Aachen: Frau Präsidentin macht Tempo

Aachen: Frau Präsidentin macht Tempo

Gar nicht leicht, mit Ihrer Exzellenz Schritt zu halten: Karlspreisträgerin Dr. Dalia Grybauskaite drückt aufs Tempo, die Präsidentin der Republik Litauen hasst Stillstand: in der Politik, der Europäischen Union, beim Besuch in Aachen. Vielleicht hat die 57-jährige Karlspreisträgerin auch deswegen nicht nur haufenweise kaiserstädtische Printen, sondern auch einige Paare Schuhe „geshoppt“, als sie an den vergangenen beiden Tagen in protokollarischen Pausen — nur von zwei Bodyguards begleitet — durch die Einkaufsstraßen Aachens lief.

„It‘s the most beautiful city — einfach die schönste Stadt“, sagt Präsidentin Grybauskaite am Donnerstag. Das hört man gerne. So jubeln ihr nach dem gut 75-minütigen Festakt im Krönungssaal vor 700 geladenen Gästen um 12.45 Uhr unter stahlblauem Himmel mindestens noch einmal doppelt so viele Aachener und Touristen auf dem Katschhof zu.

Fasziniert von der eigenen Staatspräsidentin: Die gebürtige Litauerin Sandra heiratete in Aachen ihren Axel — und Dalia Grybauskaite gratulierte. Foto: Michael Jaspers

„Ich danke Ihnen so sehr, Sie dürfen stolz sein auf Ihre Stadt“, fügt sie hinzu — natürlich auf Englisch. Der Öcher, ganz Europäer, versteht. Es herrscht Volksfeststimmung, und es gibt viel Applaus: für die drei vormaligen Karlspreisträger — Finanzminister Wolfgang Schäuble, Ex-EZB-Präsident Jean-Claude Trichet, der ehemalige EU-Parlamentspräsident Patrick Cox —, dann für seinen amtierenden Nachfolger EP-Präsident Martin Schulz, Karlspreisdirektoriumssprecher Dr. Jürgen Linden und Oberbürgermeister Marcel Philipp. Eitel Sonnenschein, alle strahlen. Alles eine Viertelstunde früher als im minutiösen Zeitplan vorgesehen. Was soll‘s?

Der Platz ist gerappelt voll. Frau Präsidentin kommt eben auch bei hochoffiziellen Ansprachen schnell auf den Punkt. Prima. Die Dame im blauen Kostüm, deren Konterfei seit Wochen auf riesigen Postern in der City prangte und deren Namen zuvor kaum jemand kannte, lässt sich sodann am Absperrzaun herzen wie eine alte Verwandte. Von wegen unnahbar. Polizei und Sicherheitspersonal agieren dezent und entspannt entlang der abgegitterten Sicherheitszone rund ums Rathaus. Nur ein kleines Häuflein linker Demonstranten unter dem Banner „Ihr zerstört Europa“ verschlägt‘s auf den Markt — und die Sprache. Ganz still werden sie Augenzeugen, wie die große Menge rechts wie links von ihnen begeistert klatscht. Grybauskaite, die Karlspreismedaille baumelt am Hals, bleibt kurz stehen, winkt — dann weiter. Fernsehteams drehen eifrig mit, Blitzlichtgewitter. Am Abend um 20 Uhr berichtet die Tagesschau bundesweit.

Sandra Steverding, obwohl ohne Amt und Würden, ist vorher live dabei. Sie findet das toll. Die junge Frau kommt aus Litauen, hat an der RWTH studiert, hieß bis zum 19. Februar noch Prapuolenyte. Dann heiratete sie in Aachen ihren Axel. Und deswegen dürfen beide beim Karlspreis — als personifizierte deutsch-litauische Liebe — unter den Ehrengästen Platz nehmen. „Für unsere Nation ist es einfach großartig, dass sich der Blick Europas heute Richtung Baltikum wendet“, lobt die gerade Getraute. Und lächelt; rasend stolz auf ihr kleines Land am Rande der EU, das heute dank Karlspreis im Mittelpunkt landet. Gut für internationale Beziehungen sei das, sagt sie — politisch, wirtschaftlich, persönlich.

Ihr Staatsoberhaupt Grybauskaite ist zwar unverheiratet, aber keinesfalls alleinstehend. Dafür sorgt auch die über 40-köpfige Folklore-Gruppe „Rastu pyne“, die der Karlspreisträgerin — und dem Aachener Publikum — in prächtige Trachten gehüllt litauische Lieder singt. Die Truppe hatte schon am Mittwochabend auf der Katschhofbühne ein volksmusikalisches Feuerwerk gegen den Temperatursturz gezündet. Hunderte Zuschauer konnten sich dafür schnell erwärmen, sie feierten noch bis in den Abend eine ausgelassene Party mit der sagenhaften Ska-Band „The Quicksteps“.

Apropos: Schnellen Schrittes war Grybauskaite da schon zum Gala-Dinner in die Aula Carolina unterwegs. Auch da wurde über Charme und Chuzpe der litauischen Präsidentin gesprochen, die auch im Live-Interview mit AZ-Chefredakteur Bernd Mathieu auf Geschwindigkeit setzte. „Entscheidungsprozesse in der Europäischen Union dauern zu lange“, sagt sie. „Wir Politiker müssen in Zukunft dafür sorgen, dass wir Lösungen liefern, bevor es zu spät ist. Sonst gibt man das Heft des Handelns in Krisenzeiten aus der Hand.“ Auch dieser Satz sitzt, Beifall brandet auf.

Die Präsidentin, die sich als junge Studentin in den USA den schwarzen Karate-Gürtel erkämpfte, kann durchaus austeilen. Etwa im Gespräch mit RWTH-Rektor Professor Ernst Schmachtenberg vor knapp 100 Studenten im Kármán-Auditorium. Da kritisiert sie die Rating-Agenturen, lässt zwischen den Zeilen ein etwas angespanntes Verhältnis zur Weltmacht USA durchblicken. Klare Worte, keine Umschweife, kurze Wege. Deswegen logiert Grybauskaite in Aachen in einem Stadthotel im Herzen der Altstadt statt in einer Nobelherberge am Rande. Sie kennt sich aus, hat Aachen vor ihrer Präsidentschaft oft besucht, als sie für ihr Heimatland in Brüssel stationiert war.

Letzte Station am frühen Donnerstagnachmittag: Abschlussempfang, nochmal Aula Carolina. 4800 Kanapees — etwa Tartelettes mit Lachsmousse, Riesengarnelen im Kadaifi-Teigmantel und Kalbfleisch-Bitterballen — kredenzt Quellenhof-Küchenchef Jeroen Rumpen der Festgesellschaft. Auch hier geht‘s flott zur Sache. So lässt man sich den Karlspreis genüsslich schmecken. Und Ihre Exzellenz Dalia Grybauskaite? Sie verspricht, dass sie zurück nach Aachen kommt. Ganz schnell.