Aachen: Gefahr am Bau wegen Hörgerät? Polier klagt

Aachen: Gefahr am Bau wegen Hörgerät? Polier klagt

Oliver A. aus Kaarst ist jetzt 47 Jahre alt. Der Polier bei einer mittelständischen Aachener Baufirma (350 Beschäftigte) ist von seiner langjährigen Tätigkeit auf unzähligen Baustellen der Firma seit dem 2. April 2012 freigestellt — ohne Bezüge, man liegt im Streit über die Fortführung des Arbeitsverhältnisses.

Das alles geschah einfach so, sagt Oliver A., für sein Empfinden völlig willkürlich, wie der Vater zweier Kinder im Alter von 15 und 17 Jahren meint. Der Konflikt wird seit beinahe einem Jahr vor der 2. Kammer des Aachener Arbeitsgerichtes (Vorsitz Richter Klaus Brondics) ausgetragen, und auch bei einer weiteren Verhandlung konnten sich die Gegner, die Geschäftsführer der Baufirma auf der einen und A. mit Anwalt Ralf Klingen auf der anderen Seite, nicht einigen. Natürlich geschah das alles nicht „einfach so“. Denn Polier A. ist von Kind an schwerhörig. „Mit dem 20. Lebensjahr ging ich zum Bau“, berichtet er unserer Zeitung. Er sei seit 26 Jahren in ungekündigter, hoch verantwortungsvoller Position.

Stets ohne Beanstandung

Dass irgendwann einmal dem schwerhörigen Bauarbeiter, der stets ohne jede Beanstandung seinen Job verrichtete, eine nachhaltige Verbesserung seines Hörvermögens zum Verhängnis werden sollte, daran hätte Oliver A. im Traum nicht gedacht.

2008 ließ er sich ein sogenanntes Cochlea-Implantat ins Ohr einsetzen, mit gutem Erfolg. Da sich der anerkannte Schwerbehinderte mächtig über seine Fortschritte freute, berichtete er öffentlich darüber. Das hätte er besser nicht getan, denn er weckte mit seinem Loblied auf die Technologie anscheinend schlafende Hunde bei seinem Arbeitgeber.

Die Freistellung ohne Bezüge kam prompt. Begründung: Er könne womöglich Warnsignale auf dem Bau nicht ausreichend hören. Dass sein jetziger, wesentlich besserer Zustand mit dem alten gar nicht mehr vergleichbar ist, interessierte offenbar niemanden. Er sollte raus aus seinem Job, eine Abfindung wurde angeboten. Doch A. will weiterhin auf dem Bau arbeiten. Es mache ihm Spaß, sagte der Polier, der rund um Aachen etliche Brückenbauwerke errichtet hat und gut und gerne noch 15 Jahre seinen Job machen könnte.

„Keine Beeinträchtigung“

Das Gericht hatte lange auf einen Vergleich gesetzt, der Vorsitzende Richter Brondics mühte sich redlich, aber vergebens. Der Arbeitsrechtsstreit entgleitet nun zu einem Fachgeplänkel über Hörschwäche. So hatte das Gericht Mitte 2012 den Eindruck erweckt, eine Bescheinigung der Aachener Uniklinik reiche aus zum Nachweis der Arbeitsfähigkeit. Sie wurde vorgelegt, darin heißt es, bei A. bestehe „keine Beeinträchtigung in seiner Fähigkeit, den Beruf als Polier auch auf der Baustelle auszüben.“ Doch die beklagte Baufirma und das Gericht verlangen jetzt ein Sachverständigengutachten. Das soll entscheiden, ob A. mit inzwischen besserem Hörvermögen jetzt schlechter arbeitet — oder eben nicht.