Aachen: Generalmusikdirektor Kazem Abdullah fiebert Kurpark Classix entgegen

Aachen: Generalmusikdirektor Kazem Abdullah fiebert Kurpark Classix entgegen

Zurzeit genießt er noch Sonne und Strand im spanischen Ibiza. Den kleinen Urlaub hat Kazem Abdullah sich allemal verdient. Seit er vor zwei Jahren als neuer Generalmusikdirektor des Theaters Aachen den Stabwechsel mit seinem erfolgreichen Vorgänger Marcus Bosch vollzogen hat, hat der gebürtige US-Amerikaner als Chef des Sinfonieorchesters Aachen längst ebenbürtiges Format bewiesen.

Bei den Kurpark Classix am kommenden Wochenende will Abdullah dies einmal mehr beweisen. Und er hat auch sonst eine Menge vor in der neuen Spielzeit. Denn: „Unser Orchester ist ein Teil der Stadt wie der Dom, der CHIO oder die Printen“, sagt er. „Und das nicht nur wegen seiner Geschichte, sondern durch seine herausragenden Leistungen heute.“

Sie weilen dieser Tage noch in Urlaub. Wo entspannen Sie — und wie? Kommendes Wochenende starten Theater und Musikdirektion mit den Kurpark Classix in die neue Spielzeit. Eine große Herausforderung! Viel Zeit fürs Proben bleibt wohl nicht...

Abdullah: Ich war in Aspen Amber in Colorado, das war ein wenig Urlaub, aber auch Arbeit, da ich das Aspen Musikfestival besucht habe, Entspannungsurlaub habe ich dieses Jahr auf Ibiza gemacht. Zwei Wochen Sonne, Strand und gutes Essen. Die richtige Umgebung, um sich auf die neue Saison vorzubereiten. Es bleibt nicht so viel Zeit zum Proben, aber wie ich mein Orchester kenne, kommen alle erholt und sehr gut vorbereitet aus dem Urlaub zurück. Viel zu proben brauchen wir daher nicht.

Bleibt es nicht trotz nahezu perfekter Klangtechnik ein künstlerisches Wagnis, im Park zu spielen? Ganz ehrlich: Wie steht’s in Sachen Lampenfieber? Wie äußert sich das — auch bei einem Profi wie Ihnen?

Abdullah: Open Air ist immer etwas anders als im Konzertsaal, aber anders bedeutet nicht schlechter. Lampenfieber kenne ich nicht mehr, dafür habe ich zu viele Konzerte gespielt.

Bei der „Night at the Opera“ zum Auftakt am Freitag sollen sogenannte Verismo-Werke im Mittelpunkt stehen. Was versteht man darunter, wo liegt das Besondere?

Abdullah: Verismo bedeutet echte Emotionen, echte Liebe, echte Tragödie, gegriffen aus dem wahren Leben. Wenn man so will, ist es das Opern-Pendant zu den heutigen Reality Shows.

Spätestens nach dem Konzert mit Hiphop-Altmeister Max Herre am Samstag wird ein besonderer Fokus auf die Musik Ihrer US-amerikanischen Heimat gelegt. Haben Sie einen „Draht“ zu modernen Soul- und Hiphop-Klängen?

Abdullah: Yes I do. I like it. I love Whitney (Houston, d. Red.)!

Die „Last Night“ am Sonntag steht im Zeichen der modernen amerikanischen Klassik, wenn man so will. Als Solisten konnten Sie Andreas Ottensamer gewinnen, studierter Klarinettist wie Sie selbst. Wo liegen für Sie die besonderen Reize und Herausforderungen dieses Instruments?

Abdullah: Die Klarinette ist wie eine Stimme, sie kann melancholisch und zugleich sehr lebhaft sein. Die Herausforderung ist, dies auch aus der Klarinette herauszuholen. Und Ottensamer kann das.

Zum „Da Capo“ am Montag gibt es ein Wiedersehen mit „Supertramp“-Ikone Roger Hodgson. Diesmal stehen Sie nicht am Pult wegen anderer Verpflichtungen, wie es hieß. Hand aufs Herz: Ist die Musik des Briten nicht Ihr „Ding“?

Abdullah: Ich werde tatsächlich beim Konzert dabei sein und bin sehr gespannt, wie Roger Hodgson und das Orchester zusammenklingen werden!

Mit dem schon traditionellen legeren „Konzert-Picknick“ im Kurpark rücken Theater und Musikdirektion auch das aktuelle Spielzeit-Motto „Demokratie“ gleich zum Auftakt auf besonders charmante Weise ins Licht. Neben der „Westside Story“ steht die deutsche Ur-Aufführung der Oper „Broke Back Mountain“ aus der Feder Ihres Landsmannes Charles Wuorinen auf dem Spielplan. Das Werk über zwei homosexuelle Cowboys soll bei seiner ersten Premiere in Madrid nicht gerade mit Lob überhäuft worden sein. Könnte schwierig sein, Musik und Geschichte dem als eher konservativ geltenden Aachener Publikum zu vermitteln, oder? Warum ist Ihnen das trotzdem wichtig?

Abdullah: Auch La Traviata und Rigoletto haben bei ihren Premieren seinerzeit Kontroversen wegen der Geschichten ausgelöst, die sie erzählen. Kunst kann und darf nicht immer „nett“ sein, es muss immer auch darum gehen, zum Nachdenken anzuregen. Ich glaube, das Werk ist zwar provokativ, aber es hat auf jeden Fall musikalische und dramatische Substanz. Und konservativ zu sein bedeutet ja nicht, intolerant zu sein.

Großes Kompliment: Mit den Sinfoniekonzerten im Eurogress haben Sie sogar die Erfolgsserien Ihres Vorgängers Marcus Bosch toppen können — auf jeden Fall, was die Auslastung anbetrifft. Ist das Eurogress als Konzertstätte doch besser als sein Ruf, oder steht und fällt alles mit der „richtigen“ Auswahl der Werke?

Abdullah: Das Eurogress hat natürlich seine Schwächen. Klassiker von Mozart und Haydn zum Beispiel sind dort nicht gut „aufgehoben“. Leider kann das Publikum die Brillanz dieser Kompositionen nicht vollständig erleben. Daher habe ich auch die Stückauswahl in der letzen Saison an diese Schwächen angepasst. Sicherlich ist auch dies ein bedeutsames Erfolgsgeheimnis in der vergangenen Spielzeit gewesen.

Sie sprechen mittlerweile ziemlich gut Deutsch; fühlen Sie sich schon ein wenig als Aachener? Oder womöglich noch ein wenig als „Gast“ in der Kaiserstadt?

Abdullah: Mittlerweile fühle ich mich wie ein vollblütiger zugereister Aachener mit amerikanischem Akzent. Zu verdanken ist das der tollen Aufnahme seitens der ganzen Stadt.

Was unternehmen Sie in Aachen, wenn Sie nicht am Pult im Theater stehen, wenn Sie nicht proben oder berufliche Verpflichtungen haben?

Abdullah: Ich teste gerne die vielen guten Aachener Restaurants, erkunde die Euregio oder entspanne mich in den Carolus Thermen.

Was ist Ihnen — ganz unabhängig von Ihrem Engagement als Generalmusikdirektor — besonders an der Stadt aufgefallen? Was hat Sie inspiriert, was hat Sie womöglich irritiert?

Abdullah: Aachen ist sehr lebendig. Obwohl Aachen mit seinen 250 000 Einwohnern keine Metropole ist, ist hier immer etwas los. Für eine Stadt dieser Größe finde ich das bemerkenswert. Etwas irritierend fand ich die Vorliebe der Aachener, schon beim ersten Sonnenstrahl in einer langen Schlange vor einem speziellen Eisladen zu stehen.

Wie kann es gelingen noch mehr junge Menschen, vor allem Studierende, für das Theater Aachen und Besuche in klassischen Sinfoniekonzerten zu begeistern?

Abdullah: Im Orchester haben wir mit den Schulkonzerten und dem Projekt „Einsteins Musicbox“ mit der Hochschule einen Anfang gemacht, der hoffentlich Früchte tragen wird. Aber ich muss ehrlich sagen: Es gibt ein generelles Problem bezüglich musikalischer Bildung. Musikalische Bildung sollte viel mehr Einzug in die allgemeine schulische Ausbildung halten. In Deutschland findet musikalische Bildung fast nur im Privaten statt, wodurch Kinder nicht oft oder spät Kontakt zur klassischen Musik bekommen. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Unser Chor hatte die Stelle eines Basses ausgeschrieben. Beworben hat sich kein einziger deutscher Bass. Die Gründe dafür sehe ich hauptsächlich in der mangelnden musikalischen Bildung im Kindesalter.

Möchten Sie an dieser Stelle einmal die Qualität des Aachener Sinfonieorchesters loben?

Abdullah: Viele wissen vielleicht nicht, dass Aachen es fast in die Liste der 50 besten Opernhäusern weltweit bezüglich Budget und Vorstellungen geschafft hat. Wir liegen laut der Vorstellungs-Statistik von Operabase aktuell auf Platz 66. Und meiner Meinung nach gehört das Orchester ebenfalls unter die Top-50 bezüglich Qualität.

Welchen Stellenwert besitzt der Klangkörper? In der Stadt, außerhalb der Stadt? Wie würden Sie die Wahrnehmung des Aachener Sinfonieorchesters einordnen?

Abdullah: Das Orchester ist ein Teil von Aachen, wie es der Dom, der CHIO oder die Printen sind. Und das nicht nur wegen seiner langen Geschichte, sondern auch durch seine herausragenden Leistungen heute. Die Solisten, die wir eingeladen haben, zeigten sich immer wieder über das hohe Niveau des Orchesters überrascht und tragen dies auch nach außen. In der letzten Saison haben wir in Köln und Heerlen Gastkonzerte gespielt und gute Kritiken bekommen. Wir werden weiter Gastkonzerte geben. Ich glaube, das spricht für sich selbst.

Im Oktober wollen Sie mit einer Uraufführung aus der Feder des Aachener Komponisten Anno Schreier einen weiteren musikalischen Akzent zum Karlsjahr setzen. Können Sie uns schon ein wenig über das Werk verraten?

Abdullah: Anno Schreier hat dieses Stück anlässlich das Karlsjahres für das Sinfonieorchester Aachen geschrieben. Er taucht darin eher in die Mythenwelt des legendären Kaiser Karls ein, als dass er den geschichtlichen Kaiser Karl beschreibt. Soviel als kleiner Vorgeschmack auf diese Sinfonie.

Kommt die „klassische Moderne“ bei den Konzerten nicht noch immer ein wenig zu kurz?

Abdullah: Das ist eine interessante Frage, denn ich bekomme schonmal Beschwerden darüber, dass wir zu viel klassische Moderne spielen. Man kann es niemals jedem recht machen, aber ich glaube, wir haben eine gesunde Mischung aus klassischen und modernen Stücke gefunden.

Was sind Ihre persönlichen Highlights auf der Theater- und der Konzertbühne in der neuen Spielzeit?

Abdullah: Ich freue mich auf die West Side Story, auch wenn ich die Premiere nicht dirigieren werde, aber ich habe schon ein paar Proben gesehen und weiß, dass die Sänger, Tänzer und Schauspieler eine tolle Inszenierung zeigen werden. Ich freue mich auch auf Brokeback Mountain, eine Deutschland-Premiere und eine Oper, die nicht allzu oft zu sehen ist. Ich bin gespannt, wie das Publikum sie aufnehmen wird. Für die Konzerte muss ich sagen: Ich freue mich auf alle Sinfoniekonzerte. Wir haben ein sehr spannendes und abwechslungsreiches Programm in dieser Spielzeit. Die zwei Highlights für mich in 2014 sind Beethovens Eroica im ersten Sinfoniekonzert, weil es für mich eine so fantastische, monumentale Sinfonie ist, wie man sie kaum ein zweites Mal findet. Außerdem: Richard Strauss‘ Sinfonica Domestica im zweiten Sinfoniekonzert. Diese Sinfonie ist eine Tondichtung über das Familienleben von Richard Strauss und eines seiner ersten Meisterwerke.

Beim Theaterfest am 20. September zum Saisonstart dürfte das Haus auf alle Fälle wieder voll sein. Worauf freuen Sie sich besonders, wenn die Menschen im lockeren Rahmen herbeiströmen?

Abdullah: Für mich es ist immer sehr spannend, was die Region künstlerisch in der nächsten Saison zu bieten hat. Und die Möglichkeit, dies alles an einem Ort auf einmal präsentiert zu bekommen, ist einfach klasse.

Welchen Weg sehen Sie in der Zukunft für die Musiksparte des Theaters Aachen? Wie würden Sie der Klassik noch mehr Zulauf und Begeisterung verschaffen können? Welche Rahmenbedingungen wären dafür notwendig? Was ist Ihr Ziel?

Abdullah: Musiktheater ist nicht einfach nur altmodisch, wie vielleicht manche Opernverweigerer denken mögen. Musiktheater ist eine Erfahrung, die unterhält, aber auch provoziert und inspiriert. Musiktheater braucht ein abwechslungsreiches Programm von klassischen Opern in klassischen und modernen Inszenierungen über Neues und Modernes, das auch zum Diskutieren anregt. Um ein breites Publikum anzusprechen, braucht es auch eine breite Vielfalt. Das Publikum soll unterhalten, provoziert, angeregt, inspiriert, herausgefordert werden. Dies geht über die Musik, die Inszenierung, die Sänger. All dies bietet unser Programm der letzten Spielzeiten und auch in der kommenden. Die Rahmenbedingungen, dies noch weiter zu verbessern, bestehen im Prinzip bereits. Nur das Budget macht uns manchmal einen Strich durch die Rechnung, wenn wir über Regisseure, Sänger oder Bühnenbilder nachdenken, die noch mehr Vielfalt in unser Programm bringen würden.

Wie sieht Ihre eigene Zukunftsplanung aus? Naturgemäß wissen wir, dass herausragende Dirigenten und Musiker wie Sie womöglich nach noch Höherem streben…

Abdullah: Ich bin jung und im Moment sehr glücklich in Aachen. Wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

Was haben Sie — obwohl Sie seit vielen Jahren weltweit unterwegs sind — noch nie anderswo, sondern nur in Aachen erlebt?

Abdullah: Ich glaube nicht, dass es irgendwo auf der Welt noch einmal so etwas wie den CHIO gibt: Eine ganze Stadt, die zehn Tage voll und ganz dieses Turnier lebt. Einfach toll. Es geht richtig rund. Dafür strampeln sich hier viele ab.

Apropos: Und was ist mit den Qualitäten der Stadt für passionierte Radfahrer wie Sie?

Abdullah: Aachen könnte mehr Radwege vertragen, auch wenn es wegen der Enge der Innenstadt schwierig sein könnte, weitere einzurichten.

Wir wünschen Ihnen, dass bei den kommenden Kurpark Classix ebenfalls alles rund läuft. Wird es — dank Ihnen — bald mal einen Bonus für Classix-Besucher geben, die mit dem Rad anreisen? Vielleicht ein Extra-Radparkplatz oder einen Eintrittspreis-Rabatt?

Abdullah: Eine spannende Idee! Aber ich glaube nicht, dass wir das umsetzen können.

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