Aachen: Flüchtlinge und die Aufgaben Europas: Worte eines weisen Mannes

Aachen: Flüchtlinge und die Aufgaben Europas: Worte eines weisen Mannes

„Wir haben heute die Möglichkeit, mit einer der prägenden Personen unserer Zeit zu diskutieren.“ Mit diesen Worten eröffnete der Schulleiter des Kaiser-Karls-Gymnasiums, Jürgen Bertram, den Morgen.

Im voll besetzten Theatersaal der Schule nahm sich kein geringerer als Alfred Grosser die Zeit, sich den Fragen der Gymnasiasten zu stellen. Und derer gab es viele, gerichtet an einen „Zeitzeugen einer europäischen Geschichtsepoche“, wie Bertram ihn treffend nannte.

Das alles überlagernde Thema waren natürlich auch für die Schüler die Ankunft der vielen Flüchtlinge in Europa und die Ursachen dafür. Grosser plädierte in diesem Zusammenhang vor allem dafür, die Menschlichkeit vor wirtschaftliche Interessen zu stellen. „Die Unterscheidung zwischen sogenannten Wirtschafts- und Kriegsflüchtlingen ist dumm. Natürlich haben alle Menschen, die hierher kommen, ein Interesse daran, ein unabhängiges Leben zu führen.“

Dabei fand er lobende Worte für Kanzlerin Angela Merkel und scharfe Kritik am ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán, den er aufgrund seiner repressiven Politik „als Diktator“ bezeichnete. Es sei nicht tolerierbar, dass dessen Regierungspartei Fidesz noch in derselben Fraktion des Europäischen Parlaments sitze, wie die CDU. Es sei aber insgesamt richtig gewesen, das Dubliner Abkommen nicht weiter einzuhalten und den Flüchtlingen die Einreise zu ermöglichen. „Wenn es aber um die Verteilung der Menschen geht, gibt es keine gute, sondern nur viele nicht so schlechte Antworten.“

Einige Schüler äußerten auch ihre Unsicherheit gegenüber den Medien und ihrer Berichterstattung, etwa im Bezug auf den Ukraine-Konflikt. Grosser gab zu bedenken, dass die Wirtschaftssanktionen neben den Kosten für die europäischen Länder auch Putin helfen würden, das russische Volk hinter sich zu bringen. Auch was die Gefahr durch die Terrororganisation Islamischer Staat angehe, habe er keine Lösung. „Wenn ich Präsident von Frankreich wäre, wüsste ich nicht, was ich machen würde.“

Die Nachrichten aus aller Welt seien aber natürlicherweise meistens negativ, weil die Medien sich für die guten Ereignisse nicht interessierten. Im Austausch zwischen Deutschland, Frankreich und anderen Ländern gebe es beispielsweise große Fortschritte. „Es geschieht auch sehr viel Gutes, von dem wir nichts erfahren“, sagte er.

Mit Blick auf die Europäische Union musste Grosser einem Schüler recht geben, der eine Rückbesinnung auf die Nationalstaaten befürchtete. „Die Gemeinschaft wird zu sehr vernachlässigt und die Staaten handeln für sich alleine. Es ist ein Europa der Staaten, das wir heute sehen“, mahnte er. Diese Union dürfe nicht bloß eine Handels- und Wirtschaftsunion ohne Werte sein. Dabei nahm er auch die Schüler in die Pflicht als jene, die in Zukunft diese Werte hinaustragen und vertreten sollten. Dazu brauche es nämlich überhaupt nicht viel: „Wir sind alle Weltverbesserer. Selbst wenn wir nur im Bus jemanden freundlich anlächeln.“

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