschule an der Schanz wieder mehr ins Bewusstsein der Aachener zu bringen.

„Bislang war das Welthaus sehr still und genügsam, aber das ändere ich jetzt“, sagte sie selbstbewusst im Interview mit Rauke Xenia Bornefeld.

Bitte vervollständigen Sie den Satz: Man sollte ins Welthaus gehen, wenn…

Lea Heuser: …man eine ganz bunte Vielfalt von Menschen und Projekten und Ideen erleben will. Man trifft ständig Menschen, mit denen man interessante Gespräche führen kann. Wenn man also Austausch und Inspiration sucht, ist das Welthaus ein guter Ort.

Was eint Ihre Mitglieder?

Heuser: Der Wunsch, die Welt ein Stück besser zu machen. Aus der Geschichte des Welthauses haben wir viele verschiedene Gruppen aus den Bereichen Umwelt, Naturschutz und Nachhaltigkeit, aber auch aus dem internationalen Bereich der Entwicklungszusammenarbeit. Damit hat das Welthaus vor über 20 Jahren angefangen. Mittlerweile haben wir aber auch viele Gruppen, die Integrationsunterstützung bieten – zum Beispiel finden hier sehr viele Sprachkurse und Beratungsangebote für geflüchtete Menschen statt. Auch einige Religionsgemeinschaften, besonders mit afrikanischen Hintergründen, haben hier ein Zuhause. Außerdem haben wir einige Gruppen, die sich mit dem Thema Mobilität beschäftigen. Inzwischen hat hier auch der Blindenverein einen Raum gemietet. Also kommt auch die Inklusion ins Welthaus.

Gibt es auch Trennendes?

Heuser: Na ja, durch die sehr unterschiedlichen Themenfelder gibt es nicht immer Berührungspunkte untereinander. Es gibt also nicht immer zwischen allen Gruppen Kooperationen. Vernetzung spielt aber im Welthaus eine sehr große Rolle.

Sie sind seit Januar hauptamtliche Geschäftsführerin des Welthauses. Was hat Sie an der Arbeit gereizt?

Heuser: Ich bin dem Welthaus schon sehr lange verbunden durch meine Vorstandsarbeit im Aachener Friedenspreis. Wir haben zwar keinen Raum mehr hier, sind aber schon lange Mitglied im Welthaus e.V. Daher habe ich schon lange eine Verbindung zum Verein und habe das Haus auch mit anderen Gruppen schon oft genutzt. Deswegen war ich sehr froh, als das Welthaus auf mich zukam und fragte, ob ich nicht die neu geschaffene Stelle einer Geschäftsführerin übernehmen wolle. In der Vergangenheit ist diese Arbeit ehrenamtlich geleistet worden, aber der Verein Welthaus e.V. musste doch feststellen, dass diese Arbeit – sehr viel Verwaltungsarbeit, hohe finanzielle Verantwortung – nicht so nebenher zu leisten ist.

Warum sind Sie gefragt worden?

Heuser: Es hat auch mit Fördergeldern zu tun, da ich durch meine Blindheit eine Behinderung von 100 Prozent habe. Das ermöglicht den Zugriff auf Fördergelder, die zwar nicht ewig gezahlt werden und auch nicht den vollen Umfang der Stelle umfassen, aber doch eine Entlastung für den Verein, der notorisch knapp bei Kasse ist, darstellen. Aber inhaltlich wollte das Welthaus auch den Inklusionsgedanken voranbringen. Denn bislang gab es zwar gute soziale Ansätze, aber von Inklusion konnte keine Rede sein. Aber natürlich hielt man mich persönlich wohl auch für geeignet. Wir kennen uns einfach schon lange.

Was sind Ihre Aufgaben?

Heuser: Meine Aufgaben sind sehr vielfältig. Sie reichen von Öffentlichkeitsarbeit über Finanzanträge für öffentliche Gelder, Kommunikation mit der Stadt als Vermieterin, ich bin Ansprechpartnerin für unsere Mitarbeitenden und kümmere mich natürlich um die Kontaktpflege mit den aktuellen und künftigen Mietern der Räume. Wir vermieten ja nicht nur die Aula und das Café Mundo nach Bedarf, sondern 19 Räume dauerhaft an Vereine und Initiativen. Außerdem vertrete ich das Welthaus in der Stadtteilkonferenz West. Es ist ein großes Kuddelmuddel an Einzelaufgaben.

Wo wollen Sie Ihre Schwerpunkte setzen?

Heuser: Mein wichtigstes Thema ist die Nachhaltigkeit. Viele Gruppen im Haus arbeiten zu diesem Thema. Aber das Haus ist alles andere als nachhaltig: Es hat noch Einfachverglasung in den meisten Fenstern, eine 40 Jahre alte Gasheizung. Das Haus ist von 1950, ab und zu mal renoviert, aber nie energetisch saniert worden. Auch für die Bausubstanz ist das nicht förderlich. Uns schießt zum Beispiel bei Starkregen regelmäßig Wasser in den Keller. In dieser Sache möchte ich dringend auf die Stadt einwirken – auch wenn ich weiß, dass sich daran schon viele die Zähne ausgebissen haben. Damit hängt auch mein Schwerpunkt der Inklusion zusammen. Das Haus ist leider nur im Erdgeschoss barrierefrei – weil wir in Eigenarbeit eine barrierefreie Toilette eingebaut und Treppen mit Rampen versehen haben. Aber der erste und zweite Stock – und im zweiten Stock liegt die Aula, unser größter und wichtigster Raum – ist nur über die zugegeben architektonisch sehr schöne Treppe zu erreichen. Mit einer Gehbehinderung ist das nicht machbar. Deshalb kämpfen wir schon ganz lange für einen Aufzug.

Woran scheitert dies bislang?

Heuser: Der Denkmalschutz hat natürlich Bedenken. Und die Stadt hat Probleme, weil es teuer ist. Wir laufen ständig gegen Widerstände. Trotzdem möchte ich das Thema Inklusion stärken, nicht nur durch meine Anwesenheit als Mensch mit Behinderung, sondern auch durch ein Mehr an Angeboten nicht nur für Menschen mit Sinnesbehinderungen, die vielleicht mit der Treppe weniger Probleme haben. Es ist einfach nicht mehr zeitgemäß, Menschen mit Behinderung durch bauliche Gegebenheiten auszuschließen. Da muss etwas passieren.

Haben Sie denn den Eindruck,
dass die Stadt die Arbeit des Welthauses generell gutheißt?

Heuser: Ich glaube schon. Das Welthaus ist nur leider nicht mehr so auf dem Radar. Ähnliche, neuere Projekte bekommen mehr Aufmerksamkeit und Geld.

Wie kommt das?

Heuser: Der Welthaus Aachen e.V. steht im Schatten seiner Mitgliedsvereine, die natürlich die inhaltliche Arbeit machen. Der Trägerverein hat keine schillernden, öffentlichkeitswirksamen Projekte, sondern stellt eben nur Räume und Infrastruktur dafür zur Verfügung. Kaum jemand ist daher bereit, sich mit Zeit oder Geld in den Verein einzubringen. Viele verwechseln das Welthaus beispielsweise mit dem Eine-Welt-Forum, das im Welthaus die schönsten Räume mietet. Gäbe es das Welthaus als Trägerverein nicht, hätte das Eine-Welt-Forum aber auch diese Räume nicht. Bislang war das Welthaus sehr still und genügsam, aber das ändere ich jetzt.

Sie bieten im Welthaus anderen Vereinen und Gruppen eine räumliche Basis. Warum ist das wichtig?

Heuser: Es gibt in Aachen wenig für Vereine nutzbare Räume, die erschwinglich wären. Hier bei uns ist die Büromiete dagegen günstig, wenn auch ein wenig konterkariert durch die hohen Nebenkosten, die sich aus dem schlecht isolierten Haus ergeben. Die Mieter nutzen ihr Büro in der Regel für kleine Gruppentreffen und vor allem auch als Lager. Viele organisieren Proteste und Demonstrationen. Das ganze Material lagert meistens im Welthaus. Wer hat schon einen ausreichend großen Keller? Das Eine-Welt-Forum macht aber auch sehr viel Bildungsarbeit hier, zum Beispiel für Schulklassen. Es hat ein eigenes Medienzentrum eingerichtet, in dem es sehr viele Lernangebote um Thema Nachhaltigkeit anbietet. Der Netzwerkgedanke ist hier aber wahrscheinlich ebenso wichtig wie die günstige Raummiete. Vor allem haben Gruppen Möglichkeiten, für einzelne Veranstaltungen – Vorträge, Feiern, Gruppentreffen – günstig funktionale Räume zu mieten. Die Aula fasst bis zu 100 Personen, das Café ist optimal für kleinere Gruppen. Solche Orte sind auf dem freien Markt wahnsinnig teuer und hier entsprechend stark nachgefragt.

Haben Sie denn noch Platz im Haus?

Heuser: Wir haben noch einen halben freien Raum: 20 Quadratmeter in einem 40 Quadratmeter großen, sehr gut nutzbaren Raum. Zur Hälfte ist er bereits vermietet, für die andere Hälfte suchen wir noch jemanden.

Schülerproteste gegen Klimawandel, Widerstand gegen Tihange, Pulse of Europe – spüren Sie mehr Energie im bürgerschaftlichen Engagement?

Heuser: Die Klimaschutzbewegung hat in der Tat sehr viel Zulauf – durchaus auch auf der Grenze zwischen bürgerschaftlichem Engagement und zivilem Ungehorsam. Die Bewegung „Extinction Rebellion“ aus England hat zum Beispiel auch hierzulande einen enormen Zulauf. Sie besetzen Brücken und Straßen für mehr Artenschutz und für einen effektiveren Kampf gegen den Klimawandel. Aachener Aktivisten treffen sich jetzt auch hier im Welthaus. Beim ersten Gruppentreffen waren 60 Leute da. Da war ich sehr beeindruckt. Die klassischen Vereine im Welthaus haben aber durchaus das Problem fast aller Vereine: Sie müssen Leute finden, die sich langfristig engagieren wollen. Aus eigener Anschauung weiß ich, dass Nachwuchs im Aachener Friedenspreis sehr problematisch ist, aber nicht nur dieser Verein hat das Problem. Klimaschutz ist gerade ein brennendes Thema. Aber die anderen Themen werden deshalb natürlich nicht weniger wichtig.

Es engagieren sich also eher weniger Menschen?

Heuser: Jein, es gibt durchaus Viele, die viel machen. Aber es werden nicht mehr. Nur die Klimabewegung – vielleicht wegen der existenziellen Dringlichkeit oder wegen des Spaßfaktors bei Aktionen – genießt gerade mächtigen Zulauf.

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