Schulpolitik: Für G9 gibt’s kein neues Gymnasium in Aachen

Schulpolitik : Für G9 gibt’s kein neues Gymnasium in Aachen

Die Stadt Aachen wird kein neues Gymnasium bauen, um die zusätzlichen Schülerzahlen zu bewältigen, wenn Nordrhein-Westfalen zur neunjährigen Gymnasialzeit zurückkehrt. Das hat der städtische Schulausschuss am Dienstag einstimmig und ohne weitere Diskussion beschlossen.

Die Schulpolitiker folgten dem Vorschlag der Verwaltung, die sich wiederum auf ein externes Gutachten zur Wiedereinführung von G9 an Gymnasien stützt. Die Untersuchung dürfte auch die Basis sein für künftige Entscheidungen, welche Gymnasien in Aachen wachsen können und welche nicht.

Die Rückkehr zu G9 beginnt im kommenden Schuljahr 2019/20, und zwar mit den Fünfer- und Sechserjahrgängen. Da sich keine Aachener Schule für den Verbleib in G8 entschieden hat, müssen acht städtische und vier private Gymnasien den Übergang gestalten. Für die Schulen in städtischer Trägerschaft haben die Schulpolitiker nun erste, wichtige Weichen gestellt.

Mehrere Stellschrauben

Zum Schuljahr 2026/27 wird die Rückkehr zu G9 abgeschlossen sein: Jedes Gymnasium hat dann erstmals wieder neun Jahrgänge gleichzeitig zu versorgen. Die Stadt geht davon aus, dass dann 30 Klassen mehr im System sind – mindestens 30. Und die müssen irgendwo untergebracht werden. Kann ja nicht so schwer sein, mag sich da der Laie sagen. Schließlich ging G9 in NRW erst 2013 mit dem vieldiskutierten doppelten Abiturjahrgang zu Ende. Platz müsste also vorhanden sein. Ist er aber offenbar nicht. „Alle Gymnasien haben in den vergangenen Jahren ein umfangreiches Nachmittagsangebot aufgebaut“, erklärt dazu Aachens Schuldezernentin Susanne Schwier. Differenzierter Unterricht, neue Arbeitsgemeinschaften, Förderangebote und ein massiver Ausbau der Mensen für die Mittagsverpflegung: All das und mehr habe viel Platz verbraucht. „Und alle Schulen haben erklärt, dass sie auch nach der Rückkehr zu G9 beim Übermittagsbetrieb und den Angeboten am Nachmittag bleiben wollen“, sagt Schwier.

60 Prozent der Aachener Kinder wechseln nach der Grundschule auf ein Gymnasium. Damit liegt Aachen bei der Gymnasialquote weit über dem NRW-Schnitt. Durch G9 werden nach Prognosen der Verwaltung allein an den acht städtischen Gymnasien rund 900 Kinder zusätzlich erwartet; an den privaten Gymnasien weitere 300. Die wichtigste Aussage der beauftragten Gutachter vom Bonner Büro „biregio“ vor diesem Hintergrund: Auch angesichts dieser Zahlen und der Annahme, dass die Schülerzahlen in der Stadt weiter leicht steigen werden, muss und sollte Aachen kein neues Gymnasium bauen. Zu bewältigen sind die Ströme nach Überzeugung der Gutachter vielmehr mit den vorhandenen Gymnasien. Dazu müsse aber an mehreren Stellschrauben gedreht werden.

„Wir rüsten baulich nach“, kündigt Heinrich Brötz, Leiter des städtischen Fachbereichs Kinder, Jugend und Schule, an. Die Experten aus Bonn haben an jeder Schule das grundsätzliche Ausbaupotenzial betrachtet. Wo kann man aufstocken? Wo ist Platz für einen Anbau? Wo können vorhandene Räume anders genutzt werden? Und wo gibt es in der Nachbarschaft Gebäude, die ein Gymnasium (mit-)nutzen kann? „Eng ist es generell in den Innenstadtschulen“, sagt Brötz. „Da kann man nicht einfach einen Flügel dransetzen. Aber auch dort gibt es Ausbaupotenzial.“

Zügigkeit nicht absenken

Das Ausbaupotenzial der Schulen wiederum wirkt sich direkt auf die Zügigkeit, also die Zahl der Klassen pro Jahrgang, aus. Nur Schulen, die Platz haben, können einigermaßen problemlos wachsen, um die zusätzlichen Jahrgänge aufzunehmen. „Wir werden an keinem Gymnasium die Zügigkeit absenken müssen“, betont Brötz. Schulen, die bisher in manchen Jahren einen Zug mehr und in anderen einen Zug weniger hatten, würden künftig aber aus Platzmangel wohl eher „an der unteren Kante“ fahren. „Wir wollen, dass die Schulen zumindest bei ihrer jetzigen Zügigkeit bleiben können“, versichert auch Susanne Schwier.

Und letztlich wird auch betrachtet werden, in welchem Maße auswärtige Schüler künftig im Aachener G9-System zum Zuge kommen. Nach Angaben der Verwaltung wechseln jedes Jahr rund 180 Kinder auf ein Aachener Gymnasium, die in der Stadt keine Wohnadresse haben. Die Aufnahme auswärtiger Schüler, schlagen die Gutachter vor, solle in Absprache mit benachbarten Schulträgern hinterfragt werden. Die Stadt will schon jetzt mit den Nachbarkommunen ins Gespräch kommen, auch um einen Überblick über Kapazitäten außer-
halb der Stadtgrenzen zu haben.

Nach dem Grundsatzbeschluss im Schulausschuss ist nun das städtische Gebäudemanagement gefragt. Denn für die Vorschläge der Gutachter und Schulleiter muss eine bautechnische Machbarkeitsprüfung her. Erste Ergebnisse werden im Frühjahr 2020 erwartet. „Und dann müssen wir schnell in die Umsetzung kommen“, sagt die Dezernentin.

Was die Rückkehr zu G9 unter dem Strich kosten wird, dazu gibt es derzeit noch keinerlei Zahlen. Die Kosten für die Umstellung will das Land NRW den Kommunen erstatten. Gleichwohl geht Susanne Schwier davon aus, dass auch von den Kommunen ein Eigenanteil gefordert wird. „Wir ertüchtigen mit den Maßnahmen ja auch unsere Immobilien.“

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