Aachen: Für Kinder der letzte Ausweg, wenn es in den Familien kracht

Aachen: Für Kinder der letzte Ausweg, wenn es in den Familien kracht

Vater trinkt. Mutter verkriecht sich hinterm Fernseher. Die Kinder versuchen, den Alltag so gut es geht aufrecht zu halten. Alle Unterstützung von außen hat nicht geholfen. Die Behörden beschließen, die Kinder aus der Familie zu nehmen.

Oft ist die beste Unterbringung für die minderjährigen Kinder bis zehn Jahre langfristig die Betreuung in einer Pflegefamilie. Doch die zu finden, wird immer schwieriger. „Wir brauchen in Aachen jedes Jahr ungefähr 30 neue Pflegefamilien. Leider finden sich immer weniger Menschen bereit, diese verantwortungsvolle Aufgabe zu übernehmen”, beschreibt Edith Schiffler vom Pflegekinderdienst des Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule der Stadt Aachen, einen bundesweiten Trend, dem sich auch die Aachener anschließen.

Ganz verwunderlich ist das nicht. Pflegefamilien müssen zunächst einmal vieles mitbringen: Sie müssen in einer intakten Paar- oder Familienstruktur leben und auch über ein soziales Netzwerk von Freunden, Verwandten und Nachbarn verfügen, sie müssen belastbar und flexibel sein, sie müssen Menschen - auch kontrollierende - von außen zulassen, sie müssen ihren eigenen Lebensunterhalt verdienen und gleichzeitig in der Integrationsphase, die bis zu zwei Jahre dauern kann, auf Betreuung durch Dritte möglicherweise verzichten.

Und sie müssen Immenses leisten: Kinder von Eltern mit psychischen Erkrankungen, Suchtproblemen oder von Eltern, die Erziehung nicht leisten können, bringen eine schwierige Vergangenheit mit - auch wenn sie nur kurz gedauert hat. Sie konnten sich auf ihre wichtigsten Bezugspersonen - ihre Eltern - nicht verlassen. Da zu anderen Erwachsenen Vertrauen zu fassen, erfordert nicht nur Zeit.

Gleichzeitig bleiben die leiblichen Eltern vorhanden, behalten häufig sogar das Sorgerecht und sollen und wollen regelmäßigen Kontakt zu ihren Kindern halten - „für viele Pflegeeltern ist das wohl die schwierigste Aufgabe”, weiß Ursula Braun-Kurzmann, Geschäftsführerin des Sozialdienstes katholischer Frauen (SkF), der sich die Aufgabe des Pflegekinderdienstes mit der Stadt seit über 20 Jahren teilt. „Doch das ist wichtig, weil sie einen Teil des Kindes ablehnen, wenn sie die Herkunftsfamilie ablehnen”, erklärt Schiffler.

Doch Pflegeeltern werden nicht nur beansprucht, sie bekommen auch viel zurück. „Es gibt Pflegeeltern, bei denen wir noch ein zweites, manchmal sogar ein drittes Kind unterbringen können. Durch unsere Unterstützung fühlen sie sich für diese Aufgabe gut gewappnet”, sagt Marion Scheins vom Pflegedienst des SkF.

Der nächste Info-Abend für Interessierte an der Aufgabe von Pflegeeltern ist am Montag, 5. Juli um 19.30 Uhr im Verwaltungsgebäude Mozartstraße 2-10.


Die Pflegekinderdienste suchen auch vermehrt muslimische Familien, die sich dieser Aufgabe stellen. Gleichgeschlechtliche Paare sind ebenso willkommen. Aktuell werden in Aachen 226 Kinder in 189 Pflegefamilien betreut. 1999 waren es noch 110. Akut wird eine Unterbringung für drei Kinder gesucht.

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