Aachen: Fleischer schlagen Alarm: Immer mehr Geschäfte schließen

Aachen : Fleischer schlagen Alarm: Immer mehr Geschäfte schließen

Für Fleischer geht‘s jetzt um die Wurst. So oder so. Weil immer weniger Fachpersonal zu finden ist und gleichzeitig die Umsätze seit Jahren schwinden, schließen immer mehr Metzgermeister ihre Geschäfte in Aachen. Gerade hat das Familienunternehmen Kerres seinen Laden an der Jülicher Straße geschlossen, Ende Oktober droht das Aus für die Filiale an der Roermonder Straße.

Und Stadtmetzger Christian Cornely macht ab sofort montags an der Großkölnstraße zwangsläufig dicht — es gibt einfach nicht genug Personal. Wolfgang Flachs, Vorsitzender der Aachener Aixtra-Fleischer, warnt: „Vor 20 Jahren gab es noch fast 30 Fleischereifachgeschäfte in der Stadt Aachen, Ende des Jahres 2017 bleiben noch 13 übrig.“

In den Wirtschaftswunderjahren der 50er zählte die Kaiserstadt noch über 150 Metzger. „Danach begann die industrielle Fleischproduktion für Supermärkte und Discounter — mit teils dramatischen Folgen für unsere Fachgeschäfte“, erklärt Flachs. Für Fleischer, die ihre Produkte in der heimischen Wurstküche hinter ihrem Ladenlokal nach bester Handwerkskunst kreieren und veredeln, schwanden Umsätze und Gewinnmargen. „Mancher leistet sich einen Edelgrill für 800 Euro — und brät darauf nur Würstchen vom Billig-Discounter“, wundert sich Bernd Kerres (44).

Nachdem noch bis in die 70er und 80er Jahr für Jahr dutzende Fleischergesellen und Fleischereifachverkäuferinnen in festlichen Zeremonien bei großen Lossprechungsfeiern ins Berufsleben übergeben wurden, zählte man in Aachen 2017 exakt zwei neue Gesellen und eine einzige neue Verkäuferin. Es fehlt Nachwuchs — hinter der Theke, und auch bei Geschäftsübernahmen.

Christian Cornely (45) ist Metzgermeister in vierter Generation. „Mein Urgroßvater hat hier 1907 angefangen.“ Die Entwicklung hätte man sich nicht träumen lassen, sagt er. „Obwohl die Margen — nicht nur angesichts unserer harten Arbeit in der Produktion — immer weiter schwinden und wir schon 20 Prozent über dem Tariflohn für Fleischereifachverkäuferinnen liegen, finden wir kein Personal“, erläutert er. Darum musste er die Öffnungszeiten seiner Fleischerei reduzieren. Was ihn zusätzlich ärgert: „Der bürokratische Aufwand mit all den Nachweispflichten für Produkte und Personal ist für kleine inhabergeführte Geschäfte kaum noch zu schaffen. Der Zeitaufwand dafür ist in den vergangenen Jahren explodiert“, kritisiert Cornely. Und diese Zeit fehlt ihm im Geschäft.

Die Kerres-Brüder Jan, Mark (beide 33) und Bernd würden ihr Geschäft an der Roermonder Straße gerne offen halten. „Wir benötigen dafür aber mindestens drei Fachverkäuferinnen und einen Gesellen“, sagt Jan Kerres. „Wenn Sie jemanden kennen, schicken sie die Leute vorbei!“, fügt er hinzu. Und bleibt skeptisch. Seit etwa drei Jahren ist der entsprechende Personalmarkt wie leergefegt. „Man hätte diesen in der Branche so gefragten Ausbildungsberuf schon vor gut zehn Jahren viel attraktiver gestalten und früher gehaltsmäßig höher eingruppieren müssen“, klagt Bernd Kerres.

Denn Arbeit gibt es genug: Bis zu 110 Mitarbeiter beschäftigt das Familienunternehmen bei großen Veranstaltungen. Man konzentriert sich in der Firmenzentrale auf dem Kaninsberg auf klassischen Party-Service, Catering in allen Dimensionen, Veranstaltungsplanung, das Eventgeschäft und die eigenen „Min“-Bistros: etwa an der Robert-Schuman-Straße und in der Agit an der Dennewartstraße. Das Unternehmen wächst.

Doch immer weniger Familien kochen zu Hause selbst. Die Nachfrage nach klassischen Fleischerei-Produkten — wie Braten oder Eisbein — sinkt. An den Theken geht‘s mehr denn je um die Wurst.