Aachen: Generalintendant Schmitz-Aufterbeck: „Theater muss wirtschaftlich arbeiten“

Aachen : Generalintendant Schmitz-Aufterbeck: „Theater muss wirtschaftlich arbeiten“

Sein ganz persönlicher Spielplan endet nicht vor Mitte 2023. Vor 13 Jahren ist Michael Schmitz-Aufterbeck als Generalintendant am Theater Aachen angetreten. Jetzt ist sein Vertrag um weitere fünf Jahre verlängert worden.

Was im zuständigen Betriebsausschuss des Stadtrates jüngst zu allerhand Irritationen geführt hat — wenn auch allein aus formalen Gründen: Die Politiker fühlten sich vor vollendete Tatsachen gestellt, weil die sprichwörtliche Tinte unter dem Kontrakt bereits getrocknet war. Die Vertreter der Oppositionsparteien quittierten den Alleingang, indem sie sich der Stimme enthielten.

Inhaltlich ist der 63-Jährige indes nicht nur als Künstler, sondern auch als „Chefmanager“ des größten Bühnenbetriebs im Grenzland unumstritten. „Ich bin schon im Herbst von vielen Politikern gefragt worden, ob ich weitermache“, sagt er im Interview mit AZ-Redakteur Matthias Hinrichs. Und lässt keinen Zweifel daran, dass er in den kommenden fünf Jahren noch allerhand bewegen will — vor und hinter den Kulissen.

Viele Ratspolitiker waren verärgert darüber, dass sie von der Verlängerung Ihres Vertrags erst im Nachhinein erfahren haben. Der Zorn richtete sich vor allem in Richtung Kulturdezernentin. Sehen Sie auch Anlass zur Selbstkritik?

Schmitz-Aufterbeck: Nein. Man hat gesagt, dass sich keine Vorwürfe gegen mich gerichtet haben. Für die Kulturdezernentin kann ich hier natürlich nicht sprechen, aber ich möchte sie doch einmal in Schutz nehmen. Das Verfahren zu dieser Verlängerung ist identisch mit dem der vorhergegangenen Verlängerungen. Der Zeitplan ist Teil des Vertragstextes, der den Politikern des Betriebsausschusses und dann auch denen des Rates zur jeweiligen Abstimmung vorlag. Für mich hat sich der Ablauf in nichts von dem der letzten Male unterschieden.

Werten Sie die Stimmenthaltung der Oppositionsparteien beim Beschluss zur Vertragsverlängerung Ihrerseits als Affront? Oder verstehen Sie den Zorn?

Schmitz-Aufterbeck: Ehrlich gesagt, nein. Ich bin schon im Herbst vergangenen Jahres aus der Politik gefragt worden, ob ich weitermachen möchte. Im Betriebsausschuss wurde über die Verlängerung dann am 17. Mai im nichtöffentlichen Teil abgestimmt.

Als Intendant sind Sie allseits hoch anerkannt. Dennoch: Müssen Sie „verlorengegangenes Vertrauen“, wie es so schön heißt, jetzt erst einmal zurückgewinnen?

Schmitz-Aufterbeck: Ich kann sagen, dass das Echo im Ausschuss auf unsere Arbeit immer außerordentlich positiv gewesen ist. Als Sprecher der Theaterkonferenz in NRW setze ich mich seit 2010 zudem und auch nicht ganz erfolglos dafür ein, dass das Land mehr Mittel auch für die Aachener Bühne zur Verfügung stellt. Das ist jetzt ja auch wieder gelungen: Der Zuschuss des Landes für das Theater wird bis 2022 von 738.000 Euro in Stufen auf über 1,6 Millionen jährlich steigen. Im Übrigen haben wir uns der Diskussion über Finanzierung und Konsolidierung nie entzogen, im Gegenteil. Wir haben uns immer konstruktiv daran beteiligt.

Als der Betriebsausschuss im Januar beschloss, den Eigenfinanzierungsanteil von 13 auf 16 Prozent zu erhöhen, haben Sie aber betont, dass die neuen Vorgaben kaum realisierbar seien. Entpuppt sich der Vorstoß bald als Papiertiger?

Schmitz-Aufterbeck: Natürlich macht die Zuschusserhöhung des Landes die Umsetzung der Forderung realisierbarer.

Hätte man die zum 1. August beschlossene Ticketpreiserhöhungen nicht sozial ausgewogener gestalten können, statt „per Rasenmäher“ zehn Prozent plus zu verordnen? Schon heute rangiert das Theater bei den Preisen vergleichsweise ziemlich weit oben.

Schmitz-Aufterbeck: Ich finde, diesem Thema wird etwas zu viel Aufmerksamkeit gewidmet. Wir haben die Ticketpreise in den vergangenen sechs Jahren nicht mehr erhöht. Auch das Theater muss letztlich wirtschaftlich arbeiten wie jedes andere Unternehmen. Überall steigen die Preise und auch die Löhne, im öffentlichen Dienst in den nächsten 30 Monaten um mehr als sieben Prozent.

Kritiker, etwa die Piraten, meinen, das Theater habe „eher ein Ausgaben- als ein Einnahmeproblem“. Wie und wo könnte man noch sparen?

Schmitz-Aufterbeck: Diese Aussage ist mir zu einfach. Unser Hauptkostenfaktor ist bekanntlich das Personal. Dabei verdienen gerade unsere Künstlerinnen und Künstler nun wirklich und immer noch nicht viel Geld! Der Vertrag der Bühnengenossenschaft sieht für junge Künstlerinnen und Künstler gerade mal rund 2000 Euro brutto vor — dafür arbeiten sie mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium nicht selten 60 Stunden in der Woche.

Natürlich schauen wir immer, wo Einsparungen möglich sind, gerade haben wir eine große Uraufführung durch eine halbszenische Produktion ersetzt, und auch bezüglich der Besetzungen im Konzert haben wir deutlich gespart. Ich möchte in diesem Zusammenhang aber auch daran erinnern, dass die Politik sich einig ist, dass an den Strukturen des Theaters nicht gerüttelt werden soll.

Ihr Vertrag läuft jetzt bis Mitte 2023. Wo wollen Sie weitere inhaltliche Schwerpunkte setzen?

Schmitz-Aufterbeck: Unser Theater hat gerade momentan sehr gute und engagierte Ensembles in beiden Sparten und ein großartiges Orchester, das sich gerade im Bereich der Barockmusik und der historischen Aufführungspraxis ein starkes weiteres Profil verschafft. Gerne möchten wir auch die Vermittlungsarbeit weiter ausbauen und in diesen aufregenden Zeiten ganz nah an den Themen der Zeit bleiben.

Wir möchten das Theater noch mehr zu einem Haus machen, das gesellschaftliche Probleme und Auseinandersetzungen auch im öffentlichen Diskurs reflektiert. Ich würde gerne wieder mehr spartenübergreifende Projekte entwickeln und gemeinsam mit dem neuen Generalmusikdirektor Christopher Ward natürlich auch im Musiktheater neue Kapitel aufschlagen.