Aachen: Freundeskreis botanischer Garten will für Natur sensibilisieren

Aachen: Freundeskreis botanischer Garten will für Natur sensibilisieren

Jeden Donnerstag gibt der Freundeskreis Botanischer Garten Aachen auf der Service-Seite der Aachener Zeitung nützliche Tipps (siehe Seite 16) . Er kümmert sich aber auch um zwei große Gärten, einen ganz normalen und den Karlsgarten, wo die Pflanzen genau nach den Vorschriften Karls des Großen angebaut sind.

Hinzu kommt noch eine große Wiese mit Teich, auf der 250 seltene Obstbäume stehen. In diesen Tagen gehen viele Gartenfreunde wieder in den Garten. Im Rheinland gibt es eine alte Bauernweisheit, die sagt: An Gertrud macht man das Gartentörchen auf. Gertrud ist am 17. März. Franz-Josef Antwerpes hat sich mit Karl-Josef Strank, Astrid von Reis, Ruth Gestrich-Schmitz und Thomas Essing vom Freundeskreis Botanischer Garten getroffen.

Wann ist der Botanische Garten entstanden?

Strank: Entstanden ist der Garten der RWTH schon Ende des 19. Jahrhunderts. Damals diente er der Pharmazeutenausbildung. Die Pharmazeuten gingen später nach Bonn. Dann wurde der Garten im Zuge der Erweiterung der Hochschule Ende der 60er Jahre vergrößert und verlegt. Der Freundeskreis Botanischer Garten ist erst 1985 gegründet worden.

War denn der Garten in der Zwischenzeit verwildert und wurde nicht mehr gepflegt?

Strank: Nein, der Garten war aber vom Platz her sehr beschränkt. Der war an der Melatener Straße untergebracht. Bei der großen Erweiterung der RWTH in Seffent/Melaten wollte man ursprünglich einen 40 Hektar großen Garten anlegen. Daraus ist aber nichts geworden. Der Freundeskreis hat dann aber Druck gemacht, dass zumindest der alte Garten verlagert wurde.

Hatte die RWTH denn überhaupt Interesse an einen botanischen Garten? Maschinenbauer werden dafür ja nicht ausgebildet.

Strank: Im Prinzip ja — aber mal mehr, mal weniger. Uns kommt heute zur Hilfe, dass die Biologie in direkte Nähe zum jetzigen Garten verlagert wurde.

Wer pflegt den Garten?

Strank: Das machen Ehrenamtliche aus dem Freundeskreis, und wir haben auch Unterstützung vom Job-Center, das uns Langzeitarbeitslose vermittelt. Die sorgen auch für die Grundpflege über die Woche.

Wem gehört das Gelände?

Strank: Das Gelände gehört dem Land Nordrhein-Westfalen und wird von der RWTH verwaltet. Der Freundeskreis hat die Flächen im Rabental gepachtet.

Wie groß ist der Freundeskreis?

Strank: Gegenwärtig haben wir etwa 450 Mitglieder.

Wie viele Mitglieder sind aktiv?

Strank: Das sind natürlich erheblich weniger. Zwischen 20 und 25 Mitglieder arbeiten regelmäßig mit.

Was kostet eine Mitgliedschaft?

Strank: Der Beitrag ist nicht sehr hoch. Studierende und Rentner zahlen zehn Euro im Jahr. Der normale Satz ist 20 Euro, für Familien 30 Euro.

Was erklären Sie den Leuten auf den Serviceseiten der Tageszeitung?

von Reis: Der Titel heißt ja Naturbeobachter in der Region. Wir suchen uns immer Pflanzen oder Tiere aus, von denen wir meinen, das könnte die Leute interessieren. Wir haben z. B. über Wespen geschrieben und darüber, dass so viele Leute ohne Grund Angst vor ihnen haben. Wir schreiben auch über Pflanzen und geben Tipps für die Gartenpflege.

Geben Sie auch schon mal missverständliche Ratschläge? Wie sind die Rückmeldungen?

Strank: Die Leser fragen interessiert nach Details und schreiben: „Das kann ich aber nicht glauben.“ Es hat sich aber noch keiner gemeldet und gesagt, wir hätten da völligen Quatsch geschrieben.

Herr Essing, Sie sind Landschaftsplaner im Verein. Was geben Sie den Leuten für Tipps zur Gartengestaltung, damit sie nicht in einer Wüste leben oder Pflanzen falsch zueinander setzen?

Essing: Gartengestaltung hat etwas mit Kunst zu tun. Die Leute wollen sich auch in ihrem Garten verwirklichen. Wir geben Tipps, wie man den Garten gestaltet. Und wenn die Leute sagen „aber meine Mutter oder die Oma haben das ganz anders gemacht“, sagen wir, dass können Sie auch wie Oma machen, aber das hat die oder die Konsequenz. Um ein Beispiel zu nennen: Die Forsythien werden überall falsch geschnitten. Die sollen eigentlich von unten neue Triebe bilden und auf der ganzen Länge blühen. Die meisten schneiden aber nur oben ein bisschen ab und wundern sich, dass unten keine Blüten kommen.

Ich bin auch Hobby-Gärtner und weiß, dass sich viele meiner Kollegen scheuen, Sträucher richtig schön zurückzuschneiden. Ich scheue mich auch. Ich habe deshalb einen Gärtner kommen lassen, der mir zeigte, wie man ordentlich kürzt. Dann bin ich selber tätig geworden und habe um die Wette geschnitten. Da sagte der Gärtner, dass können sie diesem Strauch nicht antun. Seitdem macht übernimmt er den Schnitt.

Strank: Das Problem stellt sich auch bei den Obstbäumen. Die lässt man nach oben wachsen und wundert sich, dass man so umständlich an die Früchte kommt. Man muss auch mal einen dicken Ast kappen, damit der Baum mehr in die Breite wächst. Wir zeigen den Leuten hier auf unserer Streuobstwiese, wie man das richtig macht und dann glauben sie das auch.

Ich habe auch mal Wandertipps auf Ihrer Service-Seite gelesen. Machen Sie da dem Eifelverein Konkurrenz?

Strank: Nein, die Tipps sind immer mit Naturerkundung verbunden. Im Frühjahr zum Beispiel wird eine Wanderung zu Bärlauch-Stellen empfohlen oder zu Narzissen-Wiesen. Diese Tipps haben immer einen Bezug zur Region.

Gestrich-Schmitz: Wir arbeiten hier auch mit Kindergärten und Schulklassen. Wir wollen sie für die Natur sensibilisieren. Viele Kinder heutzutage haben nur noch Stöpsel in den Ohren. Die sehen und hören nichts mehr und sind nur noch am „simsen“. Ich habe selber vier Kinder und weiß, wovon ich spreche. Unsere Kolumne heißt auch deshalb bewusst „Mit allen Sinnen“.

Was ist mit dem Projekt „Europom“?

Strank: Europom haben wir mit Partnern aus den Niederlanden und Belgien realisiert. Mit Mitteln aus dem Interreg-Programm der EU sollten alte Obstsorten neu gepflanzt werden. Wir haben daraufhin hier auf der Rabenteil-Wiese 250 Obstsorten gepflanzt.

Was machen Sie denn mit dem ganzen Obst, wenn die Bäume mal groß geworden sind?

Strank: Wir wollen das Obst verarbeiten — etwa Apfelsaft pressen. Wir haben die Idee, hier auf Gut Melaten ein Lehr- und Lernlabor einzurichten, wo Schulklassen hinkommen und wir den Jugendlichen erklären, wie das Obst vom Baum bis zur Verarbeitung behandelt wird.

Bei der Arbeit in den Gärten haben Sie wie gesagt auch Unterstützung durch Arbeitskräfte, die das Jobcenter zur Verfügung stellt. Wie viele sind das?

Strank: Das sind jetzt vier Leute. Wir haben aber auch die Unterstützung der Stadt Aachen und der Städteregion. Darüber sind wir sehr froh. Aktuell arbeiten wir zusammen mit dem Sozialwerk Aachener Christen an einem Programm, Langzeitarbeitslose in der Garten- und Landschaftspflege zu qualifizieren, die dann z. B. im Gelände an Gut Melaten oder auf dem Lousberg eingesetzt werden.

Wer erntet die Produkte, die Sie im Garten haben?

Gestrich-Schmitz: Die ernten die aktiven Mitglieder des Freundeskreises. Leider ernten auch andere. Die steigen über den Zaun des Bauerngartens und gehen klammheimlich in den Karlsgarten, rupfen da den Rosmarin raus oder nehmen die Kürbisse und den Kohl mit. Wenn man dann eine Führung mit Kindern macht und will denen die Früchte zeigen, ist es sehr ärgerlich, wenn sie gestohlen wurden.

Wenn die Diebe diese Zeilen lesen, sollten sie Reue zeigen, ihre Tat nicht wiederholen und dem Freundeskreis Botanischer Garten Aachen beitreten. Ich danke für das Gespräch.

Franz-Josef Antwerpes war von 1978 bis 1999 Regierungspräsident in Köln. Für unsere Zeitung trifft er in lockerer Folge bekannte und interessante Persönlichkeiten.

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