Gelbbauchunken leben im Brander Wald unter Naturschutz

Naturschutz in Aachen : Wo die Unke gerne auf Tauchstation geht

Mit einem Urwald hat der Brander Wald wenig zu tun. Trotzdem steht das Gebiet zwischen Aachen und Stolberg unter strengem Naturschutz. Vor allem wegen einer ziemlich kleinen Bewohnerin: der Gelbbauchunke.

Leise und vorsichtig nähert sich Manfred Aletsee dem kleinen Gewässer, das eigentlich nicht mehr ist als eine größere matschige Pfütze. Langsam beugt sich der Geschäftsführer der NABU-Naturschutzstation Aachen hinunter und greift ins trübe Wasser. Dann hält er sie auch schon in der Hand: eine Gelbbauchunke, nur wenige Zentimeter groß. Die Gruppe, die er ihm Rahmen einer Führung hierher gebracht hat, rückt eng zusammen. Jeder will das kleine Tier, das unter Schutz steht, einmal aus der Nähe sehen.

Die Gelbbauchunke, die Aletsee für ein paar Minuten vorsichtig in der Hand hält, ist eine von vielen, die in diesem Teil der Stadt wohnen. Rund 400 bis 500 Exemplare dieser bedrohten Tierart, so schätzt der Naturschutzbund NABU, leben im Brander Wald. Hier fühlt sie sich wohl, denn hier gibt es viele dieser matschigen Pfützen, bei denen sich nicht um dauerhaft existierende Gewässer handelt, sondern die nach wenigen Wochen wieder austrocknen. „Das ist deshalb so wichtig, weil in dieser kurzen Zeit die Fressfeinde der Gelbbauchunke keine Zeit haben, sich zu entwickeln“, erklärt Aletsee. Sprich: Die „Lebensdauer“ einer Pfütze wäre beispielsweise für eine Libellenlarve zu kurz. Die Unke, von der Kaulquappe bis zum fertigen Tier, kommt damit hingegen bestens parat.

Dass es diese Pfützen geben kann, beziehungsweise die dafür notwendigen Kuhlen im Boden, dafür ist die Bundeswehr verantwortlich. Denn die Pfützen sind über die Jahre dort entstanden, wo Soldaten mit schweren Fahrzeugen durch die Botanik gefahren sind. Den Plänen des Verteidigungsministeriums zufolge soll das auch in Zukunft auf dem Standortübungsplatz wieder häufiger vorkommen. Hintergrund ist, dass die zentralisierte Ausbildung von Rekruten, Unteroffiziers- und Offiziersanwärtern aufgehoben wurde. In diesem Zusammenhang wird auch der Standortübungsplatz in Aachen stärker genutzt. Unter anderem werden Geländebesprechungen oder das Orientieren im Gelände geübt. Auch das Schießen mit Übungsmunition (Platzpatronen) kann Bestandteil der Ausbildung sein.

Wenn es regnet, entstehen in den Fahrrillen größere Pfützen – die perfekte Kinderstube für die Gelbbauchunke. Foto: ZVA/Sarah-Lena Gombert

Eine zum Teil heftig diskutierte erweitere Sperrung des Naturschutzgebietes ist die Folge. Nur noch nach 17 Uhr und an Wochenenden dürfen Aachener den Standortübungsplatz betreten. Und auch nur dann, wenn keine Flagge gehisst ist, die auf eine laufende Übung hinweist. Hunde müssen stets angeleint sein. Ob Reiter, die das Gebiet sehr schätzen, eventuell die Wege nun doch mit ihren Pferden nutzen dürfen, ist derzeit im Gespräch. Die Städteregionsverwaltung hatte erklärt, dass man sich mit der Bundeswehr zusammengesetzt hätte, um eine Lösung für die Reiter zu finden (wir berichteten).

Apropos Hunde und Pferde: Das Ausführen von Vierbeinern im Wald ist nicht nur in den Augen der Bundeswehr ein Störfaktor, sondern auch für die Natur. „Der Boden im Brander Wald ist vor allem Schieferboden“, erklärt Manfred Aletsee. Das bedeutet, dass er sehr schlecht Wasser speichern kann und sehr karg ist. Nur Pflanzen, die mit wenig Nährstoffen auskommen, könnten hier gut überleben – er nennt als Beispiel den Adlerfarn. „Wenn aber Hunde und Pferde ihre Hinterlassenschaften im Wald lassen, dann wird der Boden sozusagen gedüngt.“ Eine Anreicherung von Stickstoffen sei die Folge, und Arten, die mehr Nährstoffe brauchen, verdrängen die ursprüngliche Pflanzenwelt.

Die Gelbbauchunke ist nicht nur wegen ihres gelben Bauchs, sondern auch wegen des Rufens so charakteristisch. „Wir haben festgestellt, dass diese Tiere durchaus 15 Jahre alt sein können, und dass sie größere Strecken zurücklegen“, sagt Aletsee. So habe er eine Unke in aufeinander folgenden Jahren in unterschiedlichen Pfützen angetroffen – leicht zu erkennen an der einzigartigen Musterung auf der Bauchseite. Aletsee und seine Kolleginnen und Kollegen von der Naturschutzstation hoffen, dass sich die Population der Gelbbauchunke in den kommenden Jahren gut entwickelt – und dass er die wandernde Unke vielleicht noch einmal wieder findet.

Übungen der Bundeswehr, Umweltschutz für die Gelbbauchunke und Freizeitvergnügen für die Aachener Bevölkerung: Damit all das zusammenpasst, braucht es aus der Sicht des Naturschutzbundes vor allem eines: Rücksicht aufeinander. „Denn es ist doch schade, wenn einige Wenige sich daneben benehmen und alle anderen Nutzer des Waldes darunter leiden müssen, weil Sperrungen erfolgen“, sagt Manfred Aletsee, und setzt die Gelbbauchunke wieder vorsichtig in ihre Pfütze zurück.