Aachen: Freitreppe am Rathaus: Die Kuh ist vom Eis

Aachen: Freitreppe am Rathaus: Die Kuh ist vom Eis

Professor Dr. Uwe Meiendresch sprach von einer „Win-Win-Situation”. Weil das Glas aber je nach Sichtweise eben manchmal halb voll oder halb leer ist, hätte er auch von einer „Loose-Loose-Situation” sprechen können.

Denn so richtig strahlen wollte im Landgericht am Ende keine der Parteien. Unter Richter Meiendreschs Vorsitz kam es dort vor der 12. Zivilkammer zu einem ungewöhnlichen wie heiklen Verfahren. Unter dem Strich stand nicht weniger auf dem Spiel als der Bau der neuen Freitreppe am Katschhof - oder wahlweise die Existenz des Ratskellers.

Dessen Betreiber Maurice de Boer zog juristisch gegen die Stadt zu Felde - und hatte bereits eine einstweilige Verfügung gegen den Baustart erwirkt. De Boer sah durch die Bauphase im Sommer, aber auch durch die künftige Verkleinerung seiner Terrasse ein wirtschaftliches Fiasko heraufziehen. Am Dienstag nun sollte das Gericht urteilen.

Sollte. Denn quasi in letzter Minute wurde die Kuh vom Eis geholt. Und auch das auf recht ungewöhnlichem Wege. Im Zimmer des Oberbürgermeisters - über dem Traditionsrestaurant - hatte man sich außergerichtlich zusammengesetzt, um zu verhandeln. Die Bedeutung des Themas verdeutlicht die Besetzung: Die Stadt schickte unter anderem OB Marcel Philipp selber, Kämmerin Annekathrin Grehling und Planungsdezernentin Gisela Nacken sowie Rechtsanwalt Hans Werner Euskirchen in den Ring, Maurice de Boer hielt unter anderem mit seinem Anwalt Carlo Soiron dagegen.

Mehrere Stunden wurde gerungen - in erster Linie ums Geld. Denn Maurice de Boer sah durch den Bau der - in der Bevölkerung umstrittenen - neuen Freitreppe sein Restaurant massiv gefährdet. Nebenbei fühlte er sich umgangen, habe doch mit ihm als Betroffenem niemand so richtig das Gespräch gesucht. Letztlich kam man zu einem Kompromiss: Die Stadt baut die Treppe, dafür muss der Gastronom weniger Pacht bezahlen. Über die Details wurde Stillschweigen vereinbart. Mit dieser Lösung ging es in den Gerichtssaal.

Richter Uwe Meiendresch bezeichnete den Fall als „spannende Geschichte”. Wobei es juristisch nicht darum gehe, ob diese Treppe nun hübsch oder hässlich ist, sondern um die Frage, wessen Interesse hier höher zu bewerten ist - das der Stadt als Eigentümerin des Rathauses mit ihrer prominenten Baumaßnahme oder das wirtschaftliche Interesse des Pächters. Aber: „Wo kein Kläger, da kein Richter”, zitierte Meiendresch letztlich die alte Weisheit. Nach dem Kompromiss war der Kläger nicht mehr vorhanden. Der Vorsitzende Richter bezeichnete den Vergleich als „gute Lösung”, eben als besagte „Win-Win-Situation”. Faktisch verliert die Stadt allerdings langfristig viel Geld und der Ratskeller dauerhaft ein ganzes Stück seiner Außengastronomie.

Am 14. Juni wird Maurice de Boer die Terrasse der Stadt übergeben, auf dass dann die Bautrupps anrücken können. Sollte der Vergleich doch noch platzen, dann wird die Zivilkammer am 12. Juli ein Urteil verkünden. Dann würde es tatsächlich einen „Winner” geben - und einen „Loser”.

Für die Stawag müsste nur kleiner Treppen-Teil weg

Als Begründung, warum es eine neue Treppe geben wird, ist bisher auch angeführt worden, dass die bisherige Treppenanlage wegen einer Kanalerneuerung der Stawag ohnehin abgerissen werden müsse. Das allerdings stimmt so nicht.

Auf AZ-Anfrage erklärte Stawag-Sprecherin Eva Wussing am Dienstag, dass der Kanal nur unter einem kleinen Teil der Treppe - an der Seite zum Verwaltungsgebäude hin - liegt. Bei der anstehenden Kanalsanierung wird dementsprechend auch nur dieser kleine Teil in Mitleidenschaft gezogen.

Erneuert und ein Stück Richtung Dom verlegt wird die Fernwärmeleitung unter dem Katschhof. Diese hat mit der Treppe allerdings nichts zu tun - sie liegt davor.

Beginnen will die Stawag entweder nächste oder übernächste Woche. Der Zeitplan sei schließlich „sportlich”, so Wussing. Bis zum Weihnachtsmarkt soll der Umbau des Katschhofs inklusive Treppe fertig sein. Die Stadt bekundete am Dienstag, diesen Plan möglichst einhalten zu wollen. Aufgrund der Verzögerungen steht dahinter allerdings noch ein Fragezeichen.

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