Aachen: Forum zum Flächennutzungsplan: Eine „Mordsaufgabe“ für Aachen

Aachen : Forum zum Flächennutzungsplan: Eine „Mordsaufgabe“ für Aachen

Schade eigentlich, dass man so eine Stadt nicht einfach aufpumpen kann. Dann hätte Aachen im Handumdrehen mehr Fläche — und genügend Raum für Wohnen, Gewerbe, Verkehr, Freizeit und Erholung. Da aber selbst in der Wissenschaftsstadt Aachen noch keinem klugen Kopf die zündende Idee zur wundersamen Flächenvermehrung gekommen ist, gestaltet sich die Sache schwieriger.

Politik und Verwaltung, Unternehmer und Investoren, Interessenvertreter aller Art und nicht zuletzt die ganz normalen Bewohner ringen um Raum für ihre Bedürfnisse, um intelligente Lösungen bei der Suche nach einem Ausgleich der Interessen — ein oftmals mühseliger, mitunter frustrierender und nicht selten zeitraubender Prozess.

Paradebeispiel für eine boomende Branche: Streetscooter-Produktionsleiter Tobias Reil (rechts) im Talk mit AZ-Redakteur Robert Esser.

Das Bild des begrenzten Raums, den man nicht wie einen Luftballon aufblasen kann, wird an diesem Abend in den Räumen der Aachener Industrie- und Handelskammer (IHK) mehrfach bemüht. Und der Ruf nach intelligenten Lösungen ertönt oft. Die Kammer und die Aachener Zeitung haben zum Diskussionsforum „Ideen der Zukunft brauchen Fläche“ geladen, rund 130 Besucher sind gekommen, um bei der von AZ-Redakteur Robert Esser moderierten Veranstaltung mitzudiskutieren. Um den neuen Flächennutzungsplan (FNP), an dem seit vielen Jahren gefeilt wird, soll es gehen, und dabei vornehmlich um den Platzbedarf der Wirtschaft. Denn der wächst seit Jahren und wird im boomenden Aachen weiter wachsen. Und er wird wohl auch in den nächsten Jahren nicht ausreichend befriedigt werden können.

Das fürchtet jedenfalls die IHK, für die Hauptgeschäftsführer Michael F. Bayer gleich mal ein paar kräftige Pflöcke einschlägt: Der neue Flächenplan weise viel zu wenig Gewerbeflächen aus, kritisiert er. Unternehmen würden deshalb abwandern oder sich gar nicht erst ansiedeln. Die Stadt verpasse wertvolle Chancen und bleibe deutlich unter ihren Möglichkeiten. Außerdem dauere der Prozess zu lange, moniert er — weil „mehr als tausend Einwände“ gegen den Entwurf des FNP von der Verwaltung abgearbeitet werden müssten. „Wirtschaft passiert heute und wartet nicht auf die Pläne der Verwaltung“, warnt der IHK-Chef — und attestiert der Politik fehlenden Weitblick. Zu oft denke diese „kurzfristig aus der Perspektive direkt Betroffener“, wenn es um Gewerbeflächen gehe: „Ein Gesamtinteresse, das die Politik im Auge haben sollte, kommt zu kurz.“

Das und Bayers Appell, „die Fesseln zu lösen“ und „mutig“ für eine zukunftsfähige Stadtentwicklung einzutreten, kommt nicht bei jedem gut an. „Die Politik läuft nicht willfährig und beliebig hinter der Fahne her, die am lautesten flattert“, reagiert der Vorsitzende des Planungsausschusses, Harald Baal (CDU), auf Bayers Attacken und unterstreicht auch den demokratischen Wert solcher Planprozesse: „Wenn aus einer Stadt mit 250.000 Einwohnern 5000 Eingaben kommen, dann ist das bemerkenswert gut.“

Und dass solche Einwände stets dem St.-Florians-Prinzip direkter Anwohner folgten, die sich nicht die schöne Aussicht verschandeln lassen wollen, weist Dr. Georg Franz zurück. Er ist in einer Bürgerinitiative aktiv, die sich gegen Gewerbeflächen an der Beverau formiert hat — aus Gründen des Umweltschutzes, wie er sagt. Dort gebe es nur 30 Häuser, aber man habe über 3000 Unterschriften gesammelt. „Wäre es bei uns nur um die schöne Aussicht gegangen, wäre die Sache in zwei Wochen geprüft gewesen“, sagt er und appelliert: „Nehmen sie Umweltschutzbelange ernst.“

Bloß: Gewerbeflächen sind und bleiben Mangelware, jedenfalls nach den Zahlen, die Agit-Geschäftsführer Dr. Lothar Mahnke präsentiert. Da klafft zwischen Angebot und Nachfrage bis zum Jahr 2035 in Aachen eine Lücke von 90, in der Städteregion von mehr als 130 Hektar. Und speziell in Aachen sei der Anteil von Gewerbe sehr gering, betont Mahnke: „Wir haben 4000 Hektar, auf denen der Öcher wohnt, und 180 Hektar, auf denen der Öcher arbeitet.“

Zwar zweifelt mancher diese Zahlen an — etwa weil die rund 80 Hektar Campus-Flächen nicht darin enthalten seien —, doch besteht in einer Sache Konsens: Man muss „intelligente Lösungen“ finden, um bestehende Flächen besser zu nutzen — für Mahnke eine „Mordsaufgabe“. Dazu gehöre etwa, mehr in die Höhe zu bauen und mehr zu verdichten, empfiehlt der Wirtschaftsförderer.

Doch auch das wird nicht immer reichen, wie das Beispiel der Streetscooter GmbH zeigt, die unter anderem zwei Standorte in Aachen hat und ihre Produktionskapazitäten demnächst mal eben verdoppeln will. Und die viele Zulieferer hat, die am liebsten nach Aachen umsiedeln würden, wie Produktionsleiter Tobias Reil erzählt. Das Problem sei aber, dass es hier „zu viele kleinteilige Flächen“ gebe: „Für unsere Zulieferer brauchen wir deutlich größere Flächen, einen richtigen Industriepark.“

Dass das schwierig wird, dass eine „große neue Vorsorgereserve nicht in Sicht ist“, weiß auch Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp. Angesprochen auf das Streetscooter-Problem bringt er das Avantis-Areal, aber erstmals auch öffentlich Camp Hitfeld als Gewerbestandort ins Spiel, wo wie berichtet die ansiedlungshemmende Wasserschutzzone wegfallen soll. „Dort sollte man auch etwas bauen können“, sagt der OB — allerdings ohne dabei den Augustinerwald zu beeinträchtigen.

Über die Stadtgrenze blicken

Ohnehin redet Philipp Klartext. Etwa zum Neubaugebiet Richtericher Dell: „Es ärgert mich unheimlich, dass wir dort nicht vorankommen“, sagt er und fordert im Gegensatz zur großen Mehrheit der Politik, ohne Umgehungsstraße mit dem Wohnungsbau zu beginnen. Oder zur schlechten Angewohnheit mancher Investoren, Grundstücke jahrelang liegenzulassen: „Es ist ein Unding, dass auf dem Wertz-Gelände seit 20 Jahren keine Wohnung steht.“

Nicht nur hier zeigt die Debatte, dass man Gewerbeflächen nicht isoliert betrachten kann, dass immer die Faktoren Wohnen und Freizeit mitbetrachtet werden müssen. Und sie zeigt, dass man nicht an den Stadtgrenzen Halt machen sollte. Parteichef Karl Schultheis und Planungspolitiker Norbert Plum betonen für die SPD, dass für sie „interkommunale Gewerbegebiete der einzige Weg“ seien, den Bedarf zu decken. Eine Beteiligung Aachens am Gewerbeflächen-Pool der Städteregion regt Mahnke an. Und der OB betont, dass die Wirtschaftsförderung in der Region eine gemeinsame Aufgabe sei. Eigentlich kein dummer Gedanke. Denn zusammen ist man größer — ohne dass irgendjemand etwas aufpumpen muss.

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