Aachen: „Flame for Peace“: Filmisch fesselnd Krieg und Frieden thematisiert

Aachen : „Flame for Peace“: Filmisch fesselnd Krieg und Frieden thematisiert

Plötzlich steht dieser Mann an der Einlasskasse der Katholischen Hochschulgemeinde: Wollmütze, dunkle Sonnenbrille, kleiner abgewetzter Alukoffer. „Schuldijung“, berlinert er, „können Se mir sagen, wo hier ne Toilette ist“. Jemand in Not, ein Obdachloser? Dagmar Diebels, die Filmemacherin, erkennt den Gast erst mit Verzögerung und stößt einen vernehmlichen Schrei aus „Peter…, ich fass es nicht!“

Laufteilnehmer Peter Bartel, 74, ist unangekündigt extra aus Berlin zur Filmpremiere nach Aachen gekommen. Bartel ist auch ein wenig der Held der Dokumentation über den Friedenslauf „Flame for Peace“ im Sommer 2014 durch zwölf Länder aus dem bosnischen Sarajevo nach Aachen. Zum einen, weil der ehemalige Transkontinentalläufer die 2700 Kilometer als einziger komplett zurückgelegt hat — wenn auch wegen der lädierten Knie auf einem Kickbike. Zum anderen, weil der Mann mit weisen wie berlinerisch-witzigen Kommentaren („Ick bin ja ein Auslaufmodell“) dem Film-Opus seine spezifische Würze gibt.

Diebels und Tom Meffert (Crossculturefilm) haben eine zweistündige (aus vier Terrabyte Material), wiewohl kurzweilige Filmdokumentation hinbekommen um die Friedensflamme, die am 28. Juli 2014, genau 100 Jahre nach Beginn des 1. Weltkrieges, in Sarajevo entzündet und am 21. September im Elisengarten unter prasselndem Applaus von vielen hundert Schaulustigen angekommen war.

Der Film handelt nicht nur vom zehrenden Joggen durch Gluthitze und ergiebige Unwetter, sondern auch von den vielen kuriosen, bewegten und bewegenden Begegnungen entlang europäischer Grauensorte. Bosnien mit seinen noch immer sichtbaren Kriegsmalen, Verdun, zum Ende des Laufs Hürtgenwald und vor allem die Orte der Massaker im Balkankrieg Vor allem Srebrenica.

Filmisch ist das fesselnd umgesetzt: die endlosen Gräberreihen, der Bericht eines Überlebenden vom dreifachen Sterben („erst wurden die Menschen getötet, dann ihre Leichen zerstückelt und schließlich geleugnet, dass es sie gab“) und von Waldarbeiter Sascha. Der hatte sich dem Lauf spontan angeschlossen und als Serbe am Trauerort der Muslime mit den Aachenern einen Kranz niedergelegt.

Mitläufer Peter Hellmann, mit einer Klasse seines Rhein-Maas-Gymnasiums streckenweise dabei, erlebte „so viel Tiefe und Herzlichkeit in den Augen der Menschen.“ Die Statements der Schüler und Schülerinnen im Film lassen ahnen, wie sehr sie gepackt waren, Europas Schreckensorte zu erlaufen. Einer hatte sofort danach seine Idee Ingenieurstudium bei der Bundeswehr begraben.

Der Film thematisiert auch mancherlei Unfrieden der Macher untereinander, wenn die Organisation mal hakte. „Dieser Lauf“, sagt Peter Bartel stoisch irgendwo unterwegs in die Kamera, „ist im Grunde eines Expedition.“ Tom Meffert ergänzte jetzt: Das Projekt habe auch das Filmteam „sehr beansprucht“, da unterwegs halt „immer mal wieder Aggressionen aufgekommen“ seien. „Frieden“ meint im Film einmal lakonisch die bosnisch-stämmige Mitorganisatorin Giana Haas, „Frieden ist eine schwierige Sache für Politiker“ — nicht nur für die.

Im Publikum gab es nachher gerade für die Vielschichtigkeit Lob: „Da sind so viele Ebenen: Laufen, Kontakte, Kontraste, Konflikte. Hätt‘ ich nicht gedacht“, sagte eine danach. Und wie verschieden dieses Europa ist, mit seinen so vielen für uns unbekannten, wunderschönen Ecken vor allem in Serbien und Bosnien, entlang des Flusses Drina. Selbst bei einem Wolkenbruch, bei dem der Aachener Mitläufer Lukas Küpper aus dem Begleitfahrzeug interviewt wurde. „Ach, ich fand die Schwüle gestern viel unangenehmer.“ Und patschte triefnass Kilometer um Kilometer weiter.

Heinz Jussen, der Initiator des Laufs, hatte nicht kommen können. Er weilte noch beim 8. Jugendtheaterfestival Bina Mira im serbischen Zrenjanin. Auch wer wie Jussen, 75, der für sein Engagement auf dem Balkan längst Bundesverdienstkreuzträger ist, 2015 den Europäischen Sozialpreis bekam und als ehemaliger Bergmann während des Friedenslaufes in Aldenhoven launig zum „Friedenssteiger“ ernannt wurde, ist vielbeschäftigt, auch im Alter.

Peter Bartel verließ Aachen noch in der Nacht um 2.53 Uhr: „Schlafen kann ick ooch im Zug.“ Morgens musste er sich daheim wieder um seine kranke Frau kümmern.

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