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Aachen: Filmfestival „ueber macht”: Wenn auch Medikamente nicht mehr helfen

Aachen : Filmfestival „ueber macht”: Wenn auch Medikamente nicht mehr helfen

Nach dem Abspann ist es Dr. Lars Wöckel wichtig, eines klar zu stellen: „Sabine ist nicht der Regelfall”, sagt der Oberarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie des Klinikums.

Die rund 80-minütige Dokumentation, die zuvor über die Leinwand des „Cineplex” flimmerte, ist alles andere als leichte Kost. Nicht zuletzt, weil dem Publikum vermittelt wird, dass es die medizinische Behandlung war, die aus einem lebensfrohen und fidelen Menschen einen bemitleidenswerten Pflegefall machte.

„Ihr Name ist Sabine” lautet der Titel der französischen Dokumentation. Sie bildete den Auftakt zum Filmfestival „ueber macht”, einer Initiative der Aktion Mensch, die in Aachen vom Welthaus koordiniert und von weiteren Partnern unterstützt wird.

Für „Ihr Name ist Sabine” hatte die Lebenshilfe die Partnerschaft übernommen. Zum Konzept des Festivals gehört, dass es nach den gezeigten Filmen eine Podiumsdiskussion gibt. „Ihr Name ist Sabine” machte deutlich, wie wichtig dieses Angebot ist. Denn die Dokumentation erzeugt Gesprächsbedarf nicht zuletzt, weil sie (zu) viele Fragen unbeantwortet lässt.

Im Grunde genommen gibt der Film einen eben so unspektakulären wie eindrucksvollen Einblick in den Alltag einer jungen Frau. Sabine, die von ihrer Schwester, der berühmten französischen Schauspielerin Sandrine Bonnaire, mit der Kamera begleitet wird, lebt in einer betreuten Wohngruppe. Sie leidet an Autismus, ihr Blick wirkt scheinbar abwesend, Speichel fließt aus dem Mund, die Bewegungen sind schleppend. Manchmal wird Sabine plötzlich aggressiv und möchte mit einer Gabel nach ihren Betreuern stechen.

Aber es gibt auch eine andere Sabine, die alten Aufnahmen, die kontrastartig zwischen die Wohngruppen-Dokumentation geschnitten sind, beweisen das. Zu sehen ist Sabine als junges, hübsches Mädchen, deren großer Traum es ist, nach New York zu reisen. Es scheint ein anderer Mensch zu sein, aber es ist der gleiche. Sabine hat sich nach ihrem fünfjährigen Psychiatrieaufenthalt, während der sie starke Psychopharmaka erhielt, grundlegend verändert. Von der selbständigen Frau ist wenig geblieben.

Als „sehr erschreckend” bewertet dann auch Dr. Lars Wöckel die Nebenwirkungen der Medikamente in der anschließenden Podiumsdiskussion, die von Achim Kaiser moderiert wurde. Heute würde so etwas nicht passieren, weil „sich die Psychiatrie in den letzten Jahren grundlegend verändert hat”. Der Autismus an sich, sei medikamentös ohnehin nicht behandelbar. „Nur die begleitenden Störungen”, sagte Psychologin Elke Kirchner, therapeutische Leiterin des Autismus-Therapiezentrums Aachen.

„Wichtig ist es, ihnen Hilfen an die Hand zu geben, ihre Umwelt zu verstehen”, so Sozialpädagogin Birgit Fofana, die eine autistische Wohngruppe betreut. Sabines Aggressivität sei so ein Punkt gewesen, denn er im Film wieder erkannt habe, sagte Max Haurand, dessen 14-jähriger Bruder an Autismus leidet. Und die leicht schläfrige Teilnahmslosigkeit, die Probleme, Freude auszudrücken, kämen ihm ebenfalls recht bekannt vor.

Für Mutter Regina Haurand ist es dagegen wichtig, nicht in die Opferrolle zu schlüpfen: „Die Familie und besonders die Geschwister fühlen sich immer unglaublich verantwortlich. Aber das behinderte Kind sollte nicht stets im Mittelpunkt stehen.”