Forschung zum Karlspreis in Aachen

Neues Buch des Historikers Christian Bremen : Karlspreis-Start aus den Trümmern heraus

Wenn der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Antonio Guterres, an Christi Himmelfahrt den Karlspreis in Empfang nimmt, ist er der 61. Preisträger. Streng genommen bekommt er allerdings die 60. Auszeichnung für Verdienste um die Einheit Europas. Denn Georg C. Marshall, nachdem der Marshall-Plan zum Wiederaufbau Europas benannt wurde, bekam 1959 gar nicht den Karlspreis, sondern die Ehrenplakette. Nicht nur das hat ein Buch des Aachener Historikers Christian Bremen herausgearbeitet.

„Er war zu krank, um noch nach Aachen reisen zu können. In den Statuten des Karlspreises stand aber, dass ein Karlspreisträger die Auszeichnung nur in Aachen bekommen kann“, sagt Christian Bremen. Es ist nur eine von vielen neuen Erkenntnissen, die der Historiker am Institut für katholische Theologie der RWTH, in 20jähriger Recherche in Archiven und durch Befragen von Zeitzeugen über die ersten zehn Jahre des Karlspreises ermittelt hat.

Kurz vorm 70-jährigen Bestehen des Preises hat er die erste kritische, wissenschaftliche Betrachtung als Buch („Die Geschichte des internationalen Karlspreises zu Aachen der Stadt Aachen – Kurt Pfeiffer und das Karlspreisdirektorium in der prägenden Phase von 1949 bis 1960“) herausgegeben.

Auf 360 Seiten betrachtet Bremen nicht in erster Linie die Preisträger. Er spürt vor allem der Motivation des Stifters, Kurt Pfeiffer, und seiner Unterstützer nach, 1949 – Aachen lag überwiegend noch in Schutt und Asche – einen internationalen Preis auszuloben, der zudem mit 5000 Mark dotiert war. Es einte sie der Wunsch nach einer Einheit Westeuropas als Gegenpol vor allem zur Großmacht Sowjetunion. Sie versprachen sich aber auch wirtschaftliche Vorteile aus der Förderung eines geeinten Europas.

Mitstreiter fand Pfeiffer schnell im großbürgerlichen Milieu von Technischer Hochschule, katholischer Kirche, Stadtverwaltung, Politik und Wirtschaft. Und abgesehen von den ersten zwei schwierigen Anfangsjahren, schwang sich der Karlspreis schnell zu einem integrativen Erfolgsmodell auf: Die Bevölkerung zog zumindest bis zur Auszeichnung von Churchill 1959 mit, das Karlspreisdirektorium konnte sich der Unterstützung bis in die höchsten Reihen der bundesdeutschen Politik sicher sein. „Der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer war ein großer Förderer des Karlspreises, denn er passte gut in seine Politik der Westintegration“, erklärt Bremen. Das Karlspreisdirektorium dankte es ihm, indem es die Auswahl der Preisträger stets mit dem Regierungschef abstimmte.

Pfeiffers anfänglicher Wunsch, ähnlich wie die Verleihung der Nobelpreise in Schweden, den Karlspreis durch das Staatsoberhaupt, den Bundespräsidenten, überreichen zu lassen, musste er allerdings aufgeben. Dennoch legte das Karlspreisdirektorium großen Wert auf eine ausgeklügelte Choreografie der Preisverleihung. Ihre Untersuchung bildet die zweite Säule von Bremens Buch.

Bremen hat viel aus den Archiven der Stadt und des Landes zusammengetragen. Verschlossen blieben ihm aber auch weiterhin große Teiles des Archivs der Stiftung Internationaler Karlspreis zu Aachen.

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