Gehörlose in Aachen finden ein perfektes Umfeld

Hörgeschädigtenzentrum weiht Bauprojekt ein : Beispiel gelungener Integrationsarbeit

Nach anderthalb Jahren hat das Hörgeschädigtenzentrum in der Städteregion Aachen sein Bauprojekt abgeschlossen. Auf dem Gelände des Vereins an der Talbotstraße ist ein inklusives Wohnhaus entstanden.

In 14 Wohnungen werden in den kommenden Wochen Menschen verschiedenen Alters und mit verschiedenen Graden an Hörschädigungen, Familien, bei denen Partner oder Kinder hörend sind, einziehen.

„Hier soll eine Gemeinschaft entstehen, die sich gegenseitig stützt, aber auch offen ist für Menschen aus der Nachbarschaft“, sagt Karl Merkelbach, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung Hörgeschädigter. Es ist ihm anzumerken, dass das inklusive Wohnhaus sein Herzensanliegen ist. Akribisch und beständig hat der 81-Jährige sich durch das Projekt gearbeitet, die Auflagen abgearbeitet, damit die Fördermittel abgerufen werden konnten.

Neben der KfW beteiligten sich die Aktion Mensch und der Landschaftsverband Rheinland (LVR) mit Zuschüssen am Projekt, das insgesamt 2,2 Millionen Euro gekostet hat. „Es ist das erste Projekt dieser Art, was der LVR fördert. Wir würden gerne mehr solcher Projekte fördern", warb Referent Dirk Lewandrowski bei der Einweihungsfeier des Wohnhauses. Ein Grund, warum der Verband das Wohnhaus mit 200.000 Euro unterstützt hat, war der Gedanke der Inklusion. Ein Sinnesgarten soll nicht nur Bewohner, sondern auch Besucher zum Verweilen einladen.

Besucherkaffee lockt

In der Nähe verläuft der Premiumweg an der Wurm. Ein Besucherzentrum, in dem man auch einen Kaffee bekommt, soll das Interesse wecken, auch mal einzukehren und In Kontakt zu kommen. „Wichtig ist die gemeinsame Akzeptanz und Toleranz“, unterstreicht Anne Elsen, Geschäftsführerin des Hörgeschädigtenzentrums, und fügt hinzu: „Hörgeschädigte können alles, nur nicht hören.“

Dass dies auch beim Bau des Hauses berücksichtigt werden musste, zeigt sich beim Rundgang. Das Treppenhaus ist hell und großzügig gebaut, denn Hörgeschädigte brauchen Platz zum Kommunizieren. Und sie brauchen Licht, Schattenwürfe irritieren die Wahrnehmung. Weil Menschen, die nichts oder wenig hören, natürlich auch keine Klingel hören, gibt es Videoanlagen und Lichtklingeln, in die mehrere Funktionen eingebunden sind. Rauchmelder oder ein Babyphon sind mit ihr gekoppelt. Damit Hörgeräte durch den Nachhall nicht beeinträchtigt werden, sind die Wohnungen mit schalldämpfenden Böden, ist das Treppenhaus mit schallisolierenden Platten versehen. Trotz dieser Ausstattung beträgt die Miete 5,75 Euro je Quadratmeter. Somit sollen auch Menschen mit kleinem Einkommen die Möglichkeit haben, gut und ihren Bedürfnissen entsprechend wohnen zu können.

„Wenn wir sagen, der Staat müsse etwas tun, müssen wir uns auch klarmachen, dass wir der Staat sind und selbst etwas tun“, sagt Karl Merkelbach. Was jedoch nicht bedeutet, dass Stadt und Städteregion aus ihrer Verantwortung entlassen wären. „Für uns als kleiner Verein war es eine riesige Herausforderung und wir hatten das Glück, ein eigenes Grundstück zu haben“, betont Anne Elsen.

Lob von der Politik

Vertreter aus Politik und Verwaltung konnten sich bei der Einweihung selbst ein Bild machen. Ulla Schmidt, Bundestagsabgeordnete der SPD, verbindet mit dem Wohnhaus die Hoffnung, dass Menschen sehen, „dass Inklusion eine Bereicherung für die Gesellschaft ist“.

Bürgermeisterin Hilde Scheidt zeigte sich beeindruckt vom Projekt: „Wir wissen oft nicht, welche Dinge wichtig sind, um in einer inklusiven Gesellschaft zu leben. Da müssen wir als Gesellschaft noch viel lernen.“ Sie versprach auch, sich für eine eigene Bushaltestelle einzusetzen, die näher am Hörgeschädigtenzentrum liegt als die bestehenden. Auch Michael Ziemons, Sozialdezernent der Städteregion Aachen, sicherte dem Hörgeschädigtenzentrum Unterstützung zu. Mit dem Segen von Diakon Josef Rothkopf, Gehörlosenseelsorger des Bistums Aachen, wurde das Haus endgültig an seine Nutzer übergeben. Die bedankten sich ihrerseits beim Bauherren mit einer Plakette – das Haus soll zukünftig Karl-Merkelbach-Haus heißen.

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