Gastbeitrag von Armin Laschet zum Aachener Vertrag

Gastbeitrag von Armin Laschet zum Aachener Vertrag : Ein Herzensanliegen für Nordrhein-Westfalen

Staatspräsident Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel werden am Dienstag den „Aachener Vertrag“ unterzeichnen. Er ergänzt den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag – den Élysée-Vertrag – von 1963 und soll in einer Zeit, in der durch den Brexit in Europa wieder neue Grenzen entstehen, den Geist des Miteinanders stärken.

Dieses Signal in diesen Zeiten – das kann einen neuen Geist prägen in Europa und in den internationalen Beziehungen. Für NRW ist die deutsch-französische Zusammenarbeit ein Herzensanliegen. Mit keinem anderen Land besteht ein vergleichbar enges Netz an Partnerschaften: Wir pflegen 520 Schul- und 266 Städtepartnerschaften.

Mit unserer Partnerregion Hauts-de-France haben wir zudem einen intensiven Jugend- und Kulturaustausch. Über 20.000 Franzosen leben in unserem Land Nordrhein-Westfalen. Mehr als 1000 französische Unternehmen haben ihren Sitz in unserem Land. Da kann es kaum verwundern, dass Frankreich mit einem Handelsvolumen von rund 30 Milliarden Euro jährlich zu unseren wirtschaftlich bedeutendsten Partnern zählt. Und natürlich sind umgekehrt zahlreiche Unternehmen aus Nordrhein-Westfalen in Frankreich wirtschaftlich aktiv.

Der Élysée-Vertrag von 1963 ist für viele Menschen das Sinnbild der Versöhnung zwischen zwei Staaten, deren historisches Verhältnis von der Vorstellung einer Erbfeindschaft geprägt war. Das historische Abkommen, das nun mit dem Aachener Vertrag für die Zukunft dynamisch weiterentwickelt wird, war aber auch wegen seiner praktischen Auswirkungen von enormer Bedeutung: Rund neun Millionen junge Menschen aus Frankreich und Deutschland haben dank des im Élysée-Vertrag verankerten Deutsch-Französischen Jugendwerks an Austauschprogrammen teilnehmen können. Hiervon haben wir in NRW mit am stärksten profitiert: In intensiver Zusammenarbeit mit der Kulturabteilung der Französischen Botschaft – den „Instituts Français“ – und dem Deutsch-Französischen Jugendwerk werden in Nordrhein-Westfalen zahlreiche Initiativen umgesetzt, die der Verbesserung der Sprachkenntnisse, der Förderung des Wissens über die Kultur des Partnerlandes und der Vernetzung von Kompetenzen dienen.

Mehr als 400.000 Schülerinnern und Schüler in NRW lernen Französisch, an zwölf sogenannten „AbiBac-Schulen“ kann gleichzeitig die deutsche und die französische Hochschulreife erlangt werden. Außerdem gibt es 13 binationale Studiengänge in NRW, die mit einem deutsch-französischen „Doppeldiplom“ abgeschlossen werden.

56 Jahre nach Unterzeichnung des Élysée-Vertrages bringt der Vertrag von Aachen die Beziehungen Deutschlands und Frankreichs auf den Stand der Zeit. Er bettet die deutsch-französische Zusammenarbeit in den europäischen Rahmen ein, der 1963 in seiner heutigen Form noch gar nicht vorstellbar gewesen wäre. Zugleich nimmt der neue Vertrag die wichtigen Themen der Gegenwart und der Zukunft in den Blick: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, Energiewende und Klimaschutz im Einklang mit der Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie, unser Beitrag zu mehr Sicherheit und Wohlstand.

Bei all diesen Themen müssen wir die Kompetenzen bündeln und einen europäischen Weg gehen. Dabei hat sich gezeigt, dass die europäische Zusammenarbeit immer dann erfolgreich war, wenn Deutschland und Frankreich vorangeschritten sind. Der Aachener Vertrag ist deshalb ein zutiefst europäischer Vertrag. Er stellt zwar Deutschland und Frankreich ins Zentrum, aber Europa ist in jeder Zeile mitgedacht.

Um die deutsch-französische Zusammenarbeit konkret mit Leben zu füllen, müssen wir Städtepartnerschaften, Schulpartnerschaften, Austauschprogrammen und der Kooperation in allen Bereichen der Bildung und der Wirtschaft wieder neue Impulse geben. Der Aachener Vertrag tut dies nicht nur durch zahlreiche Verabredungen zur stärkeren Koordinierung auf Regierungsebene, er schafft auch einen deutsch-französischen Bürgerfonds, bekennt sich zu einer Vereinfachung der gegenseitigen Anerkennung von Bildungsabschlüssen und für gemeinsame Forschung.

Ein zentrales Thema ist bei all dem die stärkere Unterstützung des gegenseitigen Spracherwerbs. Sprache dient nicht nur der Verständigung, sondern sie ermöglicht zugleich den Zugang zur Kultur, Mentalität und Geisteswelt des Anderen. So wächst aus Vertrautheit Vertrauen – und aus Vertrauen eine noch tiefere Freundschaft. Zwischen Deutschland und Frankreich, zwischen Frankreich und Nordrhein-Westfalen.

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