Frauennetzwerk untersucht Probleme bei Kinderbetreuung in Aachen

Alleinerziehende in der Städteregion : Die Kita schließt, und Mama ist noch im Büro

Arbeitsleben und Familienleben passen in Aachen und in der übrigen Städteregion nicht immer zusammen. Zu diesem Ergebnis ist das Frauennetzwerk der Städteregion gekommen. Seit dem vergangenen Sommer haben die Mitglieder eines Fachausschusses viele Haushalte in der Region befragt.

Wo drückt der Schuh in Sachen Kinderbetreuung? Wo liegen die Stolpersteinchen zwischen Beginn des Arbeitstags einer Mutter in Aachen und der Öffnung der Kita oder der Grundschule, die ihre Kinder besuchen? Das wollte der Fachausschuss Forum E (Ein-Eltern-Familien) im Frauennetzwerk der Städteregion Aachen wissen. Teilgenommen haben 42 Familien. Das ist zwar längst nicht repräsentativ, vermittelt jedoch ein gewisses Stimmungsbild.

„Wir haben viele verschiedene Familien befragt, und wir haben möglichst breit gestreut“, sagt Birgitt Seifarth, Geschäftsführerin des Aachener Ortsvereins im Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV). Auch eine Telefonaktion in Kooperation mit unserer Zeitung im vergangenen Sommer war Teil dieser Befragung. Ein zentrales Fazit, das die Expertinnen ziehen: Während die Arbeitszeiten immer flexibler werden, gilt das für die Betreuungszeiten der Kinder nicht. „In der Regel arbeiten Frauen in der Region von etwa 8 bis 16 Uhr“, sagt Seifarth. Hinzu kommt eine Pendelzeit, die oft bei bis zu einer Stunde pro Strecke liegt. „Da klafft eine Lücke bei der Betreuung der Kinder“, betont sie, und gerade Schulkinder würden dann – notgedrungen – oft Zeit alleine verbringen, auch wenn sie eigentlich noch Betreuung bräuchten.

„Es ist zu befürchten, dass Eltern ihre Kinder dann vor dem Fernseher, dem Computer oder dem Smartphone ‚parken’, um den Ansprüchen ihres Arbeitgebers gerecht zu werden“, sagt Ulrike Overs von Netzanschluss, dem ökumenisch getragenen Stadtteilnetzwerk der Kirchen im Aachener Westen für Alleinerziehende. Das sei nicht nur problematisch für die Kinder, sondern setze die Eltern oft zusätzlich unter Druck, weil sie hinter ihren eigenen Erziehungsansprüchen zurückbleiben.

Besonders knifflig sei die Lage ihrer Erfahrung nach für Alleinerziehende, die sich mit dem Ex-Partner nicht gut verstehen, eventuelle Schwierigkeiten bei der Kinderbetreuung nicht eingestehen wollen und auch nicht auf Großeltern zurückgreifen können, weil sie in einer anderen Stadt wohnen, sagt Kay Hohmann, Geschäftsleiterin des Qualifizierungs- und Dienstleistungsprojekts Picco Bella.

Anders als man vielleicht vermute, sei die Kinderbetreuung auch über das Grundschulalter hinaus ein Problem. Vor allem der Wechsel an eine neue Schule oder die Übergänge zwischen den Betreuungsformen seien schwierig.

All das führe wiederum dazu, dass alleinerziehende Frauen oftmals Stunden reduzieren müssen oder sich nur mit prekären Jobs und durch staatliche Unterstützung irgendwie über Wasser halten könnten. „Altersarmut ist in unseren Augen ein Frauenproblem“, so Hohmann.

Dabei handelt es sich bei der Kinderbetreuung in den Augen des Frauennetzwerks selbstverständlich nicht um ein reines Frauenthema: Auch wenn 90 Prozent der Kinder in Trennungs- und Scheidungsfällen bei den Müttern leben, leiden die Väter ebenso unter den Widrigkeiten, sagt Sabine Bausch, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Aachen. Auch das hätten die Ergebnisse der Befragung gezeigt. „Auf die Väter wird ein enormer Druck ausgeübt, sie dürfen in den Augen der Gesellschaft im Job nicht versagen“, so Bausch. Um das althergebrachte Rollenbild vom Familienversorger auf der einen und der Mutter daheim auf der anderen Seite aufzubrechen, fordert sie, dass das „Vater sein“ über das Babyalter der Kinder hinaus anerkannt werden muss. „Elternzeit ist mehr als zwei Monate Väterzeit“, betont Bausch.

Das Frauennetzwerk will die Ergebnisse den Jugendämtern in der Städteregion vorstellen, und auch an Kommunalpolitiker herantragen. „Wir wollen für das Thema sensibilisieren, damit man vielleicht in Zukunft bei der Planung von Kindergärten und Schulen an die betroffenen Eltern denkt“, sagt Ulrike Overs. Auch will man Arbeitgeber dazu animieren, sich über diese Fragestellungen Gedanken zu machen, um potenziellen Arbeitnehmern entgegenzukommen. „In Zeiten des Fachkräftemangels sind die Arbeitgeber eigentlich gezwungen, sich auf die Alleinerziehenden zu zu bewegen“, findet Birgitt Seifarth.

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