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Aachen: Für Dominik Wagner wäre eine Wohnung „Heimat“

Aachen : Für Dominik Wagner wäre eine Wohnung „Heimat“

Ich hatte Momente, in denen dachte ich, das packe ich einfach nicht mehr.“ Dominik Wagner schaut konzentriert auf die Limonadenflasche in seiner Hand. Er knibbelt am Etikett. Der 27-Jährige ist seit vielen Jahren wohnungslos. Und damit ist er nicht alleine. Immer mehr junge Menschen geraten in Notlagen, aus denen sie ohne fremde Unterstützung nicht mehr herauskommen. Einige von ihnen sind noch nicht einmal volljährig.

„Oft fehlt den Betroffenen ein Netzwerk, das sie auffangen könnte“, erklärt Simone Holzapfel. Die Leiterin der Aachener Notschlafstelle Café Plattform und des Übergangswohnheims Don-Bosco-Haus begleitet Dominik schon seit sieben Jahren. 2010 kam er das erste Mal ins Café Plattform. Da hatte er gerade eine eineinhalbjährige Jugendstrafe verbüßt. Über diese Zeit möchte er aber lieber nicht reden. „Ich habe halt Mist gebaut“, sagt er nur und streicht sich durch sein dunkelblondes Haar.

Er hat schon an vielen Orten geschlafen, wie zum Beispiel in dem Holzhäuschen auf dem Aachener Lousberg. Foto: Janina Zillekens

Dominik lebte mehrere Monate auf der Straße. „Ich habe an vielen Orten gewohnt“, erinnert er sich und lächelt bitter. Seine erste Station ist der Hinterhof eines in der Innenstadt gelegenen Restaurants. Ein paar blaue und orangene Transportkisten, ein Müllcontainer, ein an der Wand befestigter Aschenbecher. „Die Angestellten rauchen hier in den Pausen“, sagt Dominik. „Ich habe damals den Tabak aus den Resten gesammelt, um mir selbst Zigaretten zu drehen.“ Der Schlafplatz befindet sich in einem Abgang am Ende einer nassen, steinernen Treppe. Warme Luft strömt aus dem zwei Quadratmeter großen Heizungsraum, so dass es hier bei niedrigen Temperaturen erträglich ist. „Damals ließen die Angestellten uns hier schlafen. Heute ist der Raum vergittert. Jetzt werden wir auch hier ausgeschlossen.“

Ein tägliches Frühstück

Wer auf der Straße lebt, weiß, wie es ist, zurückgewiesen zu werden. „Man tut so, als wären Obdachlose fremde Wesen. Fast so, als wären sie gar keine Menschen“, kritisiert Dominik. Diesem Verlorenheitsgefühl versucht Ordensschwester Veronika gezielt entgegenzuwirken. Die Franziska-Schervier-Stube, in der sie selbst seit zwölf Jahren tätig ist, bietet Wohnungslosen in der Kleinmarschierstraße bereits seit 23 Jahren täglich ein Frühstück an. Schwester Veronika trägt ihr braunes Haar kurz, kein Ordenskleid, sondern Jeans und Pullover. Ein rotbraunes Kreuz ruht auf ihrer Brust. „Die Begegnung auf Augenhöhe ist das Wichtigste“, sagt sie. „Ich kenne viele Bedürftige mit Namen. Es tut den Menschen einfach gut, wenn sie merken, da interessiert sich jemand für mich.“

In dem schlichten Essraum stehen ein paar Stühle, Tische und ein kleines Buffet bereit. Die Bedürftigen trinken Kaffee und essen Brötchen mit Wurst oder Konfitüre. An der Wand hängt ein Kalender mit Sprüchen; „Schön, dass du da bist“ ist heute das Motto. Es sind überwiegend Männer, die hier Hilfe suchen. „Frauen können oft noch übergangsweise bei Bekannten wohnen“, weiß Schwester Veronika. Die Konditionen dieser Wohnverhältnisse sind jedoch oftmals schwierig.

Viele der Wohnungslosen, die in die Schervier-Stube kommen, schlafen im Café Plattform. „Andere wiederum kommen direkt von der Straße“, sagt die Schwester. Auch Dominik hat hier oft gefrühstückt. In Institutionen wie diesen sollen die Betroffenen lernen, sich wieder in einer sozialen Gruppe zurechtzufinden. „Die meisten, die hierherkommen, haben keine Strukturen. Sie leben völlig von der Gesellschaft abgeschottet.“

Dominik kennt diese Abgeschiedenheit nur zu gut. Ein paar Monate lang hat er sich nachts auf den Lousberg zurückgezogen. Zunächst wohnte er in einem kleinen Gartenhäuschen nahe der Salvatorkirche. Der Schuppen ist in warmen Farben gestrichen. Das Dach gelb, die Wände blau. Fenster und Türen hat er keine. Doch dort konnte er plötzlich nicht mehr bleiben. „Gartenarbeiter des Parks sagten mir, ich solle gehen.“ Also ging er. Noch weiter hoch, noch weiter weg von den Menschen.

Das Holzhäuschen auf der Spitze des Lousbergs sieht aus wie eine verlorene Bushaltestelle. „Hier habe ich zwei Monate drin geschlafen“, erinnert sich Dominik. Mit Decken hat er den Eingang abgeschirmt, so dass er ein bisschen Privatsphäre hatte. „Dann habe ich mich mit dem Schlafsack einfach auf den Boden gelegt.“ Doch auch diese Schlafstätte war nicht von Dauer. Spaziergänger riefen die Polizei, die Dominik aufforderte, den Lousberg zu verlassen.

Ausbildung im Gefängnis

Häufig liegt der Kern des Problems im sozialen Umfeld. „Junge Straffällige weisen meist erhebliche soziale Defizite auf“, weiß Stephan Schlebusch, Leiter der Sozialarbeit in der Justizvollzugsanstalt Heinsberg. Dort hat auch Dominik seine Zeit verbüßt. Während ihrer Haftstrafe können die Insassen eine Ausbildung machen oder den Schulabschluss nachholen. „Wir bieten 18 verschiedene Lehrgänge an, unter anderem zum Maurer, Metallbauer oder KFZ-Mechaniker,“ sagt Schlebusch. Jedoch nähmen nicht alle Häftlinge das Angebot in Anspruch. Die Bereitschaft und das Durchhaltevermögen, einen Lehrgang auch wirklich abzuschließen, fehle den meisten.

Als Dominik seine Strafe verbüßte, begann er eine Weiterbildung zum Maler und Lackierer. „Gegen die Langeweile“, gibt er zu. Und die ist in Institutionen wie diesen äußerst hoch.

Den Großteil des Tages verbringen die Häftlinge in ihren acht bis zehn Quadratmeter großen Zellen. Die metallenen Möbel sind an den Wänden festgeschraubt, so dass wenig Raum für Individualität bleibt. Dominik hat es nicht geschafft, die Ausbildung abzuschließen. Wieder stand er mit leeren Händen da.

Nach seiner Haftstrafe zieht Dominik ins Don-Bosco-Haus. Ein Fortschritt. Doch er hat Schwierigkeiten, sich zu integrieren. Drogen und falsche Freunde tun den Rest. „Ich habe Gras geraucht und Pepp genommen. Das hat mich sehr verändert, und ich habe wieder Mist gebaut.“

Gewalt, Diebstahl, Drogen. Die Liste der Straftaten, die von jungen Menschen begangen wird, ist lang. Oftmals bleibt es nicht bei einem Vergehen. „Die Rückfallquote bei jungen Straffälligen liegt bei 38 Prozent,“ sagt Schlebusch. Zudem erlangen viele aufgrund ihrer Lebensumstände meist keinen oder nur einen niedrigen Bildungsabschluss. Das führt häufig in die Arbeitslosigkeit. Ohne Arbeit kein Geld. Ohne Geld keine Bleibe. Und ohne Bleibe keine Arbeit. Ein Teufelskreis.

Familie ist Tabuthema

Um die Ausdünnung des Beziehungsnetzwerkes zu verhindern und die Chancen auf eine Rehabilitation zu erhöhen, werden bei jungen Kriminellen nur im Ernstfall lange Haftstrafen verhängt. „Das Gefängnis muss die Ultima Ratio bleiben,“ so Schlebusch.

Wohnungslosen fehlt häufig ein Netzwerk aus freundschaftlichen und familiären Beziehungen. Auch Dominik spricht nur ungern über seine Familie. „Mit sieben Jahren haben meine Eltern mich in eine Pflegefamilie gegeben. Von da aus kam ich in die nächste, mit elf dann in ein Heim.“ Der Schmerz sitzt tief. „Meine leiblichen Eltern haben versagt“, glaubt Dominik. „Ich hatte selbst nie eine Stimme. Über mich haben immer andere entschieden.“

Heute trifft Dominik Wagner seine Entscheidungen selbst. Drogen nimmt er keine mehr. „Vor zwei Monaten habe ich auch aufgehört zu rauchen“, erzählt er stolz. In seinem Hilfeplan, den er im Don-Bosco-Haus gemeinsam mit seinem Sozialarbeiter ausgearbeitet hat, setzt er sich Ziele für die Zukunft.

Im nächsten Jahr will er sich einen Job suchen. „Draußen“, wie er die Welt außerhalb des Don-Bosco-Hauses nennt. Und dann, vielleicht, mietet er sich eines Tages eine Wohnung. „Denn Heimat“, so überlegt er, „ist für mich da, wo ich mich wohlfühle. Eine eigene Wohnung, ja, das wäre Heimat für mich.“