Aachen: Gegen das Vergessen: 85 blaue Luftballons ehren Anne Frank

Aachen: Gegen das Vergessen: 85 blaue Luftballons ehren Anne Frank

Die Sonne strahlt an diesem Donnerstag, hunderte Schüler und Schülerinnen tummeln sich auf dem Schulhof. 85 blaue, glänzende Luftballons baumeln an den Handgelenken, die Ballons warten auf ihren Start in die Freiheit.

„Drei, zwei, eins“, ertönt das Kommando von Wolfgang Gurzan, Schulleiter des Anne-Frank-Gymnasiums. Dann ist es soweit: Aus der herzförmigen Masse erhebt sich ein Meer aus Ballons und steigt in den Himmel empor. Es geht um ein ganz besonderes Mädchen an diesem Vormittag: Anne Frank.

Anne Frank wäre nun 85 Jahre alt. Sie ist eines der unzähligen jüdischen Opfer, die im Holocaust ihr Leben ließen. Durch ihre Tagebücher erlangte sie nach ihrem Tod die bleibende Anerkennung, die ihr zu Lebzeiten verwehrt blieb.

Lauter Applaus schallt über den Schulhof, die Freude über die symbolstarke Aktion ist spürbar — die Anerkennung auch. Jedes Jahr organisiert die Vereinigung der Anne-Frank-Schulen die Aktionstage im Rahmen des Gedenken an das Schicksal eines mutigen Mädchens, das nur 15 Jahre alt wurde.

Wünsche stehen auf den Karten

„Ich habe schon drei Jahre in Folge die Aktionen erlebt. Dieses Jahr ist es etwas ganz besonderes“, lobt die zwölfjährige Schülerin Emilie Krantz. Unter dem Leitsatz „(D)eine Botschaft kann mehr als nur fliegen“ notierte sie zuvor mit ihren Mitschülern zahlreiche Wünsche auf Karten, die jetzt mitsamt den Luftballons auf große Reise gehen. Dem Appell, sich für eine vielfältige Gesellschaft einzusetzen, folgen viele Wünsche. „Ich wünsche, dass alle, die ein bisschen anders sind, auch akzeptiert werden!“ lautet etwa ein Satz.

Die Schüler strömen an diesem Tag in alle Himmelsrichtungen: Die Oberstufe besucht die NS-Ordensburg in Vogelsang, einige proben für die Theateraufführung des Stücks „Die Welle“ von Morton Rhue. „Dass die Schüler sich mit den Strategien des NS-Regimes darin auseinandersetzen, halte ich für sinnvoll, da sie erfahren, was es heißt, einer Ideologie zu unterliegen“, merkt Schulleiter Gurzan an.

Was es dagegen heißt, aufgrund seiner Religion verfolgt zu werden, weiß der jüdische Zeitzeuge Helmut Clahsen sehr genau. In einem Vortrag berichtet er authentisch über seine Erlebnisse. Viele Hände recken sich in die Luft, denn Schülerfragen wollen beantwortet werden. Er habe selbst über 70 Angehörige verloren. Sichtliche Betroffenheit herrscht unter den Schülern, doch auch der Vorsatz wird gefasst, besser zu handeln.

An diesem Morgen liegt die Botschaft Anne Franks von 1944 in der Luft: „Solange es das noch gibt, (...) diesen Sonnenschein, diesen Himmel, an dem keine Wolke ist, so lange kann ich nicht traurig sein.“ Und als sei Anne Frank an diesem Tag eine von ihnen, lassen die jungen Menschen die Luftballons hoffnungsvoll dem wolkenlosen Himmel entgegenschweben.

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