Aachen: Fritz Bock gibt die Geschäftsführung des Weltladens ab

Aachen : Fritz Bock gibt die Geschäftsführung des Weltladens ab

In den 1980er Jahren wollte Fritz Bock möglichst weit weg — weg von der Bedrohung durch die Neustationierung von Pershing-Raketen, weg von seiner Familie, die genau wusste, was seine Zukunft bringen sollte: Übernahme der elterlichen Farbenfabrik. Da wurde er lieber Zuckerrohrbauer in Paraguay und anschließend Geschäftsführer des Aachener Weltladens.

Den hat er jetzt verlassen und wirft zusammen mit AZ-Mitarbeiterin Rauke Xenia Bornefeld noch einmal einen Blick zurück.

Haben Sie ein Lieblingsprodukt im Weltladen?

Fritz Bock: Kaffee! Kaffee aus Guatemala. Der ist einfach zu lecker. Seit 2007 haben wir auch Kaffee im Ausschank. Jetzt arbeiten wir gerade daran, die elenden Einwegbecher abzuschaffen. Schon jetzt müssen die Kunden diese Becher kaufen, und wir bieten Bambus-Mehrwegbecher an.

Ein ganz anderes Thema: Sie entstammen der Familie Farben-Bock. Als junger Mann sind Sie nach Südamerika ausgewandert. Warum?

Bock: Schon als kleines Kind hatte ich ein Faible für die Landwirtschaft. Eigentlich wollte ich auch in diese berufliche Richtung gehen, musste aber eine Ausbildung machen, die den Familienplanungen entsprach: Abitur, Betriebswirtschaftsstudium, Eintritt in den elterlichen Betrieb. Ich habe mich dem gefügt, aber es hat mir keine Freude gemacht. Als ich die Möglichkeit bekam auszuwandern, habe ich sie beim Schopf gegriffen.

In welchem Land haben Sie gelebt?

Bock: Paraguay.

Wie ist es dazu gekommen?

Bock: Von 1981 an bin ich immer mal wieder durch Lateinamerika gereist. Irgendwie hatte ich eine Beziehung zu den Menschen, den Kulturen, zu der Sprache.

Was haben Ihre Eltern gesagt?

Bock: Sie waren entsetzt. Das war nicht geplant. Ich sollte ja den elterlichen Betrieb übernehmen. Und dann dieses Land, mit einer Diktatur. Ich konnte sie nicht überzeugen, meine Pläne, mein Bedürfnis aus der Aachener Enge herauszukommen, gutzuheißen. Man bedenke die Zeit: Anfang der 1980er Jahre mit Aufrüstung und drohendem Atomkrieg wollte ich gern weg.

Ist eine Diktatur besser?

Bock: In dem Moment war das für mich tatsächlich das geringere Übel. Ich war natürlich hoffnungslos naiv. Ich dachte, es wäre schon alles nicht so schlimm. Und hier hatte ich eine katholisch-konservative Familie im Nacken, die streng auf das Einhalten der Regeln bestand. Ich wollte einfach raus und möglichst weit weg.

Was haben Sie in Paraguay gemacht?

Bock: Ich habe mit Milchkühen angefangen. Zwischen meinem sechsten und 15. Lebensjahr habe ich alle Schulferien quasi auf einem Eifeler Bauernhof mit Milchkühen gegenüber dem Ferienhaus der Familie verbracht. So habe ich also mit dem angefangen, was ich kannte. Aber in Paraguay hatte ich immer das Gefühl oder die Gewissheit, übers Ohr gehauen zu werden — vom Tierarzt, vom Kraftfutterlieferant, von meinen Mitarbeitern, die unsere Milch wie früher hier der Milchmann an Haushalte auslieferten. So hatte ich ständig ein Gefühl der Unzufriedenheit. Also habe ich mit meiner Frau beschlossen, dass wir den ganzen Klüngel verkaufen.

Wie ging es weiter?

Bock: Ich bin dann auf Zuckerrohranbau umgestiegen. Ich wollte etwas machen, wo ich immer wusste, welcher Schritt gemacht werden musste. Etliche Monate bin ich zunächst zu Landwirten, Agraringenieuren und Eigentümern von Zuckerfabriken gereist, um mich zu informieren. Dann habe ich mit dem biologischen Anbau von Zuckerrohr angefangen — als hier noch kein Mensch über Ökolandbau sprach. Ich wollte aber auf jeden Fall auf Unkrautvernichtungsmittel und chemischen Dünger verzichten.

Von einer intensiven Milchwirtschaft zum Biolandbau vor den meisten anderen — wie kommt man auf diese Idee?

Bock: Ich hatte ja auch mit vielen Kleinbauern gesprochen. Für die waren Herbizide schon aus Kostengründen kein Thema. Sie hatten einen Weg gefunden, maschinell dem Unkrautdruck zu begegnen. Und schon als Milchbauer hatte ich schlechte Erfahrung mit aggressiven Mitteln gegen Schädlinge gemacht. Meine Mitarbeiter waren nach Spritzaktionen gegen Zecken immer krank, wenn sie entgegen meinen Anweisungen keine Atemschutzmasken getragen hatten. Ich wollte kein Gift mehr auf dem Hof haben.

Blieb die Frage des Düngens…

Bock: Eher zufällig habe ich einen anderen Weg gefunden, die Pflanzen mit Nährstoffen zu versorgen. Meine Frau hatte mich beauftragt, auf dem Rückweg aus der Stadt an einer Seifenfabrik vorbeizufahren. Als ich da ankam, war ich gefangen von dem Duft, der von den Schalen der kleinen Kokosnüsse ausging. Die murmelgroßen Nüsse waren die Produktionsbasis. Die Schalen aber konnten von den Seifenproduzenten nicht verwertet werden. Sie rochen wie purer Humus. Ich fragte die Frau des Inhabers, was sie denn mit den Schalen anfangen würden. Ihre Antwort: „Sie können alles haben. Wir wissen nicht mehr, wohin damit.“ Ich habe ihr dann erst mal eine Lkw-Ladung abgenommen. Die habe ich testweise zwischen die Reihen von Elefantengras geschüttet. Die Pflanzen waren noch von der Milchwirtschaft übrig, aber ungepflegt und halb verdorrt. Nach fünf, sechs Wochen und ein bisschen Regen entwickelte das Elefantengras dunkelgrüne, saftige Triebe. Da hatte ich meinen Dünger gefunden — extrem kostengünstig, weil ich nur den Transport bezahlen musste.

Allein Kokosnussschalen?

Bock: Nein, die mussten noch ergänzt werden: Hühnermist, Tierhaare, Knochenmehl. Das habe ich mir bei verschiedenen Fabriken geholt. Für die war das immer Abfall. Dann haben wir verschiedene Düngemischungen hergestellt, in den Boden eingearbeitet und anschließend Zuckerrohr gepflanzt. So habe ich die richtige Mischung herausgefunden. Gleich die erste Ernte hatte ein hervorragendes Ergebnis — das Doppelte vom Landesdurchschnitt, obwohl die Pflanzen noch nicht im ersten Jahr den größten Ertrag abwerfen. Gemessen an meinem „Vorgarten“ lief es wirklich gut, auch weil sich die Preise damals daran orientierten, was auch Kleinbauern schaffen können.

Wie kam das bei den Nachbarn an?

Bock: Die waren natürlich sehr interessiert. So wuchs ich in die Gemeinschaft der Zuckerrohrbauern hinein, arbeitete ehrenamtlich in unserer Vertretung, war an den Preisverhandlungen mit der Industrie beteiligt. So habe ich die Nöte, Sorgen und Probleme der Kleinbauern hautnah erlebt.

War das auch der Grund, warum Sie sich nach Ihrer Rückkehr nach Aachen für den fairen Handel stark gemacht haben?

Bock: Nach elf Jahren in Paraguay stand ich hier wirklich wieder ganz am Anfang. Die ganze digitale Entwicklung hatte ich gar nicht mitbekommen. In jedem Geschäft stand plötzlich ein Computer. Ich musste also erst mal sehr viel lernen, um beruflich wieder Anschluss zu finden. Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht, als ich mich zur Rückkehr entschloss. Meine ältere Schwester ermutigte mich, mich erst einmal ehrenamtlich zu engagieren.

Zwei Tage später stand ich hinter der Theke des Weltladens. Meine betriebswirtschaftlichen Kenntnisse hatte ich nicht ganz vergessen. So ergab es sich, dass ich 1996 die Geschäftsführung übernahm. Zu den Produzenten konnte ich einen guten Draht aufbauen, weil ich ihre Sorgen und Nöte teilweise am eigenen Leib erfahren habe. So haben sie mich gebeten, ihre Interessen bei Fair Trade Deutschland zu vertreten. Das habe ich von 2000 bis 2008 im Vorstand gemacht.

Wie hat sich der faire Handel in der Rückschau entwickelt?

Bock: Anfang 2000 liefen die Produzenten noch in selbstgemachten Sandalen aus alten Autoreifen herum. Sie hatten keine Schulbildung. Ihre Kinder gehen heute studieren. Ihre Eltern können das bezahlen, weil sie mit dem Fairen Handel zusammenarbeiten. Aber noch zu viele können nicht von dieser Kooperation profitieren, weil die Absatzmöglichkeiten noch nicht groß genug sind.

Welche Rolle kann dann ein doch relativ kleiner Weltladen spielen?

Bock: Wir leisten einen erheblichen Beitrag dazu, Menschen zu überzeugen, fair gehandelte Produkte zu kaufen. Das haben wir über Jahre bewiesen. Als ich hier angefangen habe, machte der Weltladen einen Umsatz von 30.000 D-Mark im Jahr mit einer Palette von 130 verschiedenen Produkten. Heute sind wir bei 180.000 Euro und 1500 Produkten. Wir gehen zudem oft in Schulen und erzählen den Jugendlichen, was sie durch ihr Verhalten hier in Lateinamerika oder Afrika verändern können — allein durch den Kauf einer fair gehandelten Schokolade statt zweier konventionell hergestellter Tafeln.

Das hat eine durchgehende Wirkung bis zum Erzeuger. Auch Produzenten nehmen wir zu diesen Besuchen mit. An vielen Schulen gibt es mittlerweile Fairhandel-Arbeitsgemeinschaften, die Snackautomaten mit fair gehandelten Produkten betreuen, aber auch wieder bei Elternsprechtagen und Tagen der offenen Tür über fairen Handel informieren. Diese Saat geht ganz erfreulich auf.

Wie steht es denn mit der Qualität Ihrer Produkte?

Bock: Zugegeben: Der erste Kaffee aus Nicaragua, der über die Weltläden vertrieben wurde, wurde in Aachen die Dröhnung genannt. Der war miserabel schlecht geröstet und wurde nur aus Solidarität gekauft. Heute werden die Produkte zwar auch noch aus Solidarität gekauft, aber vor allem weil sie lecker sind und eine hohe Qualität haben. 75 Prozent unserer Lebensmittel-Produkte kommen aus biologischem Anbau.

Wie stehen Sie zum Vertrieb von fair gehandelten Produkten im Supermarkt und Discountern?

Bock: Ich persönlich denke, dass diese Produkte in so vielen Verkaufsstellen wie möglich angeboten werden sollen. Dadurch kann man mehr Leute darauf aufmerksam machen — auch weil sie manchmal durch Werbemaßnahmen besonders in den Fokus gerückt werden. Das können wir selbst nicht leisten. Ich habe 2006 im Vorstand von Fair Trade Deutschland sehr aktiv dafür gekämpft, mit Lidl den ersten Versuch zu starten. Auch Discounter müssen genauso wie alle anderen festgelegte Mindestpreise zahlen.

Gerade Discounter sind sehr preisaggressiv, wenn es um heimische Produzenten geht.

Bock: Wir sind als Fairer Handel leider tatsächlich noch nicht so weit, dass wir produktdeckend in Deutschland fairen Handel betreiben können. Dafür gibt es noch keine Kriterien. Die Problematik ist uns sehr bewusst, denn die Nöte, die die kleinen Kaffeebauern in Afrika oder Lateinamerika haben, sind die gleichen, die hier die kleinen Milchbauern haben. Dennoch kann man nicht einfach die gleichen Kriterien übernehmen. Außerdem muss ein Kontrollsystem aufgebaut werden. Es gibt jetzt erste Versuche der „gepa“ und einer Molkerei in Süddeutschland, fairen Handel mit Milch auf die Beine zu stellen. Die sind aber noch Vorreiter.

Provokant gefragt: Kann der deutsche Konsument nur freundlich zu bolivianischen Hochlandbauern sein?

Bock: Ja, das ist schon verrückt. Wir könnten leicht anfangen, uns heimischen Bauern gegenüber fair zu verhalten. Ein Beispiel: Unsere Spezialität ist Kaffee, wir haben 30 verschiedene Sorten. Und wir beziehen seit einem halben Jahr faire Milch aus Eupen für unseren Kaffeeausschank. Die steht sichtbar für alle Kunden da, die das auch schon positiv wahrgenommen haben. Aber niemand hat bisher gefragt, ob er auch diese Milch bei uns kaufen kann. Ich würde sie gern in unser Sortiment aufnehmen, aber ohne Nachfrage ist das schwierig.

Jetzt gehen Sie in den Ruhestand. optimistisch oder desillusioniert?

Bock: Optimistisch! Ich gebe den Weltladen in gute Hände. Und ich sehe noch viel Potenzial, fairen Handel wachsen zu lassen — nicht nur in der Dimension Süd-Nord, sondern auch Nord-Nord. Und persönlich habe ich keine Sorge, dass mir langweilig wird. Ich werde auf dem Hobby-Biobauernhof meiner Schwester mithelfen. Darauf freue ich mich sehr. Und ab und an werde ich auch hier noch ehrenamtlich aushelfen.

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